«Gewalt findet oft unter dem Radar statt»

Eine Umfrage von Medinside zeigt: Verbale und körperliche Gewalt in Spitälern nimmt weiter zu. Zahlen werden jedoch kaum erfasst.

, 18. Mai 2023 um 04:54
letzte Aktualisierung: 4. Januar 2024 um 11:21
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Symbolbild: Nadine Shaabana on Unsplash
Beschimpfungen, Schläge, Tritte – die Situation auf Schweizer Notfallstationen ist manchmal prekär, die Gewaltbereitschaft nimmt zu. «Zwei Meter weit ist die Kollegin geflogen und hat sich erst mal nicht bewegt. Der Patient hatte sein Bein angezogen und ihr damit bewusst und gezielt gegen den Kopf getreten», erzählt Marko Torlümke, Experte der Notfallpflege am Kantonsspital Baden.
Ein Einzelfall? Bei Weitem nicht, wie eine Umfrage von Medinside unter Schweizer Spitälern zeigt: Fast alle verzeichnen seit Jahren eine steigende Anzahl von Bedrohungssituationen, die oft ein Einschreiten des Interventionsdienstes erforderlich macht. Besonders betroffen sind die Notfallstationen.

Keine Erholung nach Pandemie

«Wider Erwarten hat sich die Lage auch nach der Pandemie nicht erholt. Bedrohungssituationen gibt es am USB übers Jahr gesehen mehr als einen pro Tag, die Zahl nimmt alljährlich um etwa 10 Prozent zu», sagt Caroline Johnson vom Universitätsspital Basel.
Auch die Insel Gruppe verzeichnet eine Zunahme der körperlichen und verbalen Gewalt gegen Mitarbeitende, 2022 musste der interne Sicherheitsdienst rund 1800 Mal eingreifen, 2021 war das noch 1600 Mal der Fall. Die Spitalgruppe begründet dies allerdings auch damit, dass die Patientenzahl gestiegen ist.
Am Universitätsspital Zürich (USZ) muss jährlich rund 900 Mal der Sicherheitsdienst aufgeboten werden; die Zahl der Übergriffe auf Ärzte und Pflegepersonen verharrt seit einiger Zeit auf dem gleichen Niveau.

Gesteigertes Aggressionspotential

Dabei habe nicht nur die Anzahl der Vorfälle zugenommen, sondern auch das Aggressions-Potential und die Gewaltintensität seien in den vergangenen Jahren gestiegen. «Waren es früher mehrheitlich alkoholisierte Patienten, die zurechtgewiesen werden mussten, sind es heute viele nicht intoxikierte Patienten, die ausfällig werden», sagt Isabelle Wenzinger vom Kantonsspital Aarau.
Etwa dann, wenn Ansprüche nicht erfüllt werden. Oder wegen von Delir, Intoxikationen, Demenz oder dem kulturellen Verständnis.

Was tun bei Gewalt?

1. Selbstschutz: Ein Sicherheitsdienst unterstützt das Pflegepersonal und bietet bei Bedarf die Polizei auf.
2. Versuch, die Lage verbal zu deeskalieren.
3. Medikamentöse Beruhigung der ausfälligen Personen.
4. Wenn alle Massnahmen ins Leere laufen und die Gefährdung für das Umfeld wie auch für die betroffene Person selbst zu gross ist, kann als letztes Mittel eine Fixation in Betracht gezogen werden.
5. Nach dem Vorfall erfolgt eine Aggressionsmeldung. Diese wird mit der vorgesetzten Person sowie dem Verantwortlichen des Sicherheitsdienstes besprochen. Gemeinsam werden mögliche weiterführende Massnahmen wie eine Abmahnung durch den Rechtsdienst eingeleitet.
Verlässliche Zahlen zur zunehmenden Gewalt gibt es kaum, oft würden Gewaltvorfälle nicht als solche festgehalten. «Insbesondere verbale Gewalt findet oft 'unter dem Radar' statt», so Anita Kuoni vom Kantonsspital Baselland. Das Notfallpersonal würde viel aushalten und sei entsprechend geschult, ergänzt sie.
Aber wieviel ist Zuviel? Auch am Inselspital Bern werden lediglich die schwerwiegenden Fälle systematisch erfasst. Die Hôpitaux universitaires de Genève (HUG) führen seit 2016 eine Präventionskampagne durch, die betroffene Mitarbeitende ermutigt, jegliche Form von erlittener Gewalt zu melden. Die Anzahl der gemeldeten Fälle ist dadurch deutlich gestiegen.

Massnahmen zur Prävention

Alle befragten Spitäler führen Präventionsprojekte, Selbstverteidigungskurse oder Deeskalations-schulungen zum Umgang mit verbaler wie auch physischer Gewalt durch. Zugleich greifen viele Spitäler auf Sicherheitspersonal zurück, welches bei Bedarf aufgeboten wird oder permanent auf dem Gelände patrouilliert. Philipp Lutz vom Kantonsspital St. Gallen sagt dazu: «Dank dieser Massnahme beläuft sich die Anzahl Fälle, in denen wir die Polizei beiziehen müssen, auf weniger als einem Dutzend im Jahr. Sonst wäre diese Zahl höher.»
Selten wird Gewalt im Spital Zollikerberg erlebt, was mit der geografischen Ausrichtung begründet wird. Keine Zunahme verzeichnet die Hirslanden-Gruppe sowie das Zuger Kantonsspital.
  • Zum Thema: «Dankbarkeit tritt in den Hintergrund»: Inteview mit Adrian Kaegi, ehemaliger Staatsanwalt und Spezialist für Recht im Gesundheitswesen.


  • Waren Sie schon von gewalttätigen Patienten betroffen?
  • Fühlen Sie sich genügend geschützt bzw. unterstützt?
Hinterlassen Sie uns einen Kommentar oder schreiben Sie uns auf info@medinside.ch

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