Tiktok-Trend: Selbstdiagnose von psychischen Krankheiten

Psychische Krankheiten bei Jugendlichen nehmen seit Jahren zu. Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

, 26. Mai 2023 um 12:36
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Die Zahl der Hospitalisierungen wegen psychischer Störungen bei jungen Menschen stieg 2020 um 4 und 2021 um 17 Prozent. | Josh Withers
«Ich glaube, ich habe ADHS» – in den soziale Medien liegen Videos mit Symptomen von psychischen Erkrankungen im Trend. Besonders «beliebt» ADHS – alleine auf Tiktok wurden Videos dazu bisher fast 25 Milliarden Mal aufgerufen. Darin zeigen Nutzer, welche vermeintlichen Symptome hinter ADHS stecken; und viele erkennen mindestens eines bei sich wieder. Ein Trend zur Selbstdiagnose zeigt sich auch bei komplexen psychischen Erkrankungen wie der Borderline Störung, Autismus oder Tic-Störungen. So wurde etwa in der Kinder-und Jugendpsychiatrie am Unispital Lausanne eine deutliche Zunahme an Tourette-Syndrom ähnlichen Tics bei jungen Frauen zwischen 14 und 17 Jahren festgestellt.

Soziale Ansteckung durch Social Media

Durch die permanente Konfrontation mit psychischen Erkrankungen könnten Jugendliche vermehrt psychische Auffälligkeiten entwickeln. Das «British Medical Journal» vermutet hinter dem Phänomen eine «soziale Ansteckung», die aus dem Konsum sozialer Medien resultiert. Wer immer wieder mit Symptomen psychischer Erkrankungen konfrontiert wird, entdeckt diese plötzlich auch an sich selbst.

Gefahr der Überdiagnose

So nähme mit der steigenden und oft falschen Aufgeklärtheit über psychische Störungen auch die Gefahr zu, Jugendliche über zu diagnostizieren. Schliesslich sei die Diagnostik stark von den Angaben der Betroffenen selbst abhängig. Im schlimmsten Fall werden falsche Diagnosen gestellt und Behandlungen eingeleitet, die es gar nicht bräuchte.

Positive Reaktionen und Aufmerksamkeit

Aber wieso liegen gerade Videos über psychische Erkrankungen bei Jugendlichen im Trend? Ein Grund liegt in den Algorithmen von Instagram und Tiktok. Wer Videos über ein bestimmtes Thema bis zum Schluss ansieht oder liket, dem zeigen die Apps ähnliche Beiträge zur selben Thematik an. Zugleich erleben Jugendliche, die ihr Leiden in den sozialen Medien veröffentlichen, in der Regel positive Reaktionen, Aufmerksamkeit und Zuspruch.

Nachgefragt bei: Kerstin von Plessen, Chefärztin Kinder-und Jugendpsychiatrie am Unispital Lausanne
Stellen Sie einen zunehmenden Trend zur Selbstdiagnose via Social Media fest? Ja. Der Trend zur Selbstdiagnose via Social Media, aber auch überhaupt generell der Zugang (zu oft nicht sehr gut strukturierten Informationen) im Internet ist weit verbreitet und Teil der neuen «Klinik» und kann sowohl zu positiven als auch zu negativen Effekten führen.
Welche positiven Effekte erkennen Sie? Auf der positiven Seite kann man von einer «Destigmatisierung» oder «Enttabuisierung» sprechen. Der direkte Zugang erleichtert es, gleichgesinnte Menschen zu finden. Dieser Trend führt möglicherweise zunehmend auch dazu, dass die «Neurodiversität» ein Thema geworden ist, wo besonders junge Menschen sich keine Diagnosen mehr wünschen. Viel eher steht die Zugehörigkeit zu einer «anderen» Community, den Neurodiversen, im Vordergrund.
Welche Herausforderungen in der Diagnostik ergeben sich für Fachspezialisten? Die medizinische Diagnostik wird dadurch verändert, dass Jugendliche oder deren Eltern, bereits mit vielen Informationen zu uns kommen. Manchmal haben sie eine fertige Diagnose im Gepäck und möchten sich diese bestätigen lassen. Die Fragen des medizinischen Personals, etwa auf mögliche Komorbiditäten, können dann als nicht notwendig und störend empfunden werden.


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