Jedes vierte Rezept ist überflüssig: Das sagen Ärzte zu Überbehandlungen

Den Medizinern ist sehr bewusst, dass zu viele Behandlungen unnötig sind: Dies bestätigt jetzt wieder eine grosse Umfrage in den USA. Was sind ihre Erklärungen? Was sind ihre Lösungsvorschläge?

, 11. September 2017, 08:30
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Welche Behandlungen sind unnötig? Und warum wenden Sie sie trotzdem an? Solchen klassischen Gretchenfragen der heutigen Medizin ging jetzt wieder ein Umfrage nach: Dabei wurden gut 2'100 Ärzte in den USA befragt – zu rund zwei Dritteln waren es Allgemeinpraktiker, zu einem Drittel Spezialisten.
Die Aussagen erscheinen dabei recht ungeschminkt: Auf die Frage, wieviel der ärztlichen Massnahmen unnötig seien, nannten die befragten Mediziner einen Fünftel (20,6 Prozent, Medianwert). Konkreter gesagt: 22 Prozent der ausgestellten Rezepte, 25 Prozent der Tests und 11 Prozent der Therapiemassnahmen wurden als unnecessary eingestuft.


Das heisst also: Die Ärzte sind sich sehr bewusst, dass sie Overmedication betreiben, und zwar in erheblichem Ausmass. 
Was sind die Erklärungen? Die Antworten, welche das Team mit Forschern aus Harvard und vom Johns-Hopkins-System von den Medizinern erhielt, waren recht klar: Fast alle Befragten sagten, dass sie die Furcht vor einem Kunstfehler zu zuviel Medizin verleitet (85 Prozent). Ein ebenfalls wichtiger Faktor: Der Druck der Patienten respektive bestimmte Peitenenwünsche (59 Prozent). Eine bemerkenswerte dritte Erklärung: Schwierigkeiten, Zugang zu Patientendossiers zu erhalten (38 Prozent) – hier scheint also das bekannte Problem auf, dass gewisse Tests und Untersuchungen wieder und wieder gemacht werden müssen, weil man die Ergebnisse von früher nicht (mehr) findet.
Dass es einfach um den Verdienst geht, wird dagegen von weniger als zehn Prozent genannt. Ob das ehrlich war? Möglich. Immerhin standen zwei Drittel der Befragten in einem Angestelltenverhältnis, bei dem sich allfällige Überarztung gar nicht positiv aufs Gehalt auswirken würde.

Ich nicht, die anderen schon…

Auf der anderen Seite erachten die Ärzte ihren Berufsstand keineswegs als Heiligen-Gruppierung: Fast drei Viertel der Befragten waren der Ansicht, dass die Mediziner unnötige Behandlungen angehen, wenn es ihnen geldmässig etwas nützt. Aber eben: Nur 9,2 Prozent gestanden ein, dass ihr eigenes finanzielles Interesse bei den ärztlichen Entscheiden eine Rolle spielt.
Die Analyse führt zu Lösungen. Was also schlugen die befragten Mediziner vor? Am häufigsten genannt wurde eine Ausbildung, bei der man noch verstärkt Wert legt auf die Kriterien für angemessene medizinischen Einsatz (55 Prozent), ein leichterer Zugriff auf EPDs und mehr Richtlinien (51 Prozent).
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