Pflegepersonal dringend gesucht. Aber bloss nicht mit kleinem Pensum.

Trotz Fachkräftemangel fand die Pflegefachfrau Olga Keller nach der Geburt ihres Sohnes keine Stelle in einem Spital: Pensen unter 60 Prozent passten nicht ins Schema.

, 25. Februar 2026 um 08:39
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Schwangerschaft in der Pflege: «Ein bisschen auf dem Abstellgleis»  |  KI-Symbolbild: Medinside mit Midjourney.
Es sei gewesen wie eine Achterbahnfahrt, sagt Olga Keller rückblickend. Acht Monate auf Jobsuche – «eigentlich keine lange Zeit» – hätten sich angefühlt wie eine Ewigkeit. «Es war paradox: Auf der einen Seite hört und liest man überall vom Fachkräftemangel in der Pflege. Auf der anderen Seite fand ich keinen Job.»
Die diplomierte Pflegefachfrau war viele Jahre im Bereich Endoskopie eines Universitätsspitals tätig, wechselte zwischenzeitlich an ein kleineres Spital und kehrte später ans Unispital zurück. Kurz nach ihrer Rückkehr wurde sie schwanger. Überraschend war das für ihre Vorgesetzten offenbar nicht. Schon im Wiedereinstellungsgespräch habe der Chef gesagt: «Sie wollen doch Kinder.» Olga Keller habe irritiert nachgefragt, ob ihr das auf der Stirn geschrieben stehe. «Nein, aber Sie sehen aus wie eine Mutter.»
Als sie ihre Schwangerschaft bekannt gab, war eine weitere Kollegin ebenfalls schwanger. Zwei werdende Mütter gleichzeitig – das sei für das Team schwierig gewesen, spürte Olga Keller deutlich.
Offene Vorwürfe habe es zwar nicht gegeben, aber die Stimmung sei angespannt gewesen. Schwangere Pflegefachfrauen dürfen in der Endoskopie nur noch in bestimmten Räumen ohne Röntgenstrahlung oder Infektionsrisiko arbeiten. Man werde zum Schutz eingeschränkt eingesetzt und stehe damit «ein bisschen auf dem Abstellgleis».
Das Team müsse diese Ausfälle auffangen. Bis Anfang des achten Monats schob Olga dennoch Patienten durch das Spital, etwa für Untersuchungen auf der Intensivstation.

80 Prozent? Sofort! Aber weniger…?

Die eigentliche Zäsur kam nach der Geburt ihres Sohnes. Olga Keller hoffte, beim Wiedereinstieg ihr Pensum schrittweise anpassen zu können – zunächst tief, später wieder 60 Prozent oder mehr. Doch Gespräche darüber habe es nicht gegeben: kein Fahrplan, keine Szenarien, keine Frage nach ihrer familiären Situation oder ihren Vorstellungen. «Ich würde mir wünschen, dass Arbeitgeber aus der Ist-Situation einen Plan machen», sagt sie heute. «Ein Gespräch: Wenn alles gut läuft, wie würdest du gerne wieder einsteigen?»
Selbstkritisch räumt sie aber auch ein, dass sie damals wohl zu wenig nachgebohrt habe.
Stattdessen blieb es still. Inzwischen hatte die Pflegeleitung gewechselt. Hochschwanger lernte Olga Keller den neuen Vorgesetzten kennen, der meinte, sie solle sich nach der Geburt melden, «dann können wir ja mal ein Gespräch abmachen». Dieses Gespräch fand statt – mit dem Stationsleiter und dem Pflegedienstleiter. Noch heute bekomme sie Herzklopfen, wenn sie daran denke.
Das Angebot war klar: sie könne mit 60 bis 80 Prozent wieder einsteigen – sofort. Weniger sei nicht möglich. Sie hingegen stillte, schlief kaum und bat darum, zunächst mit einem Tag pro Woche zu beginnen und erst nach einem halben Jahr aufzustocken. Doch darauf gingen die Verantwortlichen nicht ein.
Rechtlich ist die Situation in der Schweiz klar: Es gibt keinen Anspruch darauf, das Arbeitspensum nach der Geburt zu reduzieren. Eine Reduktion ist eine Vertragsänderung, der beide Seiten zustimmen müssen.
Ohne Einigung gilt das ursprüngliche Pensum weiter – will die Arbeitnehmerin dieses nicht mehr leisten und lehnt der Arbeitgeber eine Anpassung ab, bleibt formal nur die eigene Kündigung.
Gleichzeitig besteht vom Beginn der Schwangerschaft bis 16 Wochen nach der Geburt Kündigungsschutz; in dieser Zeit darf der Arbeitgeber nicht kündigen.
«Es fühlte sich an wie ein Ultimatum: 60 bis 80 Prozent – oder gar nichts», sagt Olga Keller. Man habe ihr nicht direkt gekündigt, aber nahegelegt, selbst zu gehen. Sie entschied sich dafür. «Ich wollte mich von diesem Druck lösen und neu anfangen. Ehrlich gesagt hatte ich mir das leichter vorgestellt.»
Der Neuanfang gestaltete sich schwierig. Mehrere Spitäler erklärten, eine Einarbeitung sei nur mit mindestens 80 Prozent sinnvoll. Von 60 Prozent sei gar nicht mehr die Rede gewesen. Ihr Sohn war damals erst sechs Monate alt. Bewerbungen im Raum Zürich bis hin zum Kantonsspital Aarau blieben erfolglos. Auch temporäre Agenturen bemühten sich, doch passende Pensen unter 60 Prozent waren rar.

Stigma Wiedereinstieg

Manche Gesprächspartner rieten Olga Keller sogar, länger zu Hause zu bleiben. «Das Kind ist noch so klein, Sie werden diese Zeit nicht zurückholen können.» Unterstützt vom RAV schrieb sie monatlich zahlreiche Bewerbungen. Einmal erhielt sie selbst für eine bereits zugesagte Stelle keine Rückmeldung. «Als ich zwei Wochen vor Stellenantritt im HR nachfragte, hiess es: ‹Oh, haben wir Ihnen vergessen abzusagen?› Das war’s.»
Der Begriff «Wiedereinstieg» begann sich für Olga Keller wie ein Stigma anzufühlen – obwohl sie nur wenige Monate aus dem Beruf gewesen war.
Die Wende kam mit einer Bewerbung bei der Spitex. Das Vorstellungsgespräch verlief anders als alle zuvor. Die damalige Leiterin stellte drei einfache Fragen: «Was sind Ihre Krippentage? Wie viel Prozent möchten Sie einsteigen? Wann können Sie beginnen?» Olga Keller durfte selbst ein Startdatum vorschlagen und ihr Pensum festlegen. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass ihre Situation ernst genommen wird.

Flexibilität bei der Spitex

Sie begann mit 40 Prozent – mit der Perspektive, später auf 60 Prozent zu erhöhen. Die Spitex erlebe sie als deutlich flexibler als Spitäler. Büroarbeiten könnten teilweise im Homeoffice erledigt werden, Teilzeitmodelle seien selbstverständlich, sogar Mini-Pensen möglich. In grossen Spitälern hingegen sei die Luft dünner.
Für Olga Keller liegt die Zukunft der Pflege nicht primär in höheren Löhnen. «Teilzeit. An der Flexibilität», sagt sie. Niedrige Pensen müssten real möglich sein – auch als Einstieg nach der Geburt. Mit klaren Absprachen, befristeten Testphasen und Jobsharing. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels sei es widersinnig, erfahrene Fachpersonen zu verlieren, nur weil sie nicht sofort wieder 60 oder 80 Prozent leisten könnten.
SBK-Präsidentin Yvonne Ribi sagt dazu: «Wir hören immer wieder von solchen Fällen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Es ist jedoch klar Aufgabe der Arbeitgeber, jungen Müttern den Wiedereinstieg zu ermöglichen.»
Olga Keller arbeitet nach wie vor bei der Spitex in einem kleinen Pensum und hat sich zudem als Pilateslehrerin selbständig gemacht.

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