«Professioneller Umgang mit Spiritualität»

Claudia Kohli Reichenbach leitet den Studiengang Spiritual Care an der Universität Bern. Die Theologin erklärt, warum Fragen über spirituell-religiöse Themen heute zum Berufsalltag von Ärzten und Pflegepersonen gehören.

, 15. April 2017, 09:10
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Frau Kohli Reichenbach, im September startet der dritte Weiterbildungsstudiengang Spiritual Care der Universität Bern. Wie steht es um die Nachfrage?
Sie ist sehr gross. Der Studiengang war von Anfang an voll ausgebucht. Es werden pro Kurs 18 Teilnehmende aufgenommen. Dies ist eine ideale Grösse für eine Lerngruppe. 
An wen richtet sich der Studiengang?
Er richtet sich an Personen, die sich für die Bedeutung von Spiritualität als Ressource der Lebensbewältigung interessieren und fragen, wie sie Spiritualität in den Berufsalltag integrieren können, etwa wenn bei Patienten Fragen über den Tod auftauchen. Die Teilnehmenden sind Ärzte, Pflegende, Psychogen oder Seelsorgende.
Haben die Beschäftigten der Gesundheitsbranche nicht schon genügend mit medizinischen Fragen zu tun, als dass sie sich noch Kompetenzen in religiösen und spirituellen Belangen aneignen sollten?
Die Idee ist nicht, dass sie zusätzlich Seelsorgefunktionen übernehmen. Dazu reicht die Zeit tatsächlich nicht. Aber viele werden im Praxisalltag mit Spiritualität konfrontiert und möchten lernen, wie sie Töne in dem Bereich wahrnehmen und aufnehmen können.
Was motiviert die Teilnehmenden konkret?
Studien belegen, dass Spiritualität eine wichtige Rolle spielt in der Bewältigung von Krisen. Wir wollen dem Rechnung tragen und bieten praxisrelevante Ansätze für die berufliche Tätigkeit. Etwa, wie sie mit dem spirituellen Stress umgehen können, den Patienten im Sterbeprozess häufig haben. 
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    Die Theologin Claudia Kohli Reichenbach ist Studienleiterin CAS Spiritual Care der Universität Bern. Sie ist Lehrbeauftragte der Abteilung Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik am Institut für Praktische Theologie.

Bringt der Kurs Interessenten aller Glaubensrichtungen gleichermassen etwas, auch Agnostikern?
Ja. Spiritualität ist nicht an religiöse Grenzen gebunden. Wir schauen durchaus mit einem kritischen Blick auf religiöse und spirituelle Fragen. Die Zahl der Menschen, die nicht mehr explizit einer Konfession angehören, hat stark zugenommen. Das heisst aber nicht, dass sie sich nicht für spirituell-religiöse Fragen interessieren.
Welche Fähigkeiten haben die Teilnehmenden nach Abschluss der Weiterbildung, die sie vorher nicht hatten?
Sie haben den Überblick über den aktuellen Forschungsstand im Bereich von Spiritualität und Gesundheit. Sie haben Kenntnisse über verschiedene Spiritualitätsformen und wissen, wie sie diese lesen können. Und sie können professionell mit spirituellen und religiösen Fragen in der Praxis umgehen.
Medizin, Pflege, Theologie – wie grenzen sich die Gebiete in der Spiritual Care voneinander ab?
Wir wollen keine Abgrenzung, wir wollen den interdisziplinären Austausch und legen viel Wert darauf. Nicht umsonst wird der Lehrgang von drei Fakultäten der Universität Bern paritätisch getragen: der Medizinischen, der Theologischen und der Philosopisch-humanwissenschaftlichen Fakultät. Zudem ist der Pflegedirektor des Inselspitals Mitglied der Programmleitung. 

«Und dann ist natürlich die grosse Frage: Was kommt nach dem Tod?»

Aus Ihrer Erfahrung als Theologin: Stirbt es sich leichter, wenn man vorher über den Tod gesprochen hat?
Das lässt sich so nicht sagen. Was man beobachten kann, ist, dass das Bedürfnis, über spirituell-religiöse Fragen zu sprechen, im Blick auf den Tod zunimmt. Familienangehörige spielen in der Auseinandersetzung eine wichtige Rolle. Oft übernehmen aber auch Pflegepersonen und Ärzte einen wichtigen Teil in der Thematisierung der Fragen
Welches sind die Fragen, die Menschen am Lebensende am stärksten beschäftigen?
Die Unausweichlichkeit des Todes drängt Menschen am Lebensende zu fragen, wie sie die verbleibende Zeit noch gestalten wollen. Was macht das Leben für mich noch lebenswert? Viele müssen den Autonomieverlust verarbeiten und sorgen sich, dass sie andern zu sehr zur Last fallen. Und dann ist natürlich die grosse Frage: Was kommt nach dem Tod? 

  • Zum Weiterbildungsstudiengang CAS Spiritual Care der Universität Bern

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