Personalmangel – eine provokative Antwort

Unpopuläre Massnahmen sind unumgänglich. Der Öffentlichkeit muss klar gemacht werden, dass nicht mehr alles möglich ist.

, 21. Januar 2023, 07:00
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Beat Straubhaar.
Einmal mehr ist das Fehlen von Mitarbeitenden im Gesundheitswesen zum Hype in den Medien und in der Politik geworden. Nur, der Personalmangel ist seit 20 Jahren ein Thema. Studien haben immer wieder aufgezeigt, dass ein Mangel an Fachpersonen besteht und dieser sich in der Zukunft akzentuieren wird.
Gründe dafür wurden auch genannt, insbesondere die Alterung der Bevölkerung und die Zunahme der Einwohnenden. Darauf hat als erster der Kanton Bern reagiert - andere folgten ihm - und hat eine Ausbildungsoffensive gestartet. Die Gesundheitsinstitutionen wurden auf Grund ihrer Grösse verpflichtet, Ausbildungsplätze anzubieten. Zudem wurden neue Berufsbilder geschaffen. Dennoch besteht eine Differenz zwischen dem Angebot und der Nachfrage nach qualifizierten Mitarbeitenden.
In der heutigen Diskussion zu diesem Thema fällt auf, dass die Politik aus Bundesbern dazu keine neuen brauchbaren Antworten liefert, sondern das Problem immer wieder mit anderen Worten schildert oder die Verantwortung auf die Kantone abschiebt. Wenn Antworten daherkommen, so sind es banale, oberflächliche Vorschläge wie, «Ausbildungsoffensive», «bessere Arbeitsbedingungen», «Steigerung der Attraktivität der Gesundheitsberuf». Rezepte, die uns von rührigen Gesundheitspolitikern und -innen bereits in den vergangenen Jahren aufgetischt wurden.
Oft macht man auch die Gesundheitsinstitutionen verantwortlich, dass diese nichts zur Verbesserung der Situation ihrer Mitarbeitenden machen. Jedoch, gut geführte Gesundheitseinrichtungen haben und sind bereit, einen grossen Aufwand für gute Arbeitsbedingungen zugunsten ihrer Mitarbeitenden zu betreiben.
Aber: Wenn Berufsverbände mit martialischen Worten und Bildern die Überforderung von Pflegenden als Dauerzustand darstellen, so ist das auch nicht dazu geeignet, den Beruf attraktiver darzustellen, um mehr Menschen für Gesundheitsberufe zu begeistern.
Heute kommt hinzu, dass der Mangel an Fachkräften nicht nur das Gesundheitswesen trifft. Zudem verändert sich die Gesellschaft, die persönliche Lebensqualität hat heute einen anderen Stellenwert. Zu berücksichtigen gilt zudem, dass Berufe im Gesundheitswesen immer noch mehrheitlich von Frauen besetzt werden – zunehmend auch in der Ärzteschaft. Auch aus diesem Grunde ist das Potential an Mitarbeitenden kleiner geworden.
Vor diesem Hintergrund ist es eine Illusion darauf zu hoffen, zusätzliche Mitarbeitende für Gesundheitsberufe zu finden. Deshalb: Man muss sich damit abfinden, dass das Angebot an Fachkräften dauerhaft nicht mit deren Nachfrage übereinstimmt.
Was tun? Unpopuläre Massnahmen sind unumgänglich. Der Öffentlichkeit muss klar gemacht werden, dass nicht mehr alles möglich ist, dass Selbstverantwortung wieder einen höheren Stellenwert erhalten muss. Das heisst: Abkehr von einer Mentalität, dass für Bagatellfälle jederzeit eine Arztpraxis oder ein Spital aufgesucht werden kann. Das beschränkte Angebot an Mitarbeitende verlangt auch, dass die Politik entscheiden muss, wo stationäre Einrichtungen für welche Disziplinen sinnvoll und notwendig sind. Das bedeutet letztlich eine Verzichtsplanung. Es sind für einmal nicht die Kosten, die das verlangen, sondern der anhaltende Mangel qualifizierter Mitarbeitenden.
Zentral ist im Weiteren, dass alles daran gesetzt werden muss, dass Mitarbeitende, die den Beruf verlassen wollen, dem Gesundheitswesen erhalten bleiben; Unnötiges ist zu eliminieren, Prozesse sind zu vereinfachen. Gerade was die Dokumentation anbelangt, können mit der Digitalisierung der Prozesse Vereinfachungen vorgenommen werden.
Gut geführte Institutionen haben reagiert und unsinnige bürokratische Prozesse eliminiert. Nur, es braucht eben auch Anstrengungen von aussen, die die Digitalisierung «systemübergreifend» fördern. Neue Technologien wie die künstliche Intelligenz (KI) müssen einbezogen werden. Auch die Robotik muss genutzt werden. Studien zeigen, dass Mitarbeitende täglich einen Weg von bis zu 10 Kilometer zurücklegen. Das können heute Roboter bewerkstelligen – wie Beispiele aus anderen Ländern zeigen.
Hier versagt die nationale Politik. Die nationalrätliche Kommission hat kaum ausgewiesene Fachpersonen, teilweise werden sie noch lobbyiert durch Personen, die noch nie ein Spital von innen gesehen haben. Die Gesundheitsinstitutionen haben nicht genügend finanzielle Mittel, sich diesbezüglich der Zukunft zu stellen, bzw. ihre Anstrengungen werden nicht honoriert.
Fazit: Wir werden mit weniger Mitarbeitenden auskommen müssen, deshalb ist es entscheidend, dass diese für die Kernaufgaben eingesetzt werden, also direkt «am Patienten», wo der Mensch nicht durch «Technik» ersetzt werden kann.
Beat Straubhaar war ab 1985 Direktor des damaligen Regionalspitals Thun und von 2002 bis Ende 2011 CEO der Spital STS AG.

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