Wie der Body Mass Index doch noch Sinn machen könnte

Die wissenschaftliche Kritik an der beliebten Faustregel fürs Körpergewicht wächst stetig. Doch muss man den BMI gleich ganz abschreiben? Sinnvoller wäre es, die Werte besser zu deuten, schreibt Christian Bachmann.

, 26. Februar 2016, 13:00
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Liegt der BMI noch auf der Intensivstation oder schon in der Pathologie? Die Frage wird seit Jahren diskutiert, und zwar zunehmend intensiv (siehe etwa hierhierhier, hier und hier). Vor wenigen Wochen erst griff ein Team von Forschern der UCLA sowie der University of California Santa Barbara diese Gewissheiten mit ungewohnt drastischen Worten an. «Wir denken, dass der BMI ein wirklich derber und schrecklicher Indikator für die Gesundheit von jemandem ist», sagte die Studienleiterin, A. Janet Tomiyama, in der «Los Angeles Times»: «a really crude and terrible indicator of someone’s health».
So etwas muss doch recht hellhörig machen. Denn als sei nichts geschehen, dient der BMI weiterhin als Basis für wichtige Entscheidungen in Arztpraxen, Spitälern und Versicherungsunternehmen.
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    Der Autor

    Christian Bachmann ist Biologe, Medizinjournalist und Webmaster. Er hat eine neue Version des BMI entwickelt, den Smart Body Mass Index SBMI. Fachlich wurde er dabei unterstützt von schweizerischen und internationalen Experten wie PD Dr. med. David Fäh, Dr. med. h.c. Heinrich von Grünigen (Präsident SAPS), Dr. med. Renward Hauser oder Katherine M. Flegal (PhD, MPH).

Zu viel Körperfett schadet der Gesundheit. Das ist ziemlich unbestritten – im Prinzip. Allerdings scheiden sich die Geister über der Frage, wie viel denn zu viel sei. Oft heisst es auch, der BMI sei ein untaugliches Mass für das Körperfett, denn er messe daneben auch Knochen, Muskeln und alle lebenswichtigen Organsysteme. Auch das stimmt nur im Prinzip.
Denn ab etwa BMI 25 – jener magischen Grenze, wo das Übergewicht beginnen soll – ist ein Zuwachs an BMI meistens und vor allem ein Zuwachs an Körperfett.
Zwischen Geburt und Jugendalter ist der BMI starken Schwankungen unterworfen, bedingt durch Wachstums- und Streckungsphasen. Für Kinder und Jugendliche gelten deshalb komplizierte, nach Alter und Geschlecht abgestufte BMI-Tabellen und -Diagramme.
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Häufigste Werte des Body Mass Index bei Männern (blau) und Frauen (rot) von der Geburt bis ins hohe Alter. Die Kurven entsprechen einem SBMI von 33/70
Die «Normalkurve» des BMI, also der statistisch häufigste Wert, verläuft in jungen Jahren denn auch ziemlich steil nach oben, flacht dann zwar etwas ab, aber keineswegs bis zur Horizontale.

Vom BMI zum SBMI

Fazit: Auch bei Erwachsenen müsste man eigentlich nach Alter und Geschlecht abgestufte BMI-Tabellen verwenden – so wie bei Kindern und Jugendlichen. Dass man es nicht tut, ist wohl mit ein Grund für die schlechte Übereinstimmung von BMI- und Gesundheitsdaten.

Test: Zum Smart Body Mass Index

Der neu entwickelte Smart Body Mass Index (SBMI) verwendet für Männer und für Frauen BMI-Perzentilkurven von der Geburt bis ins hohe Alter. Daraus wird ein Vergleichswert berechnet, der unabhängig von Alter und Geschlecht die Abweichung vom häufigsten Wert und somit auch ein mögliches Gesundheitsrisiko abbildet. Der statistisch häufigste SBMI-Wert ist 33/70, also 33 von 70 Punkten (siehe Grafik oben).

Was der Smart Body Mass Index aussagt

Die fixe Skala des SBMI umfasst 70 Punkte und reicht von 0/70 für maximales Untergewicht bis 70/70 für maximales Übergewicht. Der ideale Bereich mit einem minimalen Gesundheitsrisiko erstreckt sich von 30/70 bis 40/70.
Je 10 Punkte nach oben oder nach unten auf der SBMI-Skala bedeuten eine jeweils höhere Risikostufe: mässiges, hohes und sehr hohes Risiko – selbstverständlich nur im Zusammenhang mit dem Körpergewicht und nicht mit anderen Faktoren, die weitaus wirksamer sein können.
Fazit: Da sich der SBMI im Wesentlichen auf Gewicht und Körpergrösse stützt, teilt er gewisse Schwächen mit dem BMI. Da der SBMI aber zusätzlich Alter und Geschlecht mit einbezieht, bietet er einen besseren Zusammenhang zwischen dem errechneten Wert und möglichen Gesundheitsrisiken.
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