Langzeitpflege: Qualitätsabbau im Kanton Bern?

Weniger diplomierte Pflegefachpersonen auf Stufe HF oder FH, dafür mehr Fachpersonen FA? Der SBK wittert hier eine massive Verschlechterung. Aber es geht um Tieferes.

, 8. März 2018, 06:56
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Der Kanton Bern hat auf Anfang Jahr die Stellenvorgaben für die Langzeitpflege reduziert. Der Anteil des diplomierten Pflegefachpersonals muss daher nicht mehr 20, sondern nur noch 16 Prozent betragen. Unverändert bleibt, dass mindestens 50 Prozent des Gesamtstellenplans von Pflegefachpersonen abgedeckt werden müssen.
Die Sektion Bern des Schweizer Berufsverbands des Pflegefachpersonals SBK und die Regionalgruppe Bern von Swiss Nurse Leaders SNL zeigten sich befremdet ob dieses Entscheids der Gesundheits- und Fürsorgedirektion.

Es geht um eine spezielle Ausbildung

Dieser Qualitätsabbau in der Langzeitpflege sei ohne Wiederaufnahme der Verhandlungen zu Stande gekommen – und stelle eine Kehrtwende und eine klare Absage an die Versorgungsqualität in den Pflegeheimen des Kantons Bern dar, schreiben die Verbände.
Qualitätsabbau? Davon will Peter Keller vom Verband Berner Pflege- und Betreuungszentren nichts wissen. Die 4 Prozent – also die Differenz zwischen 20 und 16 Prozent – würden nicht durch gewöhnliche FaGe's ersetzt, sondern durch Fachleute, welche die Zusatzausbildung Langzeitpflege- und -betreuung bestanden hätten.
Es handelt sich hier um einen relativ neuen Weiterbildungslehrgang. Es geht darum, Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit – eben die FaGe's der sekundären Ausbildungsstufe – für Langzeitpflege und insbesondere Demenz und Palliativ Care speziell auszubilden.

Tertiär oder sekundär?

So stellt sich die Frage, ob die Fachpersonen Langzeitpflege und Langzeitbetreuung mit eidgenössischem Fachausweis der tertiären oder der sekundären Ausbildungsstufe anzurechnen sind.
Curaviva Schweiz schreibt dazu: «Fachpersonen Langzeitpflege und -betreuung FA entsprechen gemäss ihrem Titel und ihren Kompetenzen dem tertiär ausgebildeten Fachpersonal Pflege und Betreuung in Alters- und Pflegeinstitutionen und sind im Stellenschlüssel dementsprechend anzurechnen.»
Wo also liegt das Problem? «Die Fachpersonen Langzeitpflege und Langzeitbetreuung können diplomierte Pflegefachleute nicht ersetzen», sagt Cornelia Klüver, Präsidentin von SBK-Bern. «Sie können das diplomierte Pflegefachpersonal wohl gut ergänzen und sind jederzeit herzlich willkommen. Sie sind aber zum Beispiel im Managen von komplexen Notfallsituationen wie auch in der Führung des gesamten Pflegeprozesses überfordert. Das haben die Erfahrungen bereits gezeigt.» 

Ein Drittel so viel Theorie

Das bestätigt auch Peter Marbet, und er muss es wissen. Der 50-Jährige leitet das Berner Bildungszentrum Pflege, wo bisher gegen 150 Personen die Berufsprüfung Langzeitpflege und Langzeitbetreuung abschlossen haben. «Das Qualifikationsniveau dieser Leute liegt unter der Diplompflege, aber über den FaGe’s.»
Der Studiengang dauert eineinhalb Jahre beziehungsweise rund 500 Lektionen Theorie. Dies entspricht laut Marbet etwa einem Drittel des Aufwands an Theorie, was diplomierte Fachpersonen zu bewältigen haben.

Verbessert die Rahmenbedingungen!

Peter Keller vom Verband der Pflegezentren sieht diese Anpassung auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels. Für Pflegeinstitutionen sei es nicht immer einfach, genügend Fachkräfte der tertiären Ausbildungsstufe zu finden. Zudem könne man davon ausgehen, dass FaGe's mit der Zusatzausbildung für Pflege und Betreuung eher einem Pflegeheim treu blieben – und nicht von einem Spital abgeworben würden.
Davon will Cornelia Klüver nichts wissen. Die Pflegeheime müssten die Rahmenbedingungen verbessern, dann würde ihnen das Personal nicht davon laufen. Die SBK-Präsidentin denkt dabei an professionelle Führung, eine wertschätzende Arbeitsatmosphäre, innovative, familienfreundliche Arbeitszeitmodelle und der Aufgabe und Verantwortung entsprechende Entlöhnung.
Curaviva meint zudem, dass das Lohnniveau der Fachpersonen Langzeitpflege zwischen den beruflichen Grundbildungen FaGe und der Diplompflege anzusetzen sei. Will heissen, dass die Lohnkosten insgesamt sinken, wenn diplomierte Pflegefachleute durch Fachpersonen Langzeitpflege ersetzt werden.

Wie ist es in Zürich?

20 Prozent diplomierte Pflegefachleute HF oder FH und 30 Prozent Fachpersonal mit Fähigkeitsausweis (FaGe) – so lauteten bis Ende 2017 die kantonalen Stellenvorgaben im Kanton Bern.
Im Vergleich dazu stellt Zürich höhere Anforderungen: nämlich je 25 Prozent diplomierte Pflegefachleute und 25 Prozent Fachpersonen FA.
Stellt sich bloss noch die Frage, zu welcher Kategorie die Zürcher die Personen mit einer Berufsprüfung in Langzeitpflege und Langzeitbetreuung zuordnen.
Die Antwort der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich ist unmissverständlich: «Die Personen mit einer Berufsprüfung in Langzeitpflege werden nicht der Gruppe der Diplomierten zugerechnet, sondern der Gruppe Fachpersonal, unabhängig von der Zuteilung in der Bildungssystematik als Tertiär-B-Abschluss.»
Das entspricht nicht dem, was Curaviva vorschwebt. Der Heimverband schreibt in einem Merkblatt, dass Fachpersonen Langzeitpflege und -betreuung FA dem tertiär ausgebildeten Fachpersonal entsprechen, was im Stellenschlüssel dementsprechend anzurechnen sei.
Wasser auf die SBK-Mühlen
Die Zürcher Gesundheitsdirektion sagt dazu, dass die Berufsprüfung Langzeitpflege eine für den Betrieb wertvolle fachliche Weiterbildung für Mitarbeitende mit einem EFZ-Abschluss darstelle. «Die erworbenen Kompetenzen können jedoch nicht eins zu eins mit jener der Diplomierten Pflegefachpersonen verglichen werden.»
Die Verantwortung für den gesamten Pflegeprozess inklusive Pflegemassnahmen könne nur von den diplomierten Pflegefachpersonen wahrgenommen werden, so die Gesundheitsdirektion weiter; deshalb erfolge aus gesundheitspolizeilicher Sicht im Kanton Zürich die Zuteilung im Mindeststellenplan nicht nach der Einstufung der Bildungssystematik Tertiär- oder Sekundärstufe, sondern nach den erworbenen Kompetenzen.
Die Aussagen der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich sind Wasser auf die Mühlen der SBK-Bern. Helfen werden sie vermutlich trotzdem nicht. 
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