Omikron: Thesen von Geert Vanden Bossche

Medinside hat einige der Aussagen des belgischen Virologen ausgewählt und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) damit konfrontiert.

, 5. Januar 2022, 09:30
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Die Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Ohne bereits gross Anhaltspunkte zu haben, jagte eine Nachricht die andere. Vor einigen Wochen titelten hiesige Medien:
> Grosse Sorge um Corona-Mutante: Wie gefährlich ist Omikron wirklich? (Blick)
> Kommt nach dem Booster die Omikron-Impfung? (20 Minuten)
> Omikron-Fall in Basel betrifft doppelt geimpften 19-Jährigen (SRF) 
In diesem Monat konnte man Schlagzeilen lesen wie: 
> Das Neueste zu Omikron – Daten zeigen: Bei Omikron zwei Drittel weniger Spitaleintritte (SRF)
> «Kinder werden stark von der Omikron-Welle betroffen sein» (Tages-Anzeiger)
> Omikron und die falsche Statistik: Deshalb gibt Bidens Chef-Virologe Anthony Fauci vorsichtige Entwarnung (Luzerner Zeitung)  
Bei so viel Publicity erstaunt es nicht, dass die «neue Mutante» in aller Munde ist. Das Coronavirus muss jedoch schon vor Omikron mehrmals mutiert sein, denn Delta – die Vorgängervariante – ist der vierte Buchstabe des griechischen Alphabets, Omikron bereits der fünfzehnte. Aber nicht alle neuen Varianten werden als «besorgniserregend» eingestuft.

Kritik am Fahrplan der Regierungen

Auf der ganzen Welt rätseln Experten um den Ursprung, die Virulenz, die Übertragbarkeit und Wirksamkeit von Covid-Impfstoffen hinsichtlich der Omikron-Variante. So auch Geert Vanden Bossche. Der Belgier ist ein Experte für Mikrobiologie und Infektionskrankheiten – sein Fachgebiet ist die Veterinärmedizin. Er hat in Virologie promoviert und verfügt über langjährige Erfahrung in der Humanimpfstoffkunde. Vanden Bossche war bei verschiedenen Impfstoffunternehmen tätig (z.B. Novartis Vaccines) und arbeitete für Organisationen wie die Impfstoffallianz Gavi sowie die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung.
Zusammen mit zwei Medizinerinnen führt der Virologe die Webseite «Voice for Science and Solidarity». In mehreren Beiträgen gibt er seine Einschätzung zur Omikron-Variante ab und scheut dabei nicht zurück, den aktuellen Fahrplan der Regierungen infrage zu stellen.
Medinside hat einige seiner Thesen herausgepickt und bat Christoph Berger, den Präsidenten der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif), um eine Einschätzung. Die Redaktion hat trotz Nachfrage keine Antwort erhalten und wendete sich daher schliesslich an das Bundesamt für Gesundheit (BAG).
Geert Vanden Bossche schreibt: «Die evolutionäre Kapazität von Sars-CoV-2 wird dramatisch unterschätzt, wenn es durch die Impfung unter Immundruck gerät.» Es bestehe kein Zweifel daran, dass Omikron nur ein Beispiel dafür ist und dass in anderen Ländern bald weitere Varianten mit einem ähnlichen Spektrum an Spike-Protein-gerichteten Mutationen auftauchen würden.
Das BAG nimmt wie folgt Stellung«Der Selektionsdruck durch die Impfung wird von vielen überschätzt. Tatsächlich werden in akuten Atemwegsinfektionen nur sehr selten Mutationen beobachtet, die Immunflucht verursachen. Dies ist am besten bei Grippe-Viren untersucht, gegen die ja seit Jahrzehnten grossflächig geimpft wird und die für ihre Wandlungsfähigkeit bekannt sind. Dies lässt sich durch die verzögerte Aktivierung des adaptiven Immunsystems und die kurze Dauer der Infektion erklären. Stark mutierte Varianten wie Omikron entstehen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht entlang gewöhnlicher Übertragungsketten, sondern möglicherweise in chronischen Infektionen.»
Geert Vanden Bossche: «Da impfstoffneutralisierende Antikörper hochspezifisch sind (immer noch gegen das Spike-Protein des Wuhan-Stammes gerichtet), ist es weniger wahrscheinlich, dass sie an die Rezeptorbindungsdomäne von Omikron binden, die innerhalb dieser Domäne eine Vielzahl von Mutationen erfahren hat.» Es sei deshalb zu erwarten, dass die impfstoffvermittelten Antikörper die relevanten angeborenen Antikörper bei Geimpften nicht verdrängen und somit die Inzidenz asymptomatischer Infektionen in dieser Population erhöhten.
Medinside: Letzteres, also dass sich auch Geimpfte mit dem Virus infizieren, wird immer häufiger beobachtet – was meint das BAG dazu?
BAG«Das BAG hat stets darauf hingewiesen, dass sich auch Geimpfte anstecken können. Die Impfung schützt insbesondere vor schweren Verläufen.»
Medinside: Christoph Berger (Ekif) sagte gegenüber dem Nachrichtenportal «nau.ch», er glaube nicht, dass das Coronavirus mit der Booster-Impfung besiegt werden könne. Er hoffe auf viele Immune durch die Genesung im Frühjahr. Tatsache ist: Auch wenn 100 Prozent der Schweizer Bevölkerung geimpft wären, kann Sars-CoV-2 nicht ausgerottet werden. Das Virus muss sich stetig weiterentwickeln, weil so viele Menschen geimpft sind und sich boostern lassen – es will ja leben.
Stellungnahme BAG«Langfristige Herdenimmunität scheint tatsächlich unerreichbar. Dennoch hilft die Impfung, die Inzidenz zu reduzieren – vor Omikron war die Inzidenz bei Geimpften um ein Vielfaches niedriger als bei Ungeimpften. Und der Schutz vor schweren Verläufen ist nach wie vor exzellent.»
Medinside: Italien hat schon vor Bekanntwerden der neuen Variante beschlossen, dass doppelt Geimpfte sich bereits nach vier Monaten boostern lassen können. Grossbritannien hat die Frist für die Auffrischungsimpfung sogar auf drei Monate verkürzt. Vor rund zwei Wochen passten auch das BAG und die Ekif ihre Empfehlung an. So wird die Auffrischungsimpfung mit einem mRNA-Impfstoff ebenfalls bereits ab vier statt sechs Monate nach der Grundimmunisierung empfohlen. Auf welcher wissenschaftlichen Datenlage basiert dieser Entschluss?
BAG: «Ekif und BAG evaluieren fortlaufend die national und international verfügbaren Daten und passen die Impfempfehlung an, sobald dies die aktuelle Evidenz, die epidemiologische Lage oder die Zulassungsdaten der Swissmedic nahelegen. Die Omikron-Variante ist wesentlich ansteckender als die Delta-Variante und verbreitet sich deshalb sehr rasch. Daten weisen darauf hin, dass der Impfschutz bei der Omikron-Variante stark reduziert ist. Dies betrifft vor allem Infektionen und leichte Erkrankungen bei immunisierten Personen (Geimpften und Genesenen). Vor schweren Erkrankungen wird weiterhin ein partieller Schutz erwartet, der jedoch mit zunehmendem Alter abnimmt. Der Schutz vor einer Infektion steigt nach einer Auffrischimpfung zumindest kurzfristig deutlich an.»
Einschätzung von Geert Vanden Bossche: «Durch die erneute Erhöhung der Antikörper (mit der Auffrischungsimpfung) wird das Virus unter einen noch höheren Immundruck gesetzt und seine Fähigkeit, den Impfantikörpern zu entkommen, weiter ausgebaut. Infolgedessen erhalten infektiösere Varianten einen Wettbewerbsvorteil und verbreiten sich daher stärker in der Bevölkerung. Dadurch wird die evolutionäre Fähigkeit des Virus, den Impfstoffen zu widerstehen, nur noch verstärkt und erweitert.»
Stellungnahme BAG: «Diese Angst ist unbegründet.»
Medinside: Könnte es denn nicht sein, dass unbeabsichtigt infektiösere Mutationen «gezüchtet» werden, je mehr die undichten Covid-19-Impfstoffe zur Immunisierung von Menschen eingesetzt werden?
BAG: «Wie bereits erwähnt, ist dieser Selektionsdruck sehr viel weniger stark als angenommen. Darüber hinaus gibt es keine Hinweise, dass der Beitrag von Impfungen sich von Infektionen unterscheidet. Und durch Impfungen werden Infektion und Krankheit vermieden, und noch dazu wird die Inzidenz gesenkt.»
Medinside: Der Impfstoffhersteller Moderna hat bereits an Thanksgiving (25. November) mit der Arbeit an einem Impfstoff gegen die Omikron-Variante begonnen. Wie gross wäre der Nutzen eines solchen Impfstoffs? Und: Wie gross stehen die Chancen, dass es hierzulande einen Impfstoff gegen die Omikron-Variante geben wird?
BAG: «Die Schweiz erhält gemäss Vertrag immer den aktuellsten verfügbaren Impfstoff.»
Medinside: Einige Experten warnen, dass immer mehr Junge und Kinder von Omikron betroffen seien und hospitalisiert werden müssten. Andere sind der Meinung, es sei schlicht noch zu früh, um genaue Aussagen zu machen. Und wieder andere meinen, dass das Virus zunehmend endemisches Verhalten zeige, weil Omikron eher milde Krankheitssymptome verursache; das Virus sei zwar noch hoch infektiös, werde aber weniger virulent. Welche Einschätzung kann das BAG abgeben?
BAG: «Derzeit ist die Datenlage noch nicht ausreichend, um entsprechende Aussagen machen zu können.»
Medinside: Laut Geert Vanden Bossche kann eine Pandemie nur durch Herdenimmunität eingedämmt werden. Da die impfspezifischen Antikörper die relevanten angeborenen Antikörper unterdrückten, seien die Covid-19-Impfstoffe aber in keiner Weise in der Lage, eine sterilisierende Immunität zu verleihen. Folglich trage keiner dieser Impfstoffe zum Aufbau einer Herdenimmunität bei. Im Gegenteil, sie schafften bei den Geimpften einen Nährboden für weitere infektiöse Varianten, wodurch die Infektionsraten weiter steigen würden und sowohl die Ungeimpften als auch die Geimpften gefährdet würden.
BAG: «Auch Infektionen produzieren keine sterilisierende Immunität.» 
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