«Ich bin gerne Chefin»

Eliane Angst, die neue Chefärztin Chirurgie am Kantonsspital Glarus, über ihren Karrieresprung, die Männerdomäne Chirurgie und worauf sie beim Ärztenachwuchs besonders achtet.

, 7. Februar 2017, 06:45
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Frau Angst, als Chefärztin Chirurgie am Kantonsspital Glarus stehen Sie 120 Mitarbeitenden vor. Sind Sie mehr Chirurgin oder mehr Managerin?
In der ersten Zeit bin ich natürlich vor allem Managerin. Nach der Einarbeitung rechne ich damit, dass das Management 30 Prozent der Arbeitszeit beansprucht und die Klinik 70 Prozent. Dazu gehören auch die Ausbildung des Nachwuchses und die Sprechstunden.
Welche Patienten haben das Privileg, von Ihnen persönlich behandelt zu werden? Privatversicherte?
Nicht nur. Ich behandle Patienten unabhängig von ihrem Versicherungsstatus. Voraussetzung ist, dass sie in mein Fachgebiet fallen. Ich würde auch Privatpatienten zu einem Leitenden Arzt schicken, wenn er sich vom Fachgebiet her besser eignet. Ich verfolge keine Einzelinteressen, sondern bin für die Chirurgische Klinik als Ganzes verantwortlich. 
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    Eliane Angst

    Eliane Angst (43) führt seit dem 1. Februar 2017 als Chefärztin die Chirurgische Klinik des Kantonsspitals Glarus (KSGL). Als Mitglied der Geschäftsleitung steht sie dem Departement Chirurgie, Gynäkologie und Geburtshilfe vor. Vorher war sie Leitende Ärztin am Kantonsspital Schaffhausen, wo sie das Adipositaszentrum aufbaute. Den Facharzttitel für Chirurgie und den Schwerpunkttitel Vizseralchirurgie erlangte sie am Inselspital. Eliane Angst wohnt mit ihrem Ehemann in Glarus, in Gehdistanz zum Kantonsspital.

Mit dem Wechsel vom Kantonsspital Schaffhausen nach Glarus machen Sie einen Karrieresprung. Wie wichtig ist Ihnen der berufliche Aufstieg?
Er ist ein Bestandteil der Chirurgentätigkeit. Jeder Chirurg erreicht einmal in seiner beruflichen Laufbahn einen Punkt, in dem er sich entweder voll engagieren oder sein Spektrum einschränken muss. Für mich kam immer nur das volle Engagement in Frage. Es ist der einzige Weg, eine gute Chirurgin mit einem breiten Spektrum zu werden.
Wie ist aus Ihnen auch noch eine Managerin geworden?
Schon als Leitende Ärztin übernahm ich mehr und mehr Führungs- und Projektaufgaben und merkte dann, dass sie mir sehr viel Spass bereiteten. Das gleiche gilt für betriebswirtschaftliche Aufgaben. Ich bin gerne Chefin. 
Sind Sie jetzt als Chefin in Glarus schon angekommen?
Ich werde bereits als Chefin wahrgenommen, das merke ich am Respekt, den mir die Mitarbeitenden entgegenbringen. Aber bis ich mich richtig wohlfühle und alles im Griff habe, rechne ich mit drei bis sechs Monaten Einarbeitungszeit. 

«Chirurgie ist eine faszinierende Kombination zwischen intellektueller Arbeit und manuellem Geschick.»

Sie haben bereits einen gewichtigen Abgang zu verkraften. Der Leitende Arzt Lukas Krähenbühl wechselt als Chefarzt zum Spital Einsiedeln.
Es war ein persönlicher Entscheid von ihm, er will sich auch als Chefarzt entwickeln. Ich verstehe das und gönne ihm den Karriereschritt. Gleichzeitig bedaure ich seinen Weggang, denn er hat hier die Viszeralchirurgie aufgebaut.
Es ist eine grosse Ausnahme, dass eine Frau bei der Besetzung eines Chirurgie-Chefpostens obenaufschwingt.
Ich glaube nicht, dass das Geschlecht ein Kriterium war. Natürlich erhalte ich viel Feedback von Frauen, die sich über meine Wahl freuen. Aber eine solche Wahl ist keine Geschlechterwahl, es geht um fachliche, soziale und methodische Kompetenz. Egal ob Mann oder Frau - ich hatte offenbar einfach die Fähigkeiten, die es für diese Stelle braucht.
Warum wird die Chirurgie von Männern regiert?
Das ist nicht allgemein so. Bei den Assistenzärzten hat es an den meisten Kliniken mehr Frauen als Männer. Auf Stufe Oberarzt ist es ziemlich durchmischt. Erst nachher dünnt der Frauananteil aus.
Was ist der Grund, dass die Frauen auf der Strecke bleiben?
Es gibt verschiedene Gründe. Sicherlich verfolgen Männer ihre Ambitionen konsequenter und haben ein ausgeprägteres Machtstreben als Frauen. Die Eigenschaften, die es braucht, um in der Chirurgie eine Führungsposition zu übernehmen, sind eher männlich: Dazu gehören der Mut, Entscheide zu fällen, Ziele vorzugeben und für sie zu kämpfen. Es gibt aber durchaus auch Frauen mit diesen Eigenschaften. 
Machen Sie gewisse Dinge bewusst anders als Ihre männlichen Kollegen?
Nein, das ist keine Frage des Geschlechts. Es gibt Männer und Frauen, von denen ich finde, dass sie es gut machen. An ihnen möchte ich mich orientieren. 

«Die Eigenschaften, die es braucht, um in der Chirurgie eine Führungsposition zu übernehmen, sind eher männlich.»

Warum sind Sie Chirurgin geworden?
Es ist schlicht und einfach der beste Beruf, den es für mich gibt. Es ist eine faszinierende Kombination zwischen intellektueller Arbeit und manuellem Geschick. Ich studierte Medizin, weil ich Chirurgin werden wollte. 
Welches sind Ihre grössten Belastungen im Arbeitsalltag?
Bestimmt nicht die langen Arbeitszeiten, daran habe ich mich längst gewöhnt. Belastend sind vielmehr Mitarbeitende, denen es nicht gut geht oder die Mühe haben mit Veränderungen. Oder Patienten mit einer schweren Erkrankung, denen die heutige Medizin keine gute Lösung anbieten kann. Diese im Prozess des Krankseins und nicht der Genesung zu unterstützen, ist sehr anspruchsvoll.
Die Förderung des Ärztenachwuchses liegt Ihnen am Herzen: Woran erkennen Sie, ob ein Assistenzarzt ein guter Chirurg wird?
Er muss zuhören können. Er muss die Anamnese machen und die Diagnose stellen und daraus die richtigen Schlüsse für die Behandlung ziehen. Hinzu kommt das manuelle Geschick. Nach zwei, drei Operationen sehe ich, ob jemand die Instrumente richtig hält oder nicht. Manche brauchen auch etwas länger, aber spätestens nach einem Jahr gibt es Klarheit über die Eignung.
Welches Ziel haben Sie sich für Ihre neue Aufgabe gesetzt?
Dass die Mitarbeitenden so zufrieden sind, dass das Kantonsspital Glarus als guter Arbeitgeber gilt. Wir gehören zu den grössten Arbeitgebern der Region und sind auf eine starke Stellung in der Bevölkerung angewiesen. Das gelingt nur, wenn die Mitarbeitenden einbezogen, gehört und gefördert werden. 
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