Es ist Zeit, mit der sozialen Verarbeitung von Corona zu beginnen

Wissenschaftler sollten dabei vorangehen. Ein Anfang wäre die Einsicht, dass nicht alle Kritiker Alu-Hut-Träger und nicht alle Experten sachverständig waren.

Gastbeitrag von Beda Stadler, 11. November 2023 um 05:03
letzte Aktualisierung: 26. November 2023 um 10:51
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Beda Stadler: «Wer Covid mit der Grippe verglich, wurde fast gelyncht.» | zvg
Corona hat den Schrecken verloren, offizielle Institutionen haben aber an Glaubwürdigkeit eingebüsst. Bei den meisten Schweizern ist eine Coronamüdigkeit eingezogen. Auch ich habe mir geschworen, in den Medien zu Covid keine Kommentare mehr abzugeben.
Trotzdem willige ich hier ein, weil mich die letzten Jahre immer noch ärgern. Das Coronavirus hat biologisch und geistig mutiert. Es entwickelte sich vom «Killervirus» zu einem fruchtbaren Nährboden für Verschwörungstheorien. Dazu mag ich mich nicht äussern, da es etwa gleich sinnvoll wäre, wie mit einem Gläubigen über die Existenz Gottes zu diskutieren. Covid hat die Gesellschaft bezüglich der Covid-Massnahmen aber zweigeteilt.

«Das Coronavirus entwickelte sich vom Killervirus zu einem fruchtbaren Nährboden für Verschwörungstheorien.»

Besorgniserregend ist allerdings, wie viele Menschen mich derzeit fragen, ob die Covid-Impfung wirklich wirksam sei, ob die chirurgischen Masken nun wirklich nichts gebracht hätten (wie dies eine Cochran Studie nahelegte), ob es diesen Winter trotzdem soweit kommt, dass alle wieder Masken tragen müssen; oder warum die meisten europäischen Länder mehr Covid-Tote pro Million Einwohner hatten als die Schweden. Und warum es so lange dauerte, bis aus den täglich vermeldeten «Ansteckungen» nur noch Fälle geworden sind.
In der Zwischenzeit zählt man in der Schweiz 4.4 Millionen Fälle bei 8.8 Millionen Einwohnern. Heisst das, dass jeder zweite Schweizer gefährdet oder gar krank war?

«Eine Grundimmunität war bei allen Gesunden und speziell bei Kindern vorhanden.»

Andererseits freut es mich, dass die grosse Panikmache ein Ende gefunden hat. Es tut auch gut zu wissen, dass man nicht mehr als Covid-Verharmloser dargestellt wird, nur weil ich sagte, es sei kein neues Virus, sondern bloss eine neue Mutante, die weiter mutieren wird: Eine Grundimmunität war deshalb bei allen Gesunden und speziell bei Kindern vorhanden. Lasst deshalb die Kinder in Ruhe und beschränkt euch auf die vulnerablen Personen.
Masken machen Sinn für das Pflegepersonal und für Menschen, die Covid haben oder glauben, Covid zu haben. Man wüsste dann, bei wem der Abstand wirklich sinnvoll ist.
Wer Covid mit der Grippe verglichen hat, wurde fast gelyncht. Das BAG vermutet, in der Schweiz seien in den letzten Jahren jeweils jährlich bis zu 1500 Menschen an der Grippe gestorben. Corona soll im ersten Jahr etwa 2000, dann im Jahr 2021 circa 10‘000 und 2022 bloss noch etwa 2000 Todesfälle verursacht haben.

«Ein erster Schritt könnte darin bestehen, dass sich die Panikmacher entschuldigen.»

In Anbetracht der allzu sensiblen und überinterpretierten Covid-Testverfahren darf man also behaupten, dass Covid nur in der ersten Hälfte 2021 ein wesentlich grösseres Problem als die Grippe war. Wir sollten also froh sein, dass Covid nie das Ausmass der grossen Grippepandemien angenommen hat.
Es wäre also Zeit, mit der sozialen Verarbeitung der Corona-Pandemie zu beginnen. Ein erster Schritt könnte darin bestehen, dass sich die Panikmacher entschuldigen. Da Politiker sich sehr selten entschuldigen, wäre es vielleicht angebracht, dass andere, quasi als Vorbild, damit beginnen.
Zumindest könnte man aufzeigen, wo man Fehler gemacht hat und daraus gelernt hat, so dass diese Fehler nicht ein zweites Mal gemacht werden. Für einige der Fehler gibt es tatsächlich gute Ausreden, so wie sich die Situation am Anfang darstellte.
Beda Stadler ist Molekularbiologe sowie emeritierter Professor und ehemaliger Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern.
An der Kommunikation beteiligte Wissenschaftler sollten als Erste mit der Aufarbeitung beginnen. Die Wissenschaft wird immer und darf auch Fehler begehen, weil sie daraus lernt. Die Corona-Debatte wurde aber zu einer Glaubensfrage.
Glaubenssysteme behaupten bekanntlich unfehlbar zu sein, was einen Dialog verunmöglicht. Das erste Ziel wäre, die Glaubwürdigkeit bei Bürgern und Bürgerinnen zurückzugewinnen.
Die nächste Etappe könnte das Gespräch mit den «Massnahmen-Gegnern» sein, von denen man nicht genau weiss, welches ihre eigentlichen Ziele sind. Die Einsicht, dass nicht alle Kritiker Alu-Hut-Träger und nicht alle Experten sachverständig sind, wäre vielleicht ein Anfang.
Das Coronavirus mutiert und wird langsam harmloser, also vernünftiger. Genauso sollten wir nun die Diskussion beginnen.
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