Tarmed: Curafutura fordert Eingriff des Bundesrates

Damit will der Krankenversicherer-Verband die Branche aufrütteln. Und weitere behördliche Eingriffe sollen abgewendet werden. Die Vorschläge zeigen, dass Curafutura eher Druck auf die Spezialärzte ausüben will – zugunsten der Allgemeinpraktiker.

, 28. Oktober 2016 um 12:00
image
  • tarmed
  • tarvision
  • praxis
  • curafutura
  • santésuisse
Es geht darum, «umgehend Gegensteuer gegen klar überhöhte ärztliche Tarife» zu geben. Um das zu erreichen, schlägt der Kassenverband Curafutura (CSS, Helsana, KPT, Sanitas) ein Paket vor, welches der Bundesrat beschliessen soll. Der Tarifeingriff der Landesregierung solle spätestens Anfang Juli 2017 erfolgen, schreibt Curafutura in einem Communiqué. Dessen Titel: «Höchste Zeit für Sofortmassnahmen».
Was schlägt Curafutura konkret vor? 
  • Neue Tarife bei Zeit-Einsparungen. Wo der Einsatz neuer Technologien den Zeitbedarf für Behandlungen gesenkt hat, dürfe nicht mehr nach dem alten Tarif entschädigt werden. Namentlich nennt Curafutura hier die Radiologie, Radiotherapie, Augenheilkunde, ambulante Chirurgie, teils auch Dermatologie und Hals-/Nasen-/Ohrenmedizin.
  • Aufwertung des Gesprächs. Therapeutisch notwendige Gespräche der Ärzte seien im alten Tarif unterbewertet, findet Curafutura. Sie sollen darum gegenüber spezialärztlicher Diagnostik und Eingriffen höher bewertet werden.
  • Mehr Transparenz. Heute sei weder für die Patienten noch für die Versicherer ersichtlich, wofür bei Konsultationen wieviel Zeit aufgewendet wird. Deshalb sei die Transparenz bezüglich der erbrachten Leistungen zu erhöhen. 

Schritte in diese Richtung dürften die Prämienentwicklung per 2018 deutlich dämpfen, erwartet der Verband der «innovativen Krankenversicherer» (Eigenbezeichnung). Curafutura schätzt, dass mit einem bundesrätlichen Tarifeingriff im Sommer 2017 ab dem folgenden Jahr rund 600 Millionen Franken gespart werden könnten.

«Endlich den Ernst der Lage erkennen»

Bemerkenswert am Schritt von Curafutura scheint, dass hier ein Tarifpartner nicht auf Branchenautonomie pocht, sondern den so genannten subsidiären Eingriff offen herbeiwünscht.
«Mit ihren Vorschlägen will Curafutura den Bundesrat beim angekündigten Tarifeingriff unterstützen», sagt Verbandsdirektor Pius Zängerle. Der subsidiäre Eingriff des Bundesrats solle die Tarifpartner aufrütteln, «endlich den Ernst der Lage zu erkennen und konstruktiv an einem neuen Tarif mitzuwirken. Nur so lassen sich weitere behördliche Eingriffe abwenden.»

Aber: Eingriff kann nur Zwischenlösung sein

Andererseits sei auch dieser Eingriff nur eine Zwischenlösung sein, findet der Verband: Man stehe dazu, dass eine umfassenden Revision der veralteten Arzttarifstruktur für die ambulante medizinische Versorgung nötig sei.
Die Arbeiten im Rahmen der Tariforganisation Ats-Tms sollen weitergeführt werrden. «Wir fordern die anderen Tarifpartner auf, keine Alleingänge auf dieser schwierigen Reise zu machen, sondern sich gemeinsam für eine akzeptable Lösung einzusetzen», sagt Pius Zängerle.  

Bitte eingreifen:

Diese Massnahmen schlägt Curafutura dem Bundesrat vor


Für mehr Transparenz und bessere Kontrolle des Zeitaufwandes durch Versicherer und Patienten:
  • Genauere Zeitabrechnungsmöglichkeit durch Umwandlung von mengenrelevanten Handlungsleistungen in Zeitleistungen für «Untersuchungen durch den Facharzt...», weil diese teilweise wesentlich effizienter erbracht werden, als die fix hinterlegten Minuten.
  • Verankerung von bestehenden und neuen Regeln für die Verrechnung von Zeittarifen in der Tarifstruktur.
  • Online-Publikation der Tarifstruktur mit Interpretationen und Regeln.
Für eine Verminderung von Fehlanreizen:
  • Stopp von Mengenausweitungen bei bestimmten TARMED-Positionen (Bsp. «Leistungen in Abwesenheit des Patienten») mittels eindeutiger und für alle Ärzte gleich geltenden Regeln. Sämtliche Mengen- und Zeitlimitationen in der Tarifstruktur Tarmed sollen unabhängig von der Abrechnungsform gelten; ie Ausnahmen für elektronisch abrechnende Leistungserbringer entfallen.
  • Verbrauchsmaterialien und Implantate mit Kosten von über 4'000 Franken erhalten den maximalen Logistikzuschlag von 400 Franken (Deckelung des 10prozentigen Logistikzuschlags)
Für eine einheitliche Bewertung der ärztlichen Leistungen aufgrund vergleichbarer Ausbildungsdauern:
  • Verkleinerung der Einkommensschere zwischen Spezialisten und Generalisten.
  • Alle Arztleistungen werden unabhängig von der Facharzt-Dignität gleich hoch gewichtet.
  • Kostenneutrale Umsetzung der Massnahme führt zu einer Aufwertung des Patientengespräches und der Grundversorgerleistungen.
Für kostengünstigere Orte der Leistungserbringung bei invasiven Eingriffen:
  • Anwendung des «Praxis-OP»-Abschlags zusätzlich auf die Abgeltung der ärztlichen Leistung, wenn Eingriffe im preiswerteren «Praxis-OP» anstelle des «OP-I» durchgeführt werden.
  • Der «Praxis-OP» wird in bestimmten Leistungspositionen der Tarifstruktur fest integriert.
Für eine Reduktion bei Tarifpositionen mit zu hoch angesetztem Zeitbedarf:
  • In einem ersten Schritt sollen die Bewertungen der identifizierten Handlungsleistungen um 5 Prozent gesenkt werden. Dies setzt für die Leistungserbringer gleichzeitig den Anreiz, die Minutagen offenzulegen, damit in einem zweiten Schritt eine datenbasierte Aktualisierung in der Ats-Tms AG erfolgen kann.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

«Genau: Das Kostenwachstum ist kein Problem»

Für FMH-Präsidentin Yvonne Gilli ist klar: Es braucht Kostenbewusstsein im Gesundheitswesen. Aber es braucht keine Kostenbremse-Initiative.

image

Die nächste Stufe: Behandlung per WhatsApp?

Die Lausanner Telemedizin-Firma Soignez-Moi testet einen neuen Kanal für den Arzt-Patienten-Kontakt.

image

An der ZHAW erwerben Sie das Knowhow für Schmerzbehandlungen

Um Chronifizierungen bei Schmerzen zu vermeiden, müssen alle Behandelnden gut zusammenarbeiten. Dies vermittelt das Masterstudium «Interprofessionelles Schmerzmanagement» an der ZHAW.

image

Tardoc: Haus- und Kinderärzte protestieren

Der Verband mfe fordert in deutlichen Ton die Einführung des neuen Tarifsystems auf spätestens 2026.

image

MFE Haus- und Kinderärzte: Umbau an der Spitze

Präsident Philippe Luchsinger ist zurückgetreten. Monika Reber und Sébastien Jotterand lösen ihn ab. Und es gab weitere Wechsel im Verband.

image

Wallis soll ein Institut für Hausarztmedizin erhalten

Das neue Programm könnte in wenigen Jahren starten.

Vom gleichen Autor

image

Überarztung: Wer rückfordern will, braucht Beweise

Das Bundesgericht greift in die WZW-Ermittlungsverfahren ein: Ein Grundsatzurteil dürfte die gängigen Prozesse umkrempeln.

image

Kantone haben die Hausaufgaben gemacht - aber es fehlt an der Finanzierung

Palliative Care löst nicht alle Probleme im Gesundheitswesen: … Palliative Care kann jedoch ein Hebel sein.

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.