«Im Schlaflabor fragten wir uns damals, wer zuerst einschläft: Der Arzt oder der Patient?»

Wie gut schläft ein Schlafmediziner? Und warum schläft man überhaupt? Der Berner Neurologe und Schlafexperte Johannes Mathis gibt im Interview die Antworten.

, 4. März 2020, 05:00
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Der Berner Neurologe Johannes Mathis (65) hat am Neurozentrum Bern eine Praxis für Schlafmedizin eröffnet. Zuvor war er 35 Jahre am Inselspital und hat dort die interdisziplinäre Schlafmedizin aufgebaut. Im Interview mit Medinside sagt er, was so faszinierend am Schlafen ist.

Schlafen Sie gut, Herr Mathis?

Ja, ich schlafe sehr gut.

Kann man sich guten Schlaf antrainieren oder ist er ein Geschenk der Natur?

Beides spielt eine Rolle. Guten Schlaf kann man sich bis zu einem gewissen Grad antrainieren, indem man sich an einen regelmässigen Schlafrhythmus hält. Es braucht aber eine gewisse Disziplin, immer zu den gleichen Zeiten ins Bett zu gehen und aufzustehen.

Schlafen Ärzte im Durchschnitt besser oder schlechter als Menschen in anderen Berufen?

Das kann man nicht sagen. Generell haben gestresste Menschen oder Menschen, die Schichtarbeit leisten – und dazu gehören manche Ärzte und vielfach auch Pflegepersonal - ein erhöhtes Risiko, schlecht zu schlafen, weil bei ihnen der regelmässige Schlafrhythmus nicht mehr gegeben ist. Viele Ärzte, die ihre Arbeitszeit selber einteilen können, schlafen in der Regel aber besser als zum Beispiel Schichtarbeiter.

Wie können Sie mir helfen, wenn ich zu Ihnen komme, weil ich schlecht schlafe?

Der erste Schritt ist, zu verstehen, was Sie damit meinen, dass Sie schlecht schlafen. Viele Patienten sagen, sie schlafen schlecht, weil sie am Tag müde oder schläfrig sind. Damit schaffen Sie bereits einen Zusammenhang, der nicht zwingend ist. Um herauszufinden, was der wahre Grund für die Beschwerden ist, hat sich für mich die Einteilung in vier Kategorien von Schlaf-Wach-Störungen bewährt: Verkürzter Schlaf, vermehrter Schlaf, verunstalteter Schlaf – etwa durch Schlafwandeln – und verschobener Schlaf, zum Beispiel wegen Schichtarbeit oder Jetlag. Mit der Abklärung der Ursachen innerhalb dieser vier Hauptgruppen von Symptomen bis hin zur Klassifikation in eine oder mehrere von über 80 bekannten Schlaf-Wach-Störungen beginnt dann die eigentliche Aufgabe des Arztes und Schlafmediziners.

Schlafen wir schlechter als vor 30 Jahren?

Ja. Ich vermute, dass Schlaf-Wach-Störungen durch die zunehmende Schichtarbeit und den zunehmenden Stress am Arbeitsplatz gefördert werden. Zwischen Stress, gestörtem Schlaf und Depression besteht ein Teufelskreis. Ein weiterer Grund für einen nicht erholsamen Schlaf ist das zunehmende Übergewicht in Bevölkerung. Es macht empfänglich für Atemstörungen im Schlaf und für die so genannte Schlafapnoe. Weil die Betroffenen ohne es zu merken häufig aufwachen, sind sie am Tag schläfrig, haben hohen Blutdruck oder andere Herzkreislaufkrankheiten. Schlafstörungen führen wiederum zu mehr Übergewicht, weil der Stoffwechsel beim gestörten Schlaf wie bei der Zuckerkrankheit reagiert.

Welche Schlafstörungen nehmen zu?

Vor allem der verkürzte Schlaf wegen des zunehmenden Stresses und der verlängerte Schlaf mit Tagesschläfrigkeit wegen der zunehmenden Atemstörungen während des Schlafs.

Wie hat sich die Schlafmedizin in den letzten Jahren verändert?

Enorm. Die Schlafapnoe ist die erste moderne Schlafkrankheit. Man hat sie in den 60er Jahren entdeckt und in den 80er Jahren dann gemerkt, dass man sie mit der Schlafmasken-Therapie behandeln kann. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als man solche Patienten mit einem Luftröhrenschnitt behandelt hat. Als Assistent bin ich im Schlaflabor häufig die ganze Nacht neben Patienten gesessen und habe die Atempausen pro Stunde gezählt. Damals tauchte jeweils die Frage auf, wer zuerst einschlafen würde: Der Patient oder der Arzt.

Wollten Sie schon immer Schlafmediziner werden?

Nein. Ich war Unterassistent an einer internistischen Klinik als ich begann, mich für Hirnforschung und Physiologie zu interessieren. Ich hatte immer Freude an objektiven Messungen. Deshalb habe ich zunächst Grundlagenforschung betrieben. Als ich später begann, Hirnstromkurven zu messen, waren Schlafableitungen mit Einbezug der Atmung, des Herzes, der Muskeln und so weiter immer eine besondere Herausforderung. Ich durfte dann an der Neurologie des Inselspitals mithelfen, ein Schlaflabor – zuerst war es nur ein Zimmer – aufzubauen. Die Schlafmedizin hat damals grossen Aufschwung erhalten und die Ärzte haben sich wieder verstärkt für Patienten mit Insomnie, Narkolepsie, Schlafwandeln oder Restless Legs interessiert.

Würden Sie wieder Schlafmediziner werden?

Ja, sehr gerne wieder. Ich würde wohl sogar früher einsteigen. Ich finde Schlaf ein sehr spannendes Thema. Ja, es lässt sich kaum abstreiten, dass es auch ein wenig voyeuristisch ist, die Schlafenden beim Schnarchen oder beim Schlafwandeln zu beobachten und sich zu fragen, weshalb man überhaupt schläft.

Warum schläft man eigentlich?

Das ist nicht so einfach zu erklären. Wir wissen heute, dass Schlaf durch einen aktiven Mechanismus des Gehirns ausgelöst wird. Gleichzeitig benötigt das Gehirn den Schlaf auch zwingend zur Erholung – ganz im Gegensatz zum restlichen Körper. Dieser kann sich auch im ruhigen Wachzustand erholen. Der Schlaf ist wichtig für die Konsolidierung der Gedächtnisinhalte, insbesondere zur Trennung zwischen wichtigen und unwichtigen Erinnerungen. Während des Schlafs findet auch eine Art «Reinigung» des Gehirns statt.

Wie diagnostizieren Sie Schlafstörungen? Im Schlaflabor?

Nicht unbedingt. Da muss ich die Patienten manchmal enttäuschen. Das ärztliche Gespräch ist der wichtigste Schritt. Manchmal sind anschliessend auch Blutuntersuchungen oder Untersuchungen im Schlaflabor nötig. Vor allem, wenn schlafbezogene Atemstörungen in Frage kommen oder wenn im Schlaf unklare komplexe Verhaltensweisen beobachtet wurden. Bei den vielen Patienten, die nicht ein- oder durchschlafen können, nützt es aber nichts, wenn man im Schlaflabor feststellt, dass sie nicht oder nur kurz geschlafen haben. Wenn die Messungen nur oberflächlich interpretiert werden, entsprechen diese manchmal auch gar nicht der Wahrnehmung des Patienten. Mein Motto lautet: «Der Patient hat eigentlich immer Recht, der Arzt muss aber verstehen, weshalb.» Es ist für mich sehr wichtig, dem Patienten zu glauben und die Messungen entsprechend kritisch zu interpretieren.

Behandeln Sie Schlafstörungen vor allem mit Medikamenten oder vor allem mit Verhaltensänderungen?

Eine sehr wichtige Form der Behandlung ist die Instruktion der Patienten: Wie sollen sie sich vor und beim Ins-Bett-Gehen verhalten, beim Aufwachen in der Nacht, beim Aufstehen? Als neurologischer Schlafmediziner behandle ich aber viele Krankheiten, bei welchen Medikamente nötig sind. Etwa bei Narkolepsie muss man tagsüber Stimulanzien geben, damit diese Patienten nicht immer wieder einschlafen. Das ist neben Power-Naps das Einzige, was diese Patienten wachhält. Auch bei Patienten mit Restless-Legs-Syndrom kommt man oft nicht um eine medikamentöse Behandlung herum.

Sie haben 200 Beiträge veröffentlicht und 250 Vorträge gehalten über Narkolepsie, das Restless-Leg-Syndrom und über den Sekundenschlaf am Steuer. Forschen Sie oder behandeln Sie lieber Patienten?

Mittlerweile ist es eindeutig die direkte Arbeit mit den Patienten, früher das Forschen. Die Aufklärung der Bevölkerung im Rahmen von Vorträgen über die weniger gut bekannten Schlaf-Wach-Krankheiten ist mir aber auch ein grosses Anliegen. Hier arbeite ich eng mit der Schweizerischen Restless-Legs-Selbsthilfegruppe und mit der Schweizerischen Narkolepsie-Gesellschaft zusammen.
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