Ärzte sind vielleicht ein bisschen bestechlich. Aber was soll's.

Ein grosser Teil der Schweizerinnen und Schweizer denkt, dass die Ärzte ihnen Medikamente unter wirtschaftlichen Aspekten verschreiben – im eigenen Interesse. Dies besagt eine Comparis-Umfrage. Aber man vertraut dem Doktor trotzdem.

, 11. August 2016, 07:11
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Eigentlich gibt es auch 2016 nichts zu deuteln: Die Ärzte haben ein hervorragendes Image (das zeigen Umfragen regelmässig), und auch im politischen Prozess geniessen sie eine hohe Glaubwürdigkeit. 
Eine Erhebung, die Comparis jetzt veröffentlicht hat, scheint dies nochmals zu bestätigen, zumindest in gewissen Punkten. Denn jede vierte Person äusserte in der repräsentativen Befragung – durchgeführt im Juli durch das Institut Innofact –, dass sie eine vom Arzt vorgeschlagene Behandlung nicht hinterfrage. Bei den 15- bis 29-Jährigen war es sogar jeder Dritte.
Kritischer waren ältere Patienten: Drei Viertel der 60- bis 74-Jährigen gaben an, die vorgeschlagene Behandlung auch mal kritisch in Frage zu stellen.

Der Doktor weiss schon, was er tut

Insgesamt kommt in der Umfrage also doch noch eine Position ans Licht, die an die früheren Halbgötter mit Stethoskop erinnert. Der Arzt weiss offenbar, was er tut – so eine verbreitete Meinung. Und wie Comparis im Communiqué zur Umfrage vermerkt, ist die Einsicht immer noch selten, dass man als Patient auch die Pflicht hat, seine Behandlung kritisch zu hinterfragen.
So haben denn auch 36 Prozent der Schweizer laut der Umfrage noch nie nachgefragt, warum sich ihr Arzt für ein bestimmtes Medikament entschieden hat. Im Tessin stellt gar nur jeder zweite die Frage nach dem Sinn oder Unsinn der Medikamentenwahl.

Man weiss um den Bias

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite glaubt knapp 40 Prozent der Menschen in der Schweiz, dass der Arzt ihnen schon mal ein Medikament verschrieben hat, das primär ihm einen Nutzen brachte. Diese Vermutung ist besonders verbreitet bei der jüngeren Generation: Hier wittert fast jeder zweiten Person diesen Bias.
Ein Detail: Am argwöhnischsten sind die Bewohner aus dem Bündner Oberland, wo sich satte 69 Prozent aller Befragten vorstellen können, dass Medikamente nach wirtschaftlichen Aspekten im Interesse des Arztes verschrieben werden.
Kurz: Trotz des guten Image geht ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer davon aus, dass ihre Ärzte zu einer gewissen Bestechlichkeit neigen.
Insgesamt kommt ein ziemlich traditionelles Bild des Arzt-Patienten-Verhältnisses heraus: Arzt entscheidet, Patient nickt. Bei der Frage, ob ihr Arzt jeweils die Behandlung als auch deren Alternativen besprochen habe, antwortete immerhin ein Fünftel mit Nein – der behandelnde Arzt habe keine Alternativen zur Behandlung besprochen.
Auch hier schwangen die Tessiner oben aus; mehr als jeder Dritte gab an, nicht über alternative Behandlungsmethoden informiert worden zu sein.

Alternativlos

Aber auch die Mediziner selber suchen nicht unbedingt nach Alternativen, wenn ihre Patienten etwas wollen: Wünscht ein Patient ein bestimmtes Medikament, so stimmt dem etwa jeder zweite Arzt einfach zu. Konkret: Bei über der Hälfte aller Befragten stellten die Ärzte auf Wunsch nach einem Medikament ohne Hinterfragen ein entsprechendes Rezept aus.
Insgesamt kommt bei der Umfrage ans Licht, dass die Bevölkerung zwar durchaus Ungereimtheiten im System wittert, aber dass viele darauf verzichten, selber aktiv zu werde. Eine eher passive Patientenhaltung scheint recht verbreitet. 
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