Pflege: Emotionale Intelligenz wird überschätzt

Wer sich gut einfühlen kann, schneidet in der Ausbildung zur Pflegeexperten oder zur Hebamme nicht besser ab. Und wer sich in Pflege ausbilden lässt, verliert womöglich gar an Emotionaler Intelligenz.

, 30. Mai 2016, 11:19
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Es gilt ja als Selbstverständlichkeit, dass in vielen Gesundheitsberufen eine gewisse Persönlichkeitsstruktur benötigt wird oder zumindest Vorteile hat. Emotionale Intelligenz wäre einer dieser Züge, an denen kaum jemand laut zu zweifeln wagt.
Oder doch? In Grossbritannien läuft seit Jahren eine ausführliche Analyse von hunderten Aspekten, welche die Pflegequalität ausmachen könnten. Und dabei – oder in Fortsetzung – ging ein Team der Universitäten Edinburgh und West of Scotland auch der Frage nach, wie es denn um den Faktor emotionale Intelligenz steht.
Insgesamt beobachteten die Forscher um die Psychiater Austyn Snowden und Rosie Stenhouse gut 900 Studierende, die sich zu Pflegefachleuten oder Hebammen ausbilden liessen. In mehreren Phasen und über drei Jahre hinweg erhoben sie einerseits die Noten und fachlichen Beurteilungen der jungen Leute – andererseits deren Fähigkeit, Emotionen zu verstehen oder auszudrücken (oder aber die Gefühle anderer Menschen wahrzunehmen): Vor Ausbildungsbeginn, nach einem und zwei Jahren sowie nach dem Abschluss nach drei Jahren.


Ein erste Aussage entspricht wohl allen Erwartungen: Die weiblichen Testpersonen wiesen zu allen Zeitpunkten höhere emotionale Intelligenz-Werte aus als ihre männlichen Kollegen. Die nächste Aussage verblüfft umso eher: Im Beobachtungs-Zeitraum sanken die Werte für emotionale Intelligenz. Das heisst: Die Ausbildung schien sich hier sogar negativ auszuwirken.

Persönlichkeitszug oder Einstellung?

Die schottischen Forscher weisen aber darauf hin, dass bereits frühere Untersuchungen bei Medizinstudenten wie Pflegekräften ähnliches gezeigt haben: Wenn man mit Patienten arbeitete, liess die Empathie nach (mehr dazu hierhier und hier).
Ähnliches könnte also auch für die emotionale Intelligenz gelten. Die neue Studie deutet jedenfalls an, dass emotionale Intelligenz weniger ein (fixer) Charakterzug sein dürfte, sondern eher eine (gelernte) Haltung beziehungsweise Einstellung.

Wer Pflegeerfahrung mitbrachte, hatte es schwerer

Heraus kam dabei auch, dass die Pflege-Nachwuchskräfte mit hoher emotionaler Intelligenz keine besseren Werte in der Benotung erhielten. Das heisst: Wer sich gut einfühlen konnte, machte noch keinen leichteren Abschluss seiner Pflegefach-Ausbildung. 
Mehr noch: Etwas mehr als die Hälfte der Studienanfänger hatten bereits vor dem Beginn der Bachelor-Ausbildung berufliche Erfahrungen in der Pflege gesammelt; und diese Personen wiesen im ersten Jahr der höheren tiefere Werte aus als die anderen. Oder kürzer: Sie holten schlechtere Noten.
Dies könnte allerdings viel mit fachlichen Betrachtungsweisen zu tun haben, geben die Forscher zu bedenken: Letztlich könnte es ein Nachteil sein, dass jemand in der klinischen Praxis gewisse Muster gelernt hat, die dann in der weiteren Fachausbildung nicht so geschätzt werden.


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