Propofol: Die Droge des Medizinpersonals

Eine Umfrage bei Rechtsmedizin-Instituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz lässt ahnen: Wo bei Ärzten und Pflegepersonal ein Missbrauchs-Verdacht ist, ist Propofol nicht weit.

, 29. Juni 2017, 09:00
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Es gab öfters mal Hinweise darauf, dass manche Ärzte und Pflegefachleute das Anästhetikum Propofol als Droge missbrauchen. In der Literatur gibt es auch interessante Einzelfall-Studien dazu. Ein Team von Forschern der Universität Bochum, der Charité und des Forensisch-Toxikologischen Zentrums München ging nun der Frage nach, wie real die Situation ist – und wie gefährlich: Wie verbreitet ist ein Propofol-Abusus mit tödlichem Ausgang unter Medizin-Profis?


Um Licht ins Dunkel zu bringen, holte das Team unter der Leitung des Schmerzmediziners Christian Maier bei 48 Rechtsmedizin-Instituten in Deutschland, Österreich und der Schweiz Auswertungen. Welche Obduktionen von verstorbenen Ärzten und Medizin-Profis wurden durchgeführt unter dem Verdacht auf Arzneimittelmissbrauch?
Insgesamt meldeten die Rechtmediziner 39 solche Verdachtsfälle, verteilt die Jahre 2002 bis 2012: 22 Ärzte, 13 Pflegende, 2 sonstige, 2 unbekannt.

Propofol in fast neun von zehn Verdachtsfällen

Und siehe da: 33mal wurde Propofol festgestellt – also in fast neun von zehn Verdachtsfällen. Sieben dieser Fälle stuften die Rechtsmediziner als Unfalltod ein, 24 als Suizid. Bei 14 Fällen fanden sie, dass man es vermutlich nicht mit einem chronischen Abusus zu tun habe (wobei die Frage der Sucht nicht in allen Fällen überprüft wurde).
Absolut gesehen sind die Zahlen natürlich nicht hoch, zumal wenn man bedenkt, dass ein ganzes Jahrzehnt erfasst wurde. Aber hier wurden nur die tödlichen Fälle erfasst. Und gegenüber der Fachsite «Medscape» erinnerte Paula Hezler-Rusch von der Landesärztekammer Baden-Württemberg daran, dass 2 bis 4 Prozent der Bevölkerung an Suchterkrankungen leiden – wobei sich annehmen lässt, dass die Quote unter Medizinern ähnlich ist. Demnach wären etwa 1’800 Ärztinnen und Ärzte in Baden-Württemberg manifest suchtkrank; und auch in der Schweiz, so liesse sich anfügen, dürften es rund 1'000 Betroffene sein.
Die Württemberger Ärztekammer lancierte – als erste in Deutschland – ein eigenes Suchtpräventionsprogramm für Mediziner; und dabei sei ebenfalls aufgefallen, dass Ärzte häufig zu Propofol greifen, «auch in Kombination mit anderen Medikamenten», so ein Sprecher des Verbandes zu «Medscape». Dies wahrscheinlich wegen der leichten Verfügbarkeit des Mittels: Propofol findet sich bekanntlich in den meisten Anästhesie-Situationen.

Hohe Gefährlichkeit

Bereits Jahr 2010 ergab eine Datenauswertung bei Anästhesisten in Deutschland,  dass Propofol zwar weniger häufig missbräuchlich genutzt wurde als zum Beispiel Opioide: Bei 19 von 210 suchterkrankten Mitgliedern stellte die Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin eine Propofolabhängigkeit fest. Hoch war aber die Gefährlichkeit: Von den Propofol-Abhängigen verstarben 38 Prozent; bei den Medizinern, die von Opioiden oder Benzodiazepinen abhängig waren, endete die Sucht nur in 19 Prozent der 191 Fälle tödlich.
Propofol wurde in breiteren Kreisen bekannt durch den Tod von Michael Jackson im Jahr 2009: Es zählte zu den Narkosemitteln, die bei der Obduktion im Körper des Superstars gefunden worden waren. Als Rauschmittel hat es eine beruhigende und entspannende, manchmal auch euphorisierende und aphrodisierende Wirkung. 
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