«2030 wird aufgrund der Prognosen jeder zweite Psychiater ein Ausländer sein»

Pierre Vallon, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, erklärt, weshalb das Globalbudget für Psychiater eine Katastrophe wäre und warum in zwölf Jahren jeder zweite Psychiater ein Ausländer ist.

, 9. Januar 2018 um 21:42
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Pierre Vallon: «Es ist ein Problem, dass ausländische Ärzte ohne genügend Sprachkenntnissse in der Schweiz arbeiten.»
Herr Vallon, Sie haben eine Praxis in Morges, gehen aber mindestens einmal pro Woche auf die Geschäftsstelle in Bern. Warum auch? Die Geschäftsstelle ist ja nicht nur für Administratives besorgt. Wir machen hier Politik, haben Sitzungen und besprechen, wie wir dies und jenes anpacken wollen.
Womit sind Sie derzeit besonders beschäftigt? Der neue Ärztetarif Tarco. Wir müssen dafür kämpfen, dass unsere Leistungen nicht degradiert werden. Wir müssen auch gegen die Aufhebung des Kontrahierungszwangs kämpfen und dafür sorgen, dass das Globalbudget nicht eingeführt wird. Das wäre eine Katastrophe.
Moment: Die Aufhebung des Vertragszwangs ist doch derzeit gar kein Thema? Er lauert trotzdem immer im Kopf von gewissen Parlamentariern.
Warum wäre das Globalbudget für Psychiater eine Katastrophe? Was passiert, wenn ich im September das Budget aufgebraucht habe? Soll ich dann die Praxis bis Ende Jahr schliessen und meinen Patienten sagen, sie sollen sich im Spital melden?
So weit wird es kaum kommen. Die Schweiz hat von allen europäischen Ländern die grösste Dichte an Psychiatern. Passen Sie auf. Wir haben in der Psychiatrie ein Nachwuchsproblem. Viele der heutigen Psychiater gehören zur Babyboomer-Generation und werden bald in Pension gehen. Die jungen Ärzte wollen nicht mehr Psychiater werden.
Wegen dem ungenügenden Verdienst? Dies ist nur der eine Grund. Viele Mediziner sind fasziniert von der Technik, von MRI oder PET-Scan. Die sprechende Medizin finden sie langweilig. Zu unserer Zeit waren die Jungen generell revolutionärer unterwegs und interessierten sich eher für soziale Themen. Vielleicht fehlt es heute auch an den Professoren, die die jungen Studenten für die sprechende Medizin zu begeistern vermögen.
Psychiater aus dem Ausland werden in die Bresche springen. Mag sein. 2030 wird aufgrund der Prognosen jeder zweite Psychiater ein Ausländer sein. Das Problem ist aber, dass Ärzte aus dem EU-Raum in der Schweiz als Äquivalenz den Facharzttitel für Psychiatrie und Psychotherapie bekommen, obschon sie manchmal gar nicht über eine entsprechende Ausbildung verfügen.
Wie das? In der Schweiz müssen wir nach dem Medizinstudium für den Facharzttitel eine sechsjährige Weiterbildung absolvieren. Darin haben wir drei Jahre Ausbildung für Psychotherapie. In Deutschland und in Österreich gibt es auch eine solche Ausbildung für Psychotherapie, nicht aber in Frankreich oder Italien.
Und jetzt? Fachärzte aus EU-Länder können in der Schweiz in der Praxis das Schild aufhängen als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie – ohne entsprechende Ausbildung. Das ist Betrug am Patienten.
Manche können ja gar nicht Deutsch oder Französisch? Das ist ja das Problem, dass ausländische Ärzte ohne genügend Sprachkenntnissse in der Schweiz arbeiten. Das ist stossend und schadet dem Ruf unseres Berufstandes.
Man spricht immer vom Hausärztemangel. Ich habe noch nie vom Psychiatermangel gehört. Der Psychiatermangel ist auch schwierig zu kommunizieren, weil die Schweiz die höchste Dichte an Psychiatern aufweist. Wir haben 45 Psychiater auf 100'000 Einwohnern. Die zweithöchste Dichte führt Island mit 24 Psychiatern auf 100'000 Einwohnern.
Die hohe Dichte ist ein Zeichen, dass es hierzulande zu viele Psychiater gibt. Nein, in der Schweiz sind die Hürden tiefer als im Ausland. Man kann direkt zum Psychiater gehen, ohne vorgängig den Hausarzt zu besuchen. Und es ist ja nicht so, dass die Psychiater zu wenig Patienten hätten.
Man müsste daraus schliessen, dass der Anteil psychisch Kranker in der Schweiz grösser ist als im Ausland. Nein, im Ausland gibt es weniger Psychiater, weil sie weniger Ausbildungsplätze haben.
Das Angebot bestimmt die Nachfrage. Ja, das kann man so sagen.
Zurück zum Ärzttarif. Sie wollen das Globalbudget verhindern. Ich dachte, sie wollten eine bessere Entschädigung. Man sagt, Psychiater seien im Vergleich zu anderen Ärzten unterbezahlt. Das stimmt. Aber man muss realistisch sein. Der jüngste Tarifeingriff von Bundesrat Alain Berset kostet uns 3,5 Prozent des Umsatzes. Doch massgebend für die Entlöhnung ist der von den Kantonen vorgegebenen Taxpunktwert. Im Kanton Waadt ist er mit 95 Rappen noch relativ hoch. Im Wallis beträgt er bloss 87 Rappen. Im Schnitt ist er aber in den zehn letzten Jahren immer wieder gesunken.
Was meinen Sie mit dem Tarifeingriff? Der Bundesrat hat doch bei Psychiatern die Leistung in Abwesenheit des Patienten nicht gekürzt.Das war ja nur einer von mehreren Massnahmen. Aber Sie haben recht. Der Bundesrat wollte die Zeit, die wir verrechnen dürfen, halbieren. Wir konnten dann das BAG davon überzeugen, von dieser Kürzung abzusehen. Wir können jetzt pro Patient im Quartal maximal 180 Minuten verrechnen; also 60 Minuten pro Monat.
Reicht das? Für mich reicht das. Bundesrat Berset wollte diese maximale Zeit auf 90 Minuten kürzen, was für Kinderpsychiater, die mit Eltern, Lehrern, Logopäden und andere reden müssen, nie genug gewesen wäre. Zum Glück hat er dann davon abgesehen.
Ist es nicht so, dass bei Kinderpsychiatern ein grösserer Handlungsbedarf besteht als bei Psychiatern? Richtig ist, dass wir in der Schweiz zu wenig Kinderpsychiater haben. Das Büro Bass hat im Auftrag des BAG eine Studie verfasst. Darin geht hervor, dass in der Kinderpsychiatrie ein Versorgungsengpass besteht. Es gibt etwas über 600 Kinder- und Jugendpsychiater gegenüber 3300 Psychiater, die Erwachsene behandeln. 
    Finden Sie es richtig, dass Psychiater via OKP abrechnen können; Psychologen hingegen nicht? Stossend finde ich etwas anderes: Man hat die Delegierte Psychiatrie ins Leben gerufen, damit die psychologische Psychotherapie als Pflichtleistung der Grundversicherung anerkannt ist. Bedingung ist, dass die in der OKP anerkannte psychologische Psychotherapie unter der Aufsicht eines Arztes in den Praxisräumen des Arztes stehen und im Rahmen eines Arbeitsverhältnisses durchgeführt wird.
    Was ist stossend daran? Stossend ist, dass Psychotherapeuten im Tarmed wie ein Apparat betrachtet werden, also wie ein Röntengerät oder ein EKG. Im Tarmed sind ärztliche Leistungen abgerechnet. Da aber Psychologen keine Ärzte sind, werden ihre Behandlungen nur als technische Leistungen fakturiert.
    Aber eben: Psychotherapeuten können jetzt nur dann via OKP abrechnen, wenn sie bei einem Arzt angestellt sind. Ja. Das ist noch so. Der Bundesrat muss aber bald entscheiden, dass Psychologen selbstständig via OKP abrechnen können, sofern der Patient von einem Arzt überwiesen wurde, analog der Physiotherapeuten. Dann könnten sie mit dem eigenen und nicht mit dem ärztlichen Tarif abrechnen. Es ist schon eine Weile her, dass diese Frage gestellt wurde. Schon Ruth Dreifuss wollte die Leistung der psychologischen Psychotherapeuten der OKP unterstellen.
    Das käme einer Ausweitung des Leistungskatalogs gleich. Ja, man schätzt mit Zusatzkosten von 150 Millionen Franken, die von der Grundversicherung übernommen würden, was bisher die Zusatzversicherung oder der Patient bezahlt
    Pierre Vallon ist Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Der 65-jährige Romand sitzt auch im Vorstand der FMH.

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