St.Galler Kantonsspital: «Wir wollen einen gewissen Pluralismus»

Chefarzt Thomas Cerny stellt sich voll und ganz hinter seine in Kritik geratene Mitarbeiterin Karen Nestor. Die Palliativmedizinerin ist Mitglied in einem Verein, der sich vehement gegen die Sterbehilfe einsetzt.

, 26. Juli 2016, 07:43
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Karen Nestor arbeitet seit 2013 als Oberärztin am Palliativzentrum des Kantonsspitals St. Gallen. Anfang Jahr hat der Bundesrat die 46-jährige Ärztin ausserdem in die Nationale Ethikkommission (NEK) gewählt. Offenbar war dies eine heikle Wahl, wie auch Medinside berichtete. 
Denn die Ärztin ist Mitglied in der Hippokratischen Gesellschaft, die primär gegründet wurde, um sich der «aktiven Patiententötung» entgegenzusetzen, also der Sterbehilfe. 
Die Vereinigung gilt als eine von mehreren Nachfolgeorganisationen des Vereins zur Förderung für Psychologische Menschenkenntnis (VPM). Dieser sorgte der in den späten Achtziger- und in den Neunzigerjahren immer wieder mal für Wirbel.

Was Nestors Chef dazu meint

Die Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin hat sich bereits hinter die Palliativmedizinerin gestellt. Jetzt meldet sich auch Thomas Cerny zu Wort, Nestors Chef am Kantonsspital St. Gallen. Auch der Chefarzt der Klinik für Onkologie und Hämatologie stellt sich voll und ganz hinter seine Oberärztin. 
«Wenn Karen Nestor aufgefallen ist, dann durch ihre Sorgfalt und Feinfühligkeit.» Nestor zeichne sich durch hohe fachliche Kompetenz aus und sei «ein hochgeschätztes Mitglied des Teams», sagt Cerny gegenüber dem «St. Galler Tagblatt».
Mehr zum Fall:




Entlassung wegen Missionierung von todkranken Patienten

Obwohl die Palliativmedizin regelmässig mit ethischen Fragen konfrontiert sei, gebe es keine «Gesinnungsprüfung» für Mediziner, sagt Cerny. «Bei uns haben die verschiedensten Meinungen Platz. Wir wollen einen gewissen Pluralismus.»
Bei Nestor sei die Gesinnung bislang aber ohnehin kein Problem gewesen, man habe das VPM-Gedankengut nie gespürt. Sie sei zwar eine vehemente Gegnerin der aktiven Sterbehilfe, wie dies auch der VPM propagierte. Eine solche Sichtweise müsse aber Platz haben in einer Klinik.
Und weiter: «Karen Nestor hat nie versucht, Patienten oder Mitarbeiter von ihrer Weltanschauung zu überzeugen». Die Klinik hätte sonst längst gehandelt. «Wir haben in den vergangenen 20 Jahren schon Personen entlassen, weil sie versucht haben, todkranke Patienten zu missionieren.»
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