Nächster Schritt? BAG prüft Lockerung bei Hepatitis-C-Medikamenten

Bestimmte Patientengruppen sollen früher in den Genuss von superteuren Tabletten wie Harvoni kommen – bezahlt von der Grundversicherung.

, 28. Oktober 2016, 06:00
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Das Bundesamt für Gesundheit ist bereit, nochmals einen erweiterten Einsatz der jüngsten Generation von Hepatitis-C-Mitteln zu prüfen. Neue Patientengruppen sollen die neuen Medikamente im Kampf gegen das Virus erhalten – vergütet von der Krankenkasse. Dies melden mehrere solide Quellen; das BAG bestätigt entsprechende Überlegungen.
Konkret sollen Menschen, die neben dem Hepatitis-C-Virus auch mit dem HIV- und dem Hepatitis-B-Erreger infiziert sind, ihre Therapie mit den wirksamen Kombinationstherapien erstattet bekommen – selbst wenn noch keine fortgeschrittene Lebererkrankung vorliegt. Dasselbe gilt für die Konsumenten von intravenösen Drogen.

In jedem notwendigen Fall

Bei diesen Gruppen sollen sehr teure, aber eben auch sehr wirksame Hepatitis-C-Virenbekämpfer wie Sovaldi und Harvoni (Gilead) oder Exviera (AbbVie) von der Grundversicherung in jedem notwendigen Fall bezahlt werden – unabhängig von der akuten Situation und der Schwere der Lebererkrankung.
Beim Einsatz der neuen Medikamente gegen Hepatitis C hatte das BAG ursprünglich klare Grenzen gezogen: Angesichts der gewaltigen Preise der jungen Hepatitis-Produkte bezahlte die Grundversicherung solch eine Therapie erst bei stark fortgeschrittener Lebererkrankung (Fibrosegrad 3 und 4). Ende letzten Jahres gab es dann eine erste Lockerung: Nachdem sich das Bundesamt mit den Herstellern auf gewisse Preissenkungen einigen konnte, bewilligte es den bezahlten Einsatz der neu-teuren Hepatitis-Mittel bereits bei Patienten mit weniger fortgeschrittener Lebererkrankung (Fibrosegrad 2).

Das Indien-Argument

Freilich: Die Forderung, die wirksamen US-Mittel bei allen Infizierten und auch bei leicht Erkrankten einzusetzen, ebbte seither nicht ab. Betroffene witterten in der Fibrosegrad-Grenze eine unethische Zweiklassen-Medizin. Diverse Medien berichteten von Patienten, welche sich die Therapien auf eigene Rechnung in Indien beschafften. Und auf der anderen Seite rechneten Epidemologen und Leberspezialisten vor, dass ein früher Einsatz der teuren Wunderwaffen am Ende helfen könnte, Kosten einzusparen (siehe etwa hier).
Denn letztlich hätte eine Therapie mit Mitteln wie Harvoni selbst bei Gesunden oder nur leicht erkranken Menschen den Vorteil, dass zugleich eine Ansteckungsquelle versiegen würde.
Andererseits hatte das BAG zu Jahresbeginn noch argumentiert, dass es wenig sinnvoll sei, «diejenigen zu behandeln, die einmal krank werden könnten, es aber noch nicht sind und vielleicht auch nie werden».

Das epidemologische Argument

Die Auswahl der Gruppen, die nach den neuen Plänen in den Genuss der Kassenvergütung kommen könnten, deutet da eine gewisse Schwerpunkt-Verlagerung an. So schreitet die Hepatitis bei Menschen mit Mehrfach-Infektionen (HIV, Hepatitis B) oft schneller voran – womöglich sollen sie also stärker geschützt werden. Und vor allem: Der Hinweis auf die Drogenkonsumenten lässt ahnen, dass epidemologische Überlegungen eine Rolle bei den neuen Plänen spielen dürften.
Bleibt die Frage, ob dieser Wandel der Behörden auch mit Preisschritten der Hersteller einherginge. Denn immerhin: Die erste Lockerung – die Ausweitung auf Fibrosegrad 2 – erfolgte, nachdem die US-Hersteller zu Konzessionen bereit gewesen waren. Dabei sank beispielsweise der Preis einer Standardtherapie mit Sovaldi um gut 9'300 Franken auf 48'306 Franken. Bei Harvoni betrug die Reduktion sogar gut 12'000 Franken – auf 50'245 Franken.

«…oder die Hersteller verzichten freiwillig»

Oliver Peter, der Vizedirektor des BAG, stellte jedenfalls unlängst einen Zusammenhang her. Nach weiteren Ausweitungen befragt, sagte er in der SRF-Sendung «Kassensturz», das BAG habe alle gesetzlichen Vorgaben bei der Preisfestsetzung ausgenutzt: «Wir haben nur dann einen Verhandlungsspielraum, wenn wir Auslandpreisvergleiche haben, die publiziert sind. Diese ermöglichen uns, die Preise auf das Auslandniveau herunterzubringen.» Oder aber: «Die Hersteller verzichten freiwillig auf einen Teil der Einnahmen.» 
Durch die neuen Arzneimittel gegen Hepatitis C wurden seit 2013 rund eine Million Menschen geheilt. Dies hält ein WHO-Bericht fest, der am Donnerstag erschien. Der Erfolg sei stark durch Preissenkungen ermöglicht worden, so die Autoren der Weltgesundheits-Organisation. Allerdings haben 80 Prozent der Infizierte weltweit noch keinen Zugang zur antiviralen Therapie.
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