Ganz nah dran beim Sterben in der Schweiz

Der Film gibt in Grossbritannien zu reden, bevor er überhaupt gezeigt wurde: Nächste Woche strahlt BBC einen Dokumentarfilm aus, der den Geschäftsmann Simon Binner nach Basel begleitet – und dort quasi buchstäblich in den Tod.

, 3. Februar 2016, 09:40
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Die Filmemacher mussten sich bereits gegen den Vorwurf wehren, ein «Pro Euthanasia»-Werk gestaltet zu haben, und Gegner des assistierten Suizids beschimpften die alte Dame BBC als «Cheerleader of suicide».
«Wir sind zutiefst verstört», sagte ein Sprecher von «Care Not Killing», einer Vereinigung für Palliative Care und gegen jegliche Form der Euthanasie. Und weiter: «Dies hat das Potential, andere dazu zu ermutigen, sich das Leben zu nehmen.»
Simon Binner hatte im Januar 2015 erfahren, dass er an Amyotropher Lateralsklerose leidet, einer degenerativen Nervenkrankheit, die meist zu massiven Lähmungen, Demenz und frühem Tod führt. Bald nach der Diagnose beschloss er, freiwillig aus dem Leben zu scheiden – und kündigte dies auch über die Online-CV-Plattform Linkedin an.
Nachdem alles arrangiert war, schloss er – bereits zu Lebzeiten – seinen Online-Lebenslauf ab und schrieb in sein Profil: «I died in Switzerland with Eternal Spirit on Mon 19 Oct 2015 and my funeral was on Fri 13 Nov 2015.»
So kam es dann. Binner wählte den Sterbehilfeverein «Lifecircle» der Baselbieter FMH-Ärztin Erika Preisig (die quasi auf dem britischen Markt gegenüber Dignitas zunehmend an Bekanntheit gewonnen hat). Auf seiner Reise ins «Eternal Spirit»-Haus in Basel wurde der IT-Marketing-Spezialist dann von einem BBC-Team begleitet.
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Aus dem Linkedin-Profil von Simon Binner
Im 90minütigen Beitrag wird das Sterbehaus in der Basler Hegenheimerstrasse regelmässig als «clinic» bezeichnet – wie überhaupt in der britischen Öffentlichkeit und in der Mediendebatte um den Film. Und so zeigt der Fall auch, dass der Begriff «Swiss Clinic» im angelsächsischen Raum stark auch mit der Sterbehilfe verbunden wird.
In jener «clinic» beobachtet die BBC-Kamera nun, wie sich Simon Binner auf einem Bett bereit macht und dann ein Ventil öffnet, um ein starkes Sedativum ins Blut fliessen zu lassen. Der Moment des Todes wird nicht gezeigt, allerdings dann wieder der tote Körper und später der Sarg.
Simon Binner wollte seinen Tod nutzen, um eine Anpassung der strengen britischen Suizidhilfe-Gesetze zu fördern. Allerdings lehnte das Parlament in Westminster vergangenen September, also kurz vor seinem Tod, eine Legalisierung des assistierten Suizids ab.

  • «How to Die: Simon’s Choice». Erstausstrahlung BBC2, 10. Februar 2016, 21 Uhr GMT (22 Uhr MEZ).

Tod im Camper: «Eternal Spirit» muss auf die Strasse


Bis im Mai sei sie komplett ausgebucht: Dies sagte Erika Preisig, die Präsidentin der Freitodorganisation Eternal Spirit, soeben der «Basler Zeitung» (Print). Das besondere Problem dabei: das Basler Bauinspektorat will ihre Organisation aus Wohnquartieren verbannen. Erklärt wird dies mit «negativen idellen Immissionen» der Sterbebegleitungen. 
Deshalb muss Preisig den Betrieb in der Hegenheimerstrasse – nahe dem Felix-Platter-Spital – bis Ende Februar einstellen.
Klar, dass es absurd klingt
«Als Notlösung müssen wir auf die Strasse ausweichen. Wir haben einen Camper gekauft, in welchem wir die Sterbebegleitungen vorübergehend durchführen werden», erklärte die Ärztin nun der «Basler Zeitung». Das Wohnmobil solle seinen Standort immer wieder wechseln.
Es sei ihr bewusst, so Preisig, dass die Notlösung mit dem Wohnmobil absurd klinge: «Aber es bleibt uns kaum eine andere Möglichkeit.» Die Termine liessen sich nicht verschieben, «unsere Kunden liegen im Sterben oder haben unerträgliche Leiden.»
Der einzige Ausweg wäre gewesen, frühzeitig keine Freitodbegleitungen mehr anzunehmen, so Preisig. Die Nachfrage sei jedoch so gross, dass sich die Organisation dagegen entschieden habe
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