Im Kanton Bern fehlen bald 240 Hausärzte - mindestens

Die Haus- und Kinderärzte des Kantons legen Vorschläge zur Abhilfe vor. Unter anderem: mehr Möglichkeiten für Praxisassistenzen, mehr Kompetenzen für Pflegefachleute.

, 10. Juni 2016, 08:29
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Jetzt schlagen auch die Mediziner im Kanton Bern Alarm: Über 60 Prozent der Hausärztinnen und Hausärzte stellen dort in den nächsten zehn Jahren ihre Praxistätigkeit altershalber ein. Dies meldet der Verein Berner Haus- und KinderärztInnen VBHK – und er sichtet dringenden Handlungsbedarf.
Alleine um den Status Quo im Kanton Bern halten zu können, müssten in den nächsten vier Jahren 240 zusätzliche Allgemeinmediziner ausgebildet werden. Und wollte man künftig die OECD-Empfehlung von einem Hausarzt pro 1000 Einwohner erreichen, müssten gar 425 zusätzliche Hausärztinnen und Hausärzte ausgebildet werden.

Man bleibt übers Pensionsalter dran

Basis dieser Aussagen ist die «Work Force Studie 2015», die das Uni-Zentrum für Hausarztmedizin beider Basel im April veröffentlicht hatte. Danach werden 2020 werden schweizweit über 2'000 neue Vollzeit- Hausärzte benötigt, um den anstehenden Abgang heutiger Hausärzte zu kompensieren. Bis 2025 sind es sogar über 4'000.
Der VBHK liess von den Studienautoren nun die spezifischen Daten für den Kanton Bern auswerten. Danach werden rund 15 Prozent der hausärztlichen Leistungen durch Mediziner sichergestellt, die über 65 Jahre alt sind.
Und so plant knapp die Hälfte der befragten Berner Hausärztinnen und Hausärzte, über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten – vor allem, weil sie befürchten, für ihre Patienten keine Nachfolgelösung zu finden. Drei Viertel machen sich denn auch Sorgen um die eigene Praxisnachfolge.

Betroffen: Seeland, Jura, Emmental

Die Studienresultate für den Kanton Bern ähneln jenen für die gesamte Schweiz. So ist auch im Kanton Bern die Arbeitszufriedenheit der Hausärztinnen und Hausärzte in den letzten zehn Jahren gestiegen. Doch über 80 Prozent melden, dass in ihrer Region ein Hausarztmangel herrscht; betroffen sind vor allem das Berner Seeland, das Berner Jura und die Region Emmental-Oberaargau.
Die Befragung der jungen Hausärztinnen und Hausärzte bestätigt den Trend weg von der Einzelpraxis: 86 Prozent möchten künftig in einer Gruppenpraxis tätig sein. Das optimale Arbeitspensum pendelte sich in der Befragung der jungen Hausärzte bei 70 Prozent ein.

1 Arzt heute – 1,8 Ärzte morgen

Das hiesse aber auch: Um die Arbeitsleistung eines heute praktizierenden Hausarztes zu ersetzen, werden künftig rund 1,8 Hausärztinnen und Hausärzte nötig sein.
Der 2011 vom Regierungsrat vorgelegte Bericht zur Hausarztmedizin im Kanton Bern zeigte Handlungsfelder für die Bekämpfung des Hausarztmangels auf – passiert sei seither aber zu wenig, urteilt der VBHK.
«Wir sehen in drei Bereichen dringenden Handlungsbedarf», folgert Monika Reber Feissli, Hausärztin und Präsidentin des VBHK: «Erstens müssen wir im Kanton Bern die Studienplätze in der Medizin erhöhen. Als grosser Universitätskanton trägt Bern hier eine besondere Verantwortung. Zweitens braucht es einen weiteren Ausbau der hausarztspezifischen Aus- und Weiterbildung mit einem engen Bezug zur hausärztlichen Praxistätigkeit. Nur so können wir künftig 50 Prozent der Studierenden für die Hausarztmedizin begeistern; aktuell sind es nur rund 20 Prozent.»

Nicht nur ins Spital

Und drittens müsse das Berufsbild attraktiver werden. Konkret sollen gemäss Reber die finanzielle Abgeltung der Grundversorger verbessert und attraktive Praxis- und Arbeitsmodelle gefördert werden.
Ein weiterer Vorschlag des VBHK: Es braucht mehr Möglichkeiten für Praxisassistenzen, damit die jungen Ärztinnen und Ärzte ihre Assistenzzeit nicht nur im Spital sondern auch in der Hausarztpraxis absolvieren können. Und ergänzend dazu wünscht der Verein auch vermehrte interprofessionelle Zusammenarbeit – etwa indem medizinische Praxisassistentinnen oder Pflegefachpersonen mehr Kompetenzen erhalten.
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