Grippeimpfung für das Gesundheitspersonal: Womöglich ist was faul in der Debatte

Sind die bisherigen Studien über den Nutzen der Grippeimpfung in Spitälern und Heimen denn präzise? Daran gibt es jetzt wissenschaftlichen Zweifel. Der Ruf nach Obligatorien lässt sich so wohl schwerer rechtfertigen.

, 2. Februar 2017, 15:26
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Es ist offensichtlich: Die Forderung, dass sich das Gesundheitspersonal gegen die Grippe impfen soll, erklingt jedes Jahr lauter. Vermehrt starten die Spitäler und Heime interne Kampagnen gegen die bekannte Impfmüdigkeit; letztes Jahr forderte der Präsident der Eidgenössischen Impfkommission, Christoph Berger, erstmals offen eine Impfpflicht; und in diesem Jahr führten einzelne Spitäler zur ärgsten Grippezeit Maskenpflichten ein, so das USB und die HUG.
Warum eigentlich? Die Frage erstaunt vielleicht. Denn eigentlich leuchtet es ja ein, dass die Patienten nicht zusätzlich durch Spitalinfektionen belastet werden sollten. Seit einigen Jahren geistert es denn auch regelmässig durch die Medien, dass jährlich 300 Menschen sterben, weil sie im Spital oder im Pflegeheim solch ein Virus aufgelesen haben.
Die Zahl stammt ursprünglich von Andreas Widmer, dem Leiter der USB-Spitalhygiene, der einmal errechnet hatte, dass «etwa 100 bis 300 Patienten» in der Folge solcher Infektionen sterben (siehe etwa hier). Seither gehen die Medien in der Berichterstattung mit Vorliebe auf die Höchst-Zahl.
Eine Gruppe von Epidemiologen aus Frankreich, Kanada und Australien ging nun den Zusammenhängen erneut nach – und durchforstete nochmals vier frühere Arbeiten, welche die Mortalitätsraten beziehungsweise Grippefälle in Pflegeheimen ins Licht der Personal-Durchimpfung stellten. Und die jeweils klare Zusammenhänge aufgezeigt hatten.
Aber die Überprüfung brachte jetzt sehr kritische Resultate ans Licht: In keinem Fall konnten die in den Studien behaupteten Befürchtungen beziehungsweise Ansteckungs-Raten nachvollzogen werden.

Mehr Tote vermeiden, als es gibt

Als krasses Beispiel erschien dabei eine britische Studie, laut der auf acht Grippe-Impfungen – beziehungsweise acht geimpfte Medizinpersonen – ein Todesfall eines Patienten vermieden werden könnte. Die Forscher um Gaston De Serres vom Institut national de santé publique du Québec rechneten nun hoch, dass nach dieser Logik alleine in den amerikanischen Pflegeheimen (Long Term Care Facilities, LTCF) über 212'000 Todesfälle abgewendet werden könnten. Das wäre ein Vielfaches der US-Grippetoten überhaupt.
Die internationale Ärztegruppe kommt nun auch zum ungleich bescheideneren Befund, dass mindestens 6'000 und bis zu 32'000 Spitalangestellte eine Grippeimpfung empfangen müssten, um potentiell den Tod eines Patienten zu vermeiden.

Macht des Bauchgefühls

Damit könnte die ganze Debatte in ein anderes Licht geraten. Die Ergebnisse sprechen zwar nicht dagegen, dass sich das Gesundheitspersonal impfen lässt. Aber mindestens Obligatorien liessen sich nun schwerer begründen.
«Es ist eines, wenn man sagt: ‚Okay, auf freiwilliger Basis solltest du dich impfen, trotz aller Schwächen. Aber es ist etwas anderes, wenn man sagt: 'Wenn du dich nicht impfen lässt, wirst du gefeuert'»: So deutete Gaston De Serres seine Resultate im Fachorgan «Stat»
Er selber lasse sich ja auch impfen, sagte der kanadische Infektiologe weiter: Denn er habe weiterhin «den Eindruck, dass das funktionieren könnte.»

«No effect was shown…»

Oder anders gesagt: Das Bauchgefühl ist da, aber wissenschaftlich nur schlecht untermauert. Dies zumal zwei Cochrane-Überblicksarbeiten in den letzten Jahren zu ähnlichen Resultaten gekommen waren: «No effect was shown for specific outcomes: laboratory-proven influenza, pneumonia and death from pneumonia», ergab 2010 eine Untersuchung über die Impf-Wirkung von Pflegepersonal, das mit älteren Patienten zu tun hatte. 
Und eine Überprüfung nach ähnlichem Ansatz ergab letztes Jahr: «Offering influenza vaccination to healthcare workers who care for those aged 60 or over in LTCIs may have little or no effect on laboratory-proven influenza».
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