Sucht: Pflegende auf der IPS und im Notfall sind gefährdet

Die Corona-Krise hat neue Suchtgruppen geschaffen. Das zeigt das Suchtpanorama Schweiz 2021. Stark betroffen sind Menschen, die direkt mit Covid-19 konfrontiert sind.

, 10. Februar 2021 um 10:01
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Es ist eine traurige Bilanz, die jedoch zu erwarten war: Die Gesundheitskrise sowie die sozialen und wirtschaftlichen Folgen haben die besonders gefährlichen Konsummotive wie zum Beispiel die Flucht vor Alltagssorgen oder Stressbewältigung verstärkt. Und: Sie hat die Risikogruppen erweitert. Zu diesem Schluss kommt Sucht Schweiz, das nationale Kompetenzzentrum für Prävention, Forschung und Wissensvermittlung im Suchtbereich. 
Nebst der Allgemeinbevölkerung seien Pflegende in Notfallstationen, das Personal im Transportwesen oder im Verkauf besonders betroffen. Wie das Suchtpanorama 2021 weiter zeigt, sind auch Personen stark belastet, die während der Pandemie ein Trauma erlitten haben  - ausgelöst durch schwer erkrankte Angehörige oder durch den Verlust eines geliebten Menschen. Die Krux: Sucht ist nach wie vor ein Tabu-Thema; umso schwieriger ist es für die Betroffenen, darüber zu sprechen. 

Neue Risikogruppe: Was sagen der SBK und der VSAO?

Für die Fachleute ist klar: Menschen, die schon zuvor Mühe hatten, den Konsum von Alkohol, Drogen, psychoaktiver Substanzen, das Geldspiel oder Online-Aktivitäten zu kontrollieren, sind während der Krise einmal mehr gefährdet. Besonders suchtgefährdet sind heute zusätzlich jene Personen, die ganz direkt mit Covid-19 und den gravierenden Auswirkungen konfrontiert oder einem erhöhten Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind. 
Laut Sucht Schweiz gehört das medizinische Personal, «namentlich Pflegende auf Intensivstationen oder das Personal in Ambulanzen», zur neuen Risikogruppe. Was sagen der Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK sowie der Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte VSAO dazu? Medinside wartet auf eine entsprechende Stellungnahme. Ein Update folgt. 
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Die Verkäufe von opioidhaltigen Schmerzmittelnn steigen. (Pixabay)

Politik: Liberalisierungen verschärfen die Lage

Umso unverständlicher die Tatsache, dass seit Anfang 2021 auf Autobahnraststätten wieder alkoholische Getränke ausgeschenkt und verkauft werden dürfen. Ebenso erschreckend ist, dass Lieferungen und Verkäufe von starken opioidhaltigen Schmerzmitteln laut Sucht Schweiz weiter ansteigen und man auch davon ausgeht, dass die Spielsucht zunehmen wird. Grund: Fast gleichzeitig mit der Gesundheitskrise wurde der Geldspielmarkt für Online-Angebote gehöffnet.

Kokain eine Alltagsdroge?

Kokain scheint hierzulande in gewissen Städten zu den Alltagsdrogen zu zählen. Das Ergebnis der Abwasserstudie, die 2019 in 70 europäischen Städten durchgeführt wurde, zeigt: Alle fünf schweizerischen Standorte lagen beim Kokainverbrauch pro Kopf in den « Top 20 »: St. Gallen (Rang 3), Zürich (4), Basel (6), Genf (9) und Bern (18). Bei den übrigen Stimulanzien gelangten lediglich Zürich bei Ecstasy (7) und Methamphetamin (8), sowie Basel bei Methamphetamin (11) auf die vorderen Plätze.
Zum Suchtpanorama geht es hier.

Jede 12. Person stirbt wegen Alkohol

7,9 Liter reiner Alkohol betrug der jährliche Pro-Kopf-Konsum 2019. Damit bewegt er sich auf einem ähnlichen Niveau wie in den Vorjahren. In der Schweiz sterben rund 1550 Personen jährlich an den Folgen ihres Alkoholkonsums. Schätzungsweise acht Prozent aller Todesfälle in der Altersgruppe der 15- bis 74-Jährigen sind alkoholbedingt. 
Alkoholmissbrauch verursacht in der Schweiz jährlich geschätzte volkswirtschaftliche Kosten von rund 2,8 Milliarden Franken; dies entspricht 335 Franken pro Kopf. Alkohol ist jedes Jahr für 3 Millionen Todesfälle weltweit verantwortlich, von denen ein Drittel auf die Europäische Region der WHO entfällt. Alkohol ist die Todesursache Nummer eins bei jungen Menschen. 
Er ist ein führender Risikofaktor für nichtübertragbare Krankheiten wie Krebs und Herzleiden und trägt zu psychischen Gesundheitsproblemen, Unfällen und Gewaltakten bei. Darüber hinaus schwächt ein hoher Konsum das Immunsystem und die Abwehr von Infektionskrankheiten und er erhöht das Risiko für das akute Atemnotsyndrom, eine der schwersten Komplikationen von Covid-19.
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