Praxiserfahrungsberichte: 2'100 Franken pro Patient

Eine BMJ-Untersuchung ging den Honoraren und Ergebnissen von Post-Marketing-Studien nach. Fazit: Von ernsthaften Resultaten kann man kaum sprechen.

, 20. Februar 2017 um 14:00
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Was taugen die so genannten Anwendungsbeobachtungen? Die Sache ist bekanntlich umstritten: Dass Ärzte für die Beobachtung der Wirkung von Medikamenten und Medizinalprodukten nach der Zulassung honoriert werden, gilt vielen als versteckte Form der Bestechung, zumindest als unanständige Beeinflussung.
Im vergangenen Sommer brachten diverse deutsche Medien in einer koordinierten Aktion ans Licht, dass Deutschlands Ärzte «dutzende Millionen» erhielten für solche Arbeiten: 2015 hätten sich knapp 13'000 selbstständige Mediziner sowie rund 4'000 Klinikärzte an solchen Studien beteiligt. Insgesamt liefen pro Jahr gut 600 Anwendungsbeobachtungen in Deutschland. 
Eine jetzt im «British Medical Journal» publizierte Arbeit ging der Wirkung dieser «post-marketing studies» nach; an der die Veröffentlichung im BMJ beteiligten sich sowohl Vertreter von Universitäten in Aachen, Münster und Baltimore als auch der Charité in Berlin – sowie von Transparency International. 
Untersucht wurden dabei die Ergebnisse von 558 Anwendungsbeobachtungen (in der Schweiz eher als Praxiserfahrungsberichte bekannt). Sie waren zwischen 2008 und 2010 durchgeführt worden. Dabei erfasste jede Studie im Schnitt rund 600 Patienten.
Die durchschnittliche Honorierung für die Ärzte erreichte 200 Euro pro Patient (Medianwert), wobei der Spitzenwert bei 7'280 Euro lag, also bei gut 7'700 Franken.

2,1 Millionen für den Spitzenverdiener

Anders gerechnet: Die Ärzte, die sich an den hier beobachteten Studien beteiligten, erhielten im Schnitt rund 2'000 Euro dafür – wobei der Spitzenverdiener knapp 2,1 Millionen Euro erreichte. Insgesamt wiesen die beobachteten Unternehmen 217 Millionen Euro an Honoraren aus.
Das Problem ist nun: Die Wirkung dieser Studien liess sich nicht verifizieren. Im Anschluss an die 558 erfassten Überwachungen wurde den Regulatoren keine einzige negative Reaktion oder Nebenwirkung gemeldet. Weniger als 1 Prozent der Studien wurde veröffentlicht und in wissenschaftlichen Journals zur Publikation und Verifizierung freigegeben.

Zu kleine Samples

In ihrer Conclusion schreiben die Autorinnen und Autoren also, dass solche post-marketing studies nichts beitragen zur Steigerung der Medikamentensicherheit. Die Samples seien in der Regel zu klein, um seltene Reaktion zu sichten, und erschwerend hinzu komme die Vertraulichkeit, welche die beteiligten Firmen von den Studien-Ärzten fordern.
«Eine hohe Entlöhnung und strenge Vertraulichkeits-Klauseln», so das trockene Fazit der Studie, «könnten die Berichterstattung der Ärzte über Medikamenten-Nebenwirkungen beeinflussen.» 
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