Der ANQ missbilligt die Verwendung seiner Daten für Spitalvergleiche

Der für Qualitätssicherung zuständige ANQ will nicht, dass gewisse Organisationen mit seinen Daten ein Spitalrating erstellen. Die Kritik richtet sich insbesondere an den Verein Spitalvergleich Schweiz.

, 26. April 2017, 21:13
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Spieglein, Spieglein..... nicht die Schönste im Land wird gesucht, sondern das beste Spital. Der Verein Spitalvergleich Schweiz will die Antwort ganz genau wissen: In der Region Zürich liegt das Pyramide am See an der Spitze, ein reines Vertragsspital. Gefolgt vom Spital Einsiedeln und der Andreas-Klinik in Cham.
In Basel führt das Merian Iselin die Rangliste an; in der Region Bern ist es das Sonnenhofspital, das zur Lindenhofgruppe gehört.

Spitalvergleich mit Daten des ANQ

Der Verein Spitalvergleich Schweiz stützt sich unter anderem auf die publizierten Daten des ANQ. Das Kürzel steht für Nationaler Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken. Seit 2009 koordiniert und misst der ANQ die Qualität in Spitälern im stationären Bereich. Medinside berichtete.
Dass nun gewisse Organisationen mit den Daten des ANQ ein Rating erstellen, missbilligt der ANQ. «Wir sind grösstmöglicher wissenschaftlicher Sorgfalt verpflichtet und kommunizieren deshalb unsere Resultate nach einem klaren Konzept», erklärt ANQ-Präsident Thomas Straubhaar. 

Thomas Straubhaar: «Ein Geriatriespital hat nun mal eine grössere Sterblichkeitsrate als eine Kinderklinik.»

In einem Newsletter schrieb der ANQ kürzlich, dass man von Spital- oder Klinikranglisten entschieden absehe. Je nach Fachbereich und Messinstrument sei die Aussagekraft der Messungen beschränkt. Die Resultate bildeten nur Teilaspekte der Gesamtqualität eines Spitals oder einer Klinik ab.

ANQ-Daten dienen den Spitälern

Wie Thomas Straubhaar auf Anfrage präzisiert, dienen die Qualitätsindikatoren den Spitälern und Kliniken hauptsächlich dazu, Grundlagen zu erhalten, um gezielt Massnahmen zur Verbesserung der Qualität zu entwickeln. Zudem sollen sie sich im Quervergleich mit anderen Spitälern betrachten können. Und schliesslich dienen die erhobenen Daten auch bei Tarifverhandlungen und Leistungsvereinbarungen.
«Ein Geriatriespital hat nun mal eine grössere Sterblichkeitsrate als eine Kinderklinik», so Straubhaar weiter. Ratings könnten solchen Begebenheiten nie gerecht werden.

Warum der ANQ seine Daten veröffentlicht

Mitglieder des ANQ sind der Spitalverband Hplus, die Kranken- und Unfallversicherer sowie die Kantone. Warum also die Resultate nicht nur den Mitgliedern zur Verfügung stellen, die sie auch wirklich zu interpretieren vermögen? «Das wollen wir nicht», sagt ANQ-Präsident Thomas Straubhaar. Das Gesundheitswesen werde mit Prämiengeldern und öffentlichen Geldern finanziert. Prämien- und Steuerzahler hätten das Recht zu wissen, welche Messergebnisse die einzelnen Spitäler und Kliniken erzielen. Laut Straubhaar sei es aber wichtig, sie im Kontext der jeweiligen Messung zu betrachten und dabei die Chancen und Grenzen derselben zu kennen. «Diesem Anspruch können einfache Rankings nicht gerecht werden.» 
Der ANQ hat sein Anliegen beim Verein Spitalvergleich Schweiz vorgebracht. Eine konkrete Antwort ist laut Straubhaar noch ausstehend.

Qualitätsindikatoren bilden nur Teilaspekte ab

Dafür hat Medinside von Manuela Gschwend eine Stellungnahme erhalten. Die Präsidentin des Vereins Spitalvergleich Schweiz erklärt, dass man wiederholt darauf aufmerksam mache, dass ein einzelner Qualitätsindikator naturgemäss nur einen Teilaspekt der Qualität eines Spitals abbilden könne. 
«Deshalb empfehlen wir das Studium verschiedener Kennzahlen, und genau aus diesem Grund ermöglichen wir - als einzige Spitalvergleichs-Plattform - Kombinationen von verschiedenen Kennzahlen.»

«Der ANQ diskreditiert seine eigenen Messungen»

Manuela Gschwend räumt jedoch ein, dass es bei aller Übereinstimmung mit dem ANQ zwei Punkte gebe, bei welchen sie eine andere Meinung vertrete: Erstens diskreditiere der ANQ mit seiner Argumentation seine eigenen Messungen und Resultate. «Diese Situation hat etwas Paradoxes: Wir sind der Auffassung, dass die Daten des ANQ – neben jenen des BAG – zu den besten in der Schweiz gehören».
Die zweite Divergenz bezieht sich auf die Bestenlisten. «Der ANQ verteufelt dieses Instrument und stellt genau aus diesem Grund seine Daten in einer für Patienten nahezu unverständlichen Weise dar», schreibt Manuela Gschwend in ihrer Stellungnahme. «Das erachten wir als wenig hilfreich. Patienten sollten nicht unterschätzt werden.» 
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