Drei Fragen an… den Insel-Chef Uwe E. Jocham

«Ich liebe diese Institution», beteuert Uwe E. Jocham, Direktionspräsident der Insel-Gruppe. Doch manchmal sei es schwierig, ein guter Spitaldirektor zu sein.

, 1. Juni 2022, 12:00
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Ein Stellenwechsel? Diese Frage stelle sich nicht, sagt Insel-Direktionspräsident Uwe E. Jocham im Interview. Er erklärt, warum er die Insel so liebt und was für Momente ihn belasten. Dass Jochams Antworten derzeit auch politische Brisanz haben, ist Zufall – aber nicht ganz uninteressant. Den Hintergrund lesen Sie weiter unten.
Herr Jocham, warum haben Sie von Ihrem Chefposten im Pharmaunternehmen CSL Behring ans Berner Inselspital gewechselt?
Als ich kurz nach der Bekanntgabe meines Weggangs von CSL Behring gefragt wurde, ob ich das Verwaltungsratspräsidium der Insel-Gruppe übernehmen wolle, musste ich nicht lange überlegen. Es war mein persönlicher Entscheid gewesen, CSL Behring zu verlassen. Es gab dort Entwicklungen, die sich auf die Unternehmenskultur ausgewirkt haben. Unterschiedliche Ansichten zur Führungskultur haben bei mir zu einem Prozess der Ablösung geführt, der sich über längere Zeit hingezogen und schliesslich zur Trennung geführt hat.
Die Insel lag mir schon seit langem am Herzen. Sie ist so wichtig für die Wirtschaft und die Bevölkerung des Kantons. Die Komplexität, die spannenden Herausforderungen, das Thema Lehre und Forschung im Gesundheitswesen - für mich ist das eine der schönsten Aufgaben. Dazu kommt, dass «die Insel» zuvorderst mit dabei ist in der Weiterentwicklung der Medizin. Dass ich hier meine Erfahrungen einbringen darf, ist für mich ein grosses Glück.
Gibt es Momente, in denen es für Sie schwierig ist, ein guter Spitaldirektor zu sein?
Ich liebe diese Institution, die 1354 von einer Frau gegründet wurde! Ich gebe jeden Tag mein Bestes. Aber natürlich: Es gelingt nicht immer, dass alles perfekt klappt. Schwierig ist es, ein «guter Spitaldirektor» zu sein, wenn das politische Umfeld derartigen Kostendruck auf die Spitäler ausübt. Denn in dieser Institution wird Grossartiges geleistet. Es belastet mich, dass wir durch die ständig sinkenden Tarife für unsere Leistungen nicht fair und korrekt entschädigt werden. Schwierig ist es auch, wenn Kritik oder Anliegen nicht direkt an mich getragen werden, sondern in Form von Gerüchten oder unsachlichen Vorwürfen gegenüber Mitarbeitenden gestreut werden. Das macht es dann schwierig. Aber das geht sicher nicht nur mir so.
Falls Sie die Stelle wechseln müssten: Lieber wieder in ein Spital oder lieber ein privates Unternehmen?
Diese Frage stellt sich nicht. Die Komplexität und die Aufgabe eines Spitals gefallen mir. Und es ist toll, welches Engagement die Mitarbeitenden haben. Wir sind hervorragend unterwegs, um unsere Vision zu erfüllen, eine der weltweit führenden Spitalgruppen für universitäre und integrierte Medizin zu werden. Aber noch einmal: Ich finde, die Spitalfinanzierung müsste die Spitäler fair entschädigen - so dass die vielen Verbesserungen, die wir derzeit erarbeiten, auch ökonomisch Wirkung zeigen können.

Drei harmlose Fragen – und ein brisanter politischer Hintergrund

Der Berner Oberländer SVP-Grossrat Thomas Knutti ortet «grosse Verunsicherung beim Personal des Inselspitals Bern». Er hat deshalb vor zwei Wochen eine Forderung an die Berner Regierung eingereicht.
Und zwar soll diese prüfen, ob die Führung des Inselspitals aktuell in den richtigen Händen liege und ob die Gefahr eines «personellen und ideellen Groundings» des Spitals noch rechtzeitig abgewendet werden könne.
Medinside hat die drei oben stehenden Interview-Fragen an den Insel-Chef Uwe E. Jocham früher formuliert, ohne Kenntnis dieses Vorstosses. Als der Direktionspräsident die drei – aus ursprünglicher Sicht völlig harmlosen – Fragen erhielt, wurde er jedoch sofort aufmerksam. «Warum stellen Sie ausgerechnet jetzt genau solche Fragen?», wollte er wissen.
Die Antwort lautet: Es war reiner Zufall, aber Medinside hat ohne Absicht jene Fragen aufgeworfen, welche auch die Politik derzeit beschäftigen.
Konkret wirft Thomas Knutti der Inselleitung eine «dramatische Verschlechterung der Betriebskultur» vor:
  • Führungskräfte hätten «komplett resigniert».
  • Klinikdirektoren, Kaderärzte und Mitarbeitende hätten ihre Stelle gekündigt, andere langjährige Mitarbeitende seien entlassen oder zur Kündigung gedrängt worden.
  • Bei der ärztlichen Direktion herrsche eine regelrechte Mobbingkultur, und wer der Geschäftsleitung in ihren Entscheidungen nicht uneingeschränkt zustimme, werde entlassen oder mit Verwarnungen oder anderen Mitteln zur Kündigung gedrängt.
Der SVP-Politiker macht dafür vor allem den CEO des Inselspitals verantwortlich, also Uwe E. Jocham.

  • Er habe ein Industrieunternehmen geführt und keine Erfahrung, wie ein komplexes Unternehmen wie ein Universitätsspital zu führen sei.
  • Ihm würden Fach- und Sachkenntnisse völlig fehlen.
  • Er habe einen völlig veralteten patronhaften Führungsstil. Genau deshalb sei «besagter CEO» aus seiner letzten Führungsposition in der Industrie entlassen worden.
  • Auch der ihm beigestellte Medizinische Direktor sei ein Psychiater ohne Managementerfahrung, der «ein Miniteam» in einem psychiatrischen Privatspital geführt habe.

Zu den beiden letzten Vorwürfen hält Medinside Folgendes fest:

Im Interview mit Medinside sagt Uwe E. Jocham: «Es war mein persönlicher Entscheid gewesen, CSL Behring zu verlassen.»
Der genannte Medizinische Direktor – es handelt sich dabei um Urs P. Mosimann – ist Professor und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er war Direktor der Berner Privatklinik Wyss mit 200 Angestellten. Bis 2015 war Mosimann ausserdem ärztlicher Direktor und Direktor der Alterspsychiatrie der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern.

Drei Fragen an…

Medinside fragt nach bei Menschen aus dem Gesundheitswesen: Was ist faszinierend an Ihrem Beruf ? Was sind die Schattenseiten? Und wenn Sie nochmals entscheiden können: Würden Sie bleiben oder dem Gesundheitswesen den Rücken kehren?
Die «Drei Fragen an…» erscheinen in loser Folge. Als nächstes lesen Sie über die derzeit schnellste Ärztin auf zwei Rädern, die Velorennfahrerin Marlen Reusser: Sie gibt unter anderem Antwort auf die Frage: «Warum haben Sie vom Arztberuf aufs Velo umgesattelt?» Und sie schildert Momente, in denen sie froh ist, dass sie derzeit nicht Ärztin ist.
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