Beda Stadler: «Ohne Arztzeugnis zuhause bleiben»

Auf keinen Fall ins Wartzimmer des Hausarztes: Das rät der Immunologe Beda Stadler im Interview mit Medinside. Er findet die Reaktion des BAG besonnen und angemessen.

, 26. Februar 2020, 12:33
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Herr Stadler, finden Sie, das Bundesamt für Gesundheit BAG reagiert gut auf den ersten Corona-Virus-Fall in der Schweiz?

Ja. Es dürfte einige Dinge sogar noch etwas klarer sagen, damit sie sich die Betroffenen zu Herzen nehmen: Wer das Gefühl hat, krank zu sein, muss vor allem darauf achten, dass er seine Mitmenschen nicht ansteckt. Das Abriegeln von ganzen Regionen oder das Dichtmachen von Grenzen ist sinnlos. Viren springen ja nicht von Land zu Land, sondern von Mensch zu Mensch. Das Wichtigste ist also, dass man die Wege von Gesunden und Kranken so früh wie möglich trennt.

Was heisst das konkret?

Wer sich krank fühlt, sollte nicht gleich zum Arzt rennen und dort im Wartzimmer alle anderen einer Ansteckungsgefahr aussetzen. Sondern zuhause bleiben und sich selber auskurieren. Denn man muss sehen: Das Corona-Virus ist zwar etwas gefährlicher als das Grippe-Virus. Doch daran gestorben sind bisher nur Menschen, die schon vorher krank oder schon älter sind. Seit Januar sind übrigens schon 75 000 Menschen an der Grippe und 2700 Menschen am Corona-Virus gestorben.

Haben Länder wie China oder Italien überreagiert?

Das ist schwierig zu sagen. In Italien blieben Corona-Fälle fast einen Monat unerkannt, weil ein Lokalspital einen Infizierten ohne die nötigen Anweisungen heimgeschickt hat. Darum hat Italien nun ein grosses Problem. Meiner Meinung nach ist es aber sinnlos, Kranke mit Gesunden zusammen zu isolieren. Besonders sinnlos ist das etwa auf einem Kreuzfahrtschiff, wo sich das Virus über die Lüftung oder das Essen gut ausbreiten kann.

Wie isoliert man denn die Kranken?

Ich würde als vorübergehende Massnahme propagieren: Jeder, der sich krank fühlt, darf vorläufig ohne Arztzeugnis zuhause bleiben. Da wird es zwar ein paar Leute geben, die das ausnützen und sich ein paar freie Tage gönnen. Aber letztlich kostet es viel weniger, wenn Kranke ihre Mobilität selber eingrenzen, als wenn der Bund die Grenzen abschottet oder eine ganze Region abkapselt. Dazu kommt, dass man schnell mit Testen beginnen sollte und die Corona-Fälle so möglichst früh erkannt werden.

Wo soll man testen, wenn Kranke das Wartzimmer des Hausarztes nicht betreten sollen?

An Orten, wo die Betroffenen nicht auf andere Kranke treffen: Also in grösseren Arztpraxen und in Spitälern, wo es eigene Eingänge gibt und wo das Personal unter Schutzbedingungen eine Probe nehmen kann. Ich befürworte übrigens Schutzmasken für Kranke. Die nützen etwas, weil die Viren beim Husten nicht überall herumgeschleudert werden. Hingegen bringen Masken für Gesunde kaum etwas.

Und was passiert mit den Erkrankten?

In 80 Prozent der Fälle verläuft eine Infektion mit dem Corona-Virus so harmlos wie eine Erkältung. Das Personal kann also nach dem Test entscheiden, ob die Betroffenen Betreuung brauchen oder ob sie sie heimschicken können mit den entsprechenden Anweisungen, wie sie sich verhalten müssen, damit sie zuhause ihre Liebsten nicht anstecken.

Das tönt ganz einfach.

Das ist es auch. Und ich hoffe, dass das BAG die Hysterie um das Corona-Virus dazu nutzen kann, die Leute zum richtigen Verhalten bei Grippewellen anzuhalten: Dass sie nämlich in erster Linie darauf achten, dass sie nicht andere anstecken und zuhause bleiben, statt dass sie die Viren auf dem Weg zum Arzt überall verbreiten.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) betreibt zum Coronavirus ein Telefon, das sich speziell an Gesundheitsfachpersonen richtet: 058 462 21 00, täglich von 8 bis 18 Uhr.
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