Argomed zu Tarmed: Bundesrat sabotiert sich selber

Die grosse Managed-Care-Organisation weist auf einen Widerspruch hin: Warum fördert Bern die Interprofessionalität – und kürzt zugleich bei der dafür nötigen Zeit?

, 16. Juni 2017, 08:39
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Täglich melden sich Ärzteorganisationen mit frischen Argumenten gegen den Tarmed-Eingriff des Bundesrates. In einer neuen Stellungnahme äussern sich nun auch die Argomed Ärzte. Sie zeigen zwar grundsätzlich Verständnis – benennen aber auch Probleme und Widersprüchlichkeiten
Die Argomed Ärzte AG ist die grösste Managed Care Organisation im Land, sie vereint über 700 Hausärztinnen und Hausärzte in 18 Ärztenetzen. Mitte Mai diskutierten die Mitglieder der Argomed-Netzwerke über das Tarmed-Paket der Landesregierung. Dabei entstand eine Stellungnahme ans BAG. Die wichtigsten Punkte darin:

Ja zum einheitlichen Diginitätsfaktor — Nein zur Senkung 

Laut den Plänen von BAG und Alain Berset soll ein einheitlicher Dignitätsfaktor von 0,968 den heutigen Range ersetzen. Die Argomed-Ärzte haben nichts gegen eine Vereinheitlichung, sie legen ihren Finger aber auf einen anderen Aspekt: Die Vereinheitlichung wurde mit einer Senkung verbunden, nämlich eben: von durchschnittlich 1,000 auf pauschal 0,968. Das sei «nicht nachvollziehbar und nicht sachgerecht». 

Ja zur Zuschlagsposition für die hausärztliche Leistung

Der Bundesrat will die beim Tarifeingriff 2014 eingeführte Zuschlagsposition für hausärztliche Leistungen beibehalten. Die Argomed begrüsst diesen Entscheid: Er sei ein wichtiges Signal im Sinne der Grundversorgung.

Leistungen in Abwesenheit des Patienten: Nein zu Begrenzungen

Ein vielkritisierter Punkt ist bekanntlich, dass die Leistungen in Abwesenheit des Patienten auf maximal jeweils 30 Minuten alle 3 Monate pro Patient beschränkt werden sollen.
Die Argomed-Ärzte sind dagegen. Denn die geplanten Limitationen benachteiligten insbesondere ältere und chronisch kranke Patienten – «einmal mehr».
Hier sichtet Argomed ohnehin einen Widerspruch und eine Sabotage der Effizienz: Bei älteren und chronisch kranken Patienten liege ein grosses Einsparpotenzial – wenn Behandlungspfade durch den Hausarzt optimiert werden könnten. Und so sei es «völlig unverständlich», dass der Bundesrat in der Strategie «Gesundheit2020» zwar die Interprofessionalität fördern will, die zur Behandlung chronisch kranker Menschen nötig ist – dass er dasselbe Ziel aber durch die Limitationen des Tarifeingriffs gleich wieder sabotiert.
Der Vorschlag von Argomed: Allenfalls könnte eine neue Position geschaffen werden, welche die aufwendigen Behandlungspfade bei chronisch kranken Menschen abbilden kann. 

Nein zur Umwandlung der hausärztlichen Untersuchung in eine reine Zeitleistung

Weiter sieht der Tarmed-Eingriff vor, dass die hausärztliche körperliche Untersuchung in eine reine Zeitleistung umgewandelt wird.
Dies werte die hausärztliche Leistung führt ab, urteilen die Argomed-Ärzte. Und es untergrabe das Kernstück der Sprechstunde – Anamnese, Untersuchung und Beratung des Patienten. 

«Entmenschlichung der Medizin»

Die Genfer Ärzteschaft befürchtet, dass die Versicherer die Gesundheitsversorgung völlig in den Griff nehmen
Auch die Genfer Ärzteschaft stellt die Zeitguillotinen ins Zentrum ihrer Kritik am Tarmed-Projekt: Der Regierungseingriff schaffe eine «grausame und undurchführbare Begrenzung der Zeit, die mit dem Kranken verbracht werden kann», schreibt die Association des Médecins du canton de Genève in ihrer Stellungnahme. «Der Patient ist bei M. Alain Berset und seinen Ämtern der grosse Vergessene». 
Jeder Patient sei anders, und so sei es auch nicht möglich, die Behandlungszeit zu standardisieren. Wie die Argomed-Ärzte erinnern auch die Genfer Mediziner daran, dass die Tarifreform vor allem Schwerstkranke trifft – «das heisst jene, die am meisten Zeit und Zuwendung benötigen». 
«Rein merkantiler Antrieb»
Und so urteilt die AMG: «La déshumanisation de la médecine est en route!» Doch die Medizin sei kein Geschäft, und so lasse sie sich auch nicht einfach mit Zahlen führen.
In ihrer branchenpolitischen Deutung werden die Genfer Ärzte recht deutlich: «Die Versicherer haben in einem rein merkantilen Antrieb pausenlos nach dem guten Risiko gesucht. Der Bundesrat und das BAG, die jetzt in die Falle der strikten Minutage fallen, ermöglichen den Krankenversicherern teilweise ihren Traum, das Gesundheitsystem in den Würgegriff zu nehmen.»
Denn nicht nur, dass die Versicherer festlegten, wie lange eine Kolonoskopie oder eine Katarakt-Operation zu dauern hat: Jetzt bestimmten sie auch, wieviel Zeit die Ärzte ihren Patienten widmen dürfen – und das, ohne den Einzelfall zu berücksichtigen.
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