«Die Zahl dient nur politischen Zwecken»

Gesundheitsexperten streiten sich um die angeblichen 20 Prozent Ineffizienzen im Gesundheitssystem. Kritik einstecken muss Tilman Slembeck, Mitglied der Expertengruppe des Bundesrates.

, 27. August 2019 um 07:48
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In der Diskussion um die stetig steigenden Gesundheitskosten wird immer wieder die Zahl 20 genannt. Es wird behauptet, mit 20 Prozent weniger könnte die medizinische Qualität aufrecht erhalten werden.
Tilman Slembeck, Ökonomie-Professor an der ZHAW und Mitglied der Expertengruppe «Kostendämpfung» des Bundesrates, erwähnte vor kurzem in der Sendung Ecotalk auf SRF mehrfach diese 20 Prozent Luft.

«Wo genau ist diese Luft?»

Gesundheitsexperte Felix Schneuwly schrieb auf Twitter, er hoffe, dass Slembeck konkrete Vorschläge mache, wie man mit wirksamen Anreizen anstatt mit planwirtschaftlichen, rationierenden Budgetrestriktionen die 20 Prozent Luft raus bringe. «Wird er auch das Geheimnis lüften, wo genau diese Luft ist ...😉», fragte Schneuwly.

Neue Schätzungen unterwegs

Slembeck selbst verweist dabei auf eine Studie von Luca Crivelli und dem Forschungs- und Beratungsbüro Infras im Auftrag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Dort werden die Ineffizienzen auf bis zu 20 Prozent geschätzt. Und neue Schätzungen seien seines Wissens unterwegs. 

Ökonom vom CSS-Institut schaltet sich ein

Auch Christian Schmid, Ökonom vom CSS-Institut, hat sich inzwischen in die Diskussion auf Twitter eingeschaltet. Erstens ist «bis zu 20 Prozent» nicht gleich 20 Prozent, wie er schreibt. Und zweitens möchte Schmid, dass Slembeck die Stelle in der Infras-Studie nennt, auf die er sich bezieht.
Doch bis gestern, über eine Woche später, hat der Volkswirtschafts-Professor der ZHAW diese Frage auf Twitter nicht beantwortet. Das liege vermutlich daran, dass es für die angeblichen 20 Prozent Luft keine glaubwürdige Quelle gebe, so Ökonom Schmid. Und: «Die Zahl dient nur politischen Zwecken, man sollte sie mit sehr viel Vorsicht geniessen».

Genaue Zahlen lassen sich besser verkaufen

Schmid bestreitet nicht, dass es Luft im Gesundheitswesen gebe, ein beträchtlicher Teil seiner Forschung handle davon. Der promovierte Ökonom vom CSS-Institut kritisiert aber die fehlende Belege dafür. Er sei der Meinung, dass man als Experte etwas sorgfältiger mit Zahlen operieren sollte.
Christian Schmid würde auch niemals sagen, dass die Ineffizienz X Prozent betrage. Der Grund: Es sei schlichtweg unmöglich, das exakt zu quantifizieren. Ihm sei bewusst, twittert er weiter, dass sich vermeintlich genaue Zahlen in den Medien besser verkaufen. Aber als Wissenschaftler könne er das halt nicht liefern.

Das ist Politik und keine Wissenschaft

Eigentlich sei zudem bekannt, wo grosse Fehlanreize beständen, und wie man diese beheben könnte, so Schmid weiter. Das wolle nur niemand. «Also fabuliert man lieber etwas von 20 Prozent und behauptet, ein Kostenziel sei die Lösung - das ist Politik und hat mit Wissenschaft nichts mehr gemein.»
Interessant erscheint in diesem Zusammenhang, dass sich gerade auch die CSS-Chefin Philomena Colatrella immer wieder öffentlich für Kostenziele stark macht. Das CSS-Institut hält aber auf der Webseite fest, dass sich «die vom  CSS Institut geäusserten Meinungen sich nicht zwingend mit den Positionen der CSS Gruppe decken.»

«Bundesbern setzt immer mehr auf Kontrollbürokratie»

Es scheint, dass der Graben zwischen Ökonomie und Politik immer grösser wird. Auf Twitter diskutieren denn auch prominente und weniger prominente Nutzer intensiv, welche Massnahmen zu weniger wachsenden Gesundheitskosten führen. 
Für Schneuwly spielen hier die Anreize eine grosse Rolle: Wer Menge statt Therapierfolg vergüte, könne den Schaden selbst mit noch so viel Kontrollbürokratie nicht mehr verhindern, twittert er. «Bundesbern setzt immer mehr auf Kontrollbürokratie. Da lassen sich wider besseres empirisches Wissen sogar Ökonomen einspannen.😉»

Tilman Slembeck: «Dream on!»

Damit meint Schneuwly Tilman Slembeck. Dieser antwortete, dass er wo immer möglich für marktliche Lösungen sei. Gerade die von Gesundheitsexperte Schneuwly «laufend propagierte Durchsetzung von WZW (wirksam, zweckmässig, wirtschaftlich) braucht jede Menge Kontrollbürokratie!». 
Falsch konterte Schneuwly: WZW könne man tarifpartnerschaftlich umsetzen. Welche «marktlichen Lösungen» denn Slembeck vorschlage? Doch hier twitterte Slembeck dann nur noch ein «Dream on!»  
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