Warum die Notfallmedizin so attraktiv für junge Ärzte ist

Notfallmediziner können jederzeit bei jeder Person jedes schwere Problem behandeln. Genau das findet ein passionierter Notfallarzt so reizvoll.

, 23. Dezember 2020 um 07:56
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Notfallmedizin sei die Traumausbildung für viele Assistenzärzte und -ärztinnen, ist Senad Tabakovic überzeugt. Er sei ein Enthusiast der Notfallmedizin, sagt er von sich. Seit April dieses Jahres ist Tabakovic ärztlicher Leiter der Notfallstation im Spital Wil. Der interdisziplinär ausgebildeter Notfallmediziner kämpft, wie er sagt «mit Herzblut für die Entwicklung und Emanzipation der Notfallmedizin in der Schweiz». Derzeit ist er daran, in Wil eine interdisziplinäre Notfallmedizin aufzubauen. Im Interview mit Medinside sagt er, warum die Notfallmedizin so attraktiv ist – nicht nur für die Ärztinnen und Ärzte, sondern auch für Spitäler, die sie anstellen, um effizienter zu funktionieren.

Herr Tabakovic, wie sah Ihr letzter Notfalldienst aus?

Es war ein Dienst mit ganz verschiedenen Notfällen: Wir hatten eine bunte Mischung: von Kindern bis älteren Patienten, von nicht dringlichen bis sehr dringlichen Patienten, welche wir im Schockraum behandeln mussten. Vor allem hatten wir aber viele Covid-Patienten. Ich habe etwa 20 Patienten gesehen. Im ganzen 24-Stunden-Dienst sind es jeweils 45 bis 55 Patienten.

Gab es auch hoffnungslose Fälle?

Den Begriff «hoffnungsloser Fall» sollte es in der Medizin gar nicht geben. Die Frage ist immer, was das Ziel der Behandlung ist. Es kann auch ein Ziel sein, Beschwerden zu lindern.

Sie kritisieren, dass auf standespolitischer Ebene die Emanzipation der Notfallmedizin seit Jahren blockiert sei. Warum glauben Sie, ist das so?

Das bestehende System auf vielen Notfallstationen zu modernisieren, verlangt von uns Geduld und Beharrlichkeit. Der Widerstand kommt oft von falschen Vorstellungen über die Notfallmedizin. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten und unser Profil als interdisziplinäre Notfallmediziner schärfen. Ich habe ferner das Gefühl, dass man Angst davor hat, dass einige Ärzte und Ärztinnen in die Notfallmedizin abwandern würden, wenn man diese Ausbildungsoption anbieten würde.

Warum?

Ärzte und Ärztinnen, die bei uns auf den Notfall kommen, haben eine steile Lernkurve. Sie sehen ganz viele Patientinnen und Patienten, müssen diese schnell beurteilen und lernen sehr schnell sehr viel Nützliches. Es ist eine extrem attraktive Ausbildung. Ich glaube, für notfallinteressierte Assistenzärztinnen und -ärzte sollte ein entsprechendes Ausbildungsangebot und eine Zukunftsperspektive geschaffen werden. Solange dies verhindert wird, werden sich viele interessierte Assistenten und Assistentinnen nicht trauen, diesen unsicheren Karriereweg zu beschreiten.

Warum brauchen Spitäler mehr Notfallmediziner, wenn überall die Notfallstationen aus Kostengründen abgebaut werden?

Geschlossen werden die Akutspitäler, nicht die Notfallstationen. Denn die Zahl der Notfallpatienten geht nicht zurück. Selbst der Corona-Effekt hat praktisch zu keiner Abnahme der Notfälle in Wil geführt, trotz der starken Abnahme der nicht-dringlichen Konsultationen. Wenn zunehmend Spitäler geschlossen werden – wie etwa bei uns in St. Gallen – wird es künftig sogar mehr gut ausgebildete Notfallmediziner brauchen.

Geht der Trend nicht weg von Notfallstationen hin zu Hausarztzentren?

Notfallmedizin und Hausarztmedizin haben schon Gemeinsamkeiten, aber das Kerngeschäft ist ein anderes. Die Haltung gegenüber Patienten ist die gleiche: Wir sind jederzeit für alle Patienten da. Aber wir behandeln schwerer erkrankte Patienten, und wir behandeln sie mit anderen Mitteln. Hausärzte sind keine Konkurrenz für uns, sie sind die Zuweiser und sorgen für die Nachbetreuung der Notfallpatienten und die Kontinuität der Behandlung. Bei den Hausärzten ist auch die langfristige Beziehungsarbeit wichtig, weil sie die Patienten über lange Zeit betreuen. Bei uns Notfallärzten ist das anders: Wir sehen die Patienten meist nur kurz, müssen in dieser Zeit ein Vertrauensverhältnis aufbauen und betreuen sie in dieser Zeit intensiv, sehen sie dann aber normalerweise selten wieder.

Ist das ein Problem für Sie?

Das liegt in der Natur der Arbeit. Bei Anästhesisten ist das in der Regel auch so.

Sie bezeichnen sich als Enthusiasten für die Notfallmedizin. Warum?

Weil sie so vielseitig und spannend ist. Für mich ist die Haltung der Notfallmedizin ein wichtiger Punkt: Sie ist für alle da. Das entspricht meinem Bild eines Arztes. Die Frage, die wir uns als Notfallmediziner stellen ist oft nicht: Was hat der Patient, sondern: Was braucht der Patient? Wir sind häufig eine Art Anwalt des Patienten gegenüber all den Abteilungen und Spezialisten. Wir haben auch immer neue Situationen und müssen täglich kleine Krisen meistern. Wenn wir diese dann im Team überstehen und daraus lernen können, ist das sehr bereichernd.

Ist Notfallmedizin zu teuer?

Es kommt darauf an, wie die Notfallmedizin organisiert ist. Mit einem auf allen Ebenen interdisziplinären Team von Pflegenden, Assistenz- und Oberärzten und -ärztinnen können Ressourcen auf dem Notfall sehr effizient und gleichmässig eingeteilt werden. Und mit breit generalistisch ausgebildeten Fachärztinnen und -ärzten können einige Schnittstellen, welche zu Verzögerungen in der Patientenbetreuung führen, eliminiert werden. Unsere Kollegen und Kolleginnen der anderen Fachdisziplinen ziehen wir selektiv bei und können ihnen so den Rücken freihalten für Sprechstunden, Stationsarbeit und operative Tätigkeit. Meiner Meinung nach ist die interdisziplinäre Notfallmedizin in dieser Form deshalb sehr effizient.

Sie glauben, dass die Notfallmedizin wichtiger wird. Warum?

Sie ist bereits jetzt, in der Zeit der Pandemie, wichtiger denn je. Die Notfallstationen sind wieder seit Wochen unter Druck und die aktuelle Situation zeigt, wie wichtig es ist, dass diese gut organisiert und aufgestellt sind. Nach der Pandemie werden die Spitalschliessungen zunehmen. Im Kanton St. Gallen ist geplant, dass nach Spitalschliessungen der 24-Stunden-Notfallbetrieb mit Gesundheits- und Notfallzentren gewährleistet wird. Und dort wird es mehr Ärztinnen und Ärzte mit breiter Notfallerfahrung brauchen. Trotz dieser Massnahme werden die Konsultationen anderen Notfallstationen, wie der von Wil, zunehmen. Es wird also nötig sein, mehr Ärzte auszubilden, die nach dem notfallmedizinischen Prinzip «anyone, anything, anytime» behandeln können, Ärzte, die sich nicht gegenüber anderen Fachrichtungen abgrenzen, sondern Ärzte, die sich um den Patienten als Ganzes kümmern.

Noch etwas ganz anderes: Derzeit wird in manchen Kantonen darüber gestritten, ob in Ambulanzen ein Notarzt mitfahren muss oder nicht. Was finden Sie?

Es gibt in den Kantonen verschiedene Systeme: Solche ohne Notarzt, solche mit einer Anästhesiepflegeperson und solche mit einem ausgebildeten Notarzt. Es ist eine schwierige Diskussion, was am besten ist. Auch in ganz Europa ist die Situation diesbezüglich sehr heterogen. Die verschiedenen Systeme sind historisch gewachsen, die wissenschaftliche Evidenz hierzu ist widersprüchlich und auch schwierig zu erbringen. Grundsätzlich kann man sagen: Je schneller ein Spital mit einer Notfallstation erreichbar ist, desto eher wird man auch in kritischen Situationen nach Möglichkeit den schnellen Transport anstreben. Aber auch hier kann manchmal die Triageentscheidung match-entscheidend sein für den Patient und das richtige Spital dann doch wieder weiter entfernt liegen. Diese Frage wird leider eine Glaubensfrage bleiben und ich konnte mich durch meine Arbeit in verschiedenen Kantonen von Vor- und Nachteilen der verschiedenen Systeme überzeugen.

Neues Lehrprogramm für Notfallmedizin

In Wil gibt es ab nächstem Jahr ein neues Curriculum in Notfallmedizin für Assistenzärztinnen und Ärzte der inneren Medizin. Assistenten, welche dieses Curriculum wählen, werden in interdisziplinärer klinischer und präklinischer Notfallmedizin ausgebildet, fahren als Notärzte aus, erhalten Simulationstraining und absolvieren Rotationen auf der Anästhesie. Unter vielem anderen lernen sie auch POCUS (Point-of-Care-Ultrasound) kennen, also den ortsunabhängigen Einsatz von Ultraschall.

Zur Person

Senad Tabakovic ist ärztlicher Leiter der Notfallstation im Spital Wil. Er ist zudem ETH-Dozent im Fach Notfallmedizin und Präsident des Wissenschaftskomitees des Europäischen Notfallmedizinkongresses.
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