12 Tipps: So erkennen Sie unbrauchbare Medizin-Meldungen

Eine Liste verschafft Klarheit in der täglichen Nachrichtenflut über Gesundheit und medizinische Forschungsergebnisse.

, 16. September 2015, 07:19
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Täglich bekommen wir neue Berichte über neue medizinische Erkenntnisse, Durchbrüche oder Therapien serviert – bei der stetigen Serie an Erfolgsmeldungen erstaunt es fast, dass der moderne Mensch überhaupt noch gesundheitliche Probleme hat.
Doch Gesundheits-Profis wissen es natürlich: Da wird vieles aufgebauscht, falsch verstanden oder unkritisch weiterverbreitet.
Nur was? Und was wäre trotzdem interessant?
Ein Hilfsmittel zur Orientierung haben wir bei «On the Media» gefunden; das ist eines der ältesten (und kritischsten) Medien-Portale der USA. Das OTM-Team hat eine praktische Liste erarbeitet, in der aufgespiesst wird, wie Medien über Gesundheit respektive über medizinische Forschungsergebnisse berichten.
Kurz: Es ist ein Konsumentenhandbüchlein für Gesundheits-News.
Als Health-Professional kann man die Sache natürlich auch von der anderen Seite betrachten: Es wäre dann eine Liste von 12 Fehlern, die man bei der Mitteilung seiner medizinischen Einsichten vielleicht besser vermeiden würde…
1. Achtung bei Geschichten, die nur eine Quelle nennen. Dahinter steht normalerweise einfach ein Pressecommuniqué – und dieses wiederum verfolgt eine gewisse Absicht.
2. Aufgepasst bei Meldungen, in denen die Kosten kein Thema sind. Denn die Kosten sind ein entscheidender Punkt (wenn eine neue, wunderbare Therapie völlig jenseits des Tragbaren ist – dann ist sie nicht so wunderbar).
3. Prozentsätze im Titel sind immer kritisch. Wenn etwas «das Risiko von X um Y % senkt», dann ist die Chance gross, dass Sie etwas falsch verstehen.
4. Wenn etwas zu gut tönt, um wahr zu sein, dann ist es das wahrscheinlich auch. Nennt ein Bericht nur die positiven Punkte einer Studie oder einer Therapie, dann ist es ein schlechter Bericht. Alle medizinischen Eingriffe haben auch Nachteile.
5. Anekdoten sind keine Daten. Aufgepasst bei Geschichten, die auf Patientenbeschreibungen gründen. Anekdoten werden üblicherweise dazu benutzt, unklare Daten zu übertünchen.
6. Ein «einfacher Test» ist niemals einfach. Der Entscheid, der zu einem Test führt, ist für die Patienten meist wichtig und schwierig.
7. Vorsicht bei übertriebener Sprache: «Durchbruch», «Erstmals…», «Umbruch» – das sind Warnsignale. Wenn Sie lesen: «Dies könnte zum … werden», dann ersetzen sie es mit: «Das könnte nicht zum … werden.»
8. Wenn der Titel eine Frage ist («Durchbruch im Kampf gegen den Krebs?»), dann müssen Sie den Beitrag nicht lesen. Die Antwort lautet nämlich Nein.
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Zum Drucken, Herausreissen, an die Wand hängen: «Breaking News Consumer's Handbook – Health News» im Original
9. Neu heisst nicht besser. Oft ist der neueste Test, die neuste Therapie, die neuste Behandlungsmethode bloss teurer, aber nicht effizenter.
10. Achtung vor Pathologisierungen. Auch Symptome, Risiken, Erkrankungen oder epidemologische Daten können dramatisiert werden – und dermassen übertrieben, dass Gelder dafür locker gemacht werden.
11. Das angekündigte Mittel existiert vielleicht gar nicht. Formulierungen wie «die Bewilligung der FDA steht noch aus» oder «ist in einer vorklinischen Testphase» bedeuten oft: Es ist ein Traum.
12. Es gibt einen Unterschied zwischen Mäusen und Menschen. Vom Tierversuch zum Menschen ist es ein weiter Weg, der oft in die Irre führt.
Alles klar? Wenn Sie sattelfest in Sachen Gesundheits-News sind (und das in Englisch), dann können Sie ja auch diesen Test durchführen: Das «Health Consumer News Quiz» von «On the Media».
Hattip: @MarcGozlan
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