Die Patienten sind im Internet – und wo sind unsere Spitäler?

Kliniken haben in Gesundheitsfragen eine hohe Autorität. Damit könnten sie zur ersten Anlaufstelle für Millionen Menschen werden, die sich im Web über Krankheitsbilder informieren. Die Chance wurde bislang verpasst.

, 9. Dezember 2015, 05:00
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Man könnte es inzwischen als eine Volksweisheit bezeichnen – Patienten googeln im Netz nach Gesundheitsinformationen. Das Internet hat sich diesbezüglich zum mit Abstand wichtigsten Informationsmedium entwickelt.
«Jede 20. bei Google eingehende Suchanfrage bezieht sich auf dieses Thema. Im deutschsprachigen Raum sind es täglich allein zum Thema Vitamin und Nahrungsmittelergänzung täglich 14 Millionen Anfragen», sagte der fürs Gesundheitswesen zuständige Manager von Google, Joss Hertle, kürzlich vor einer Versammlung von ranghohen Pharmamanagern.
Und weiter: «Die digitale Entwicklung im Gesundheitsbereich ist nicht mehr aufzuhalten. Und derjenige, der das Spiel verändern wird, ist der aufgeklärte Patient». So lautete Hertles klares Statement

Vertrauen in den Arzt, aber…

Auch der Spitalverband H+ hat sich mit der Rolle und der Relevanz des Internets im Zusammenhang mit der Klinikauswahl beschäftigt. Das im Oktober publizierte Spital- und Klinikbarometer 2015 galt diesem Thema. In Zusammenarbeit mit dem Gfs Bern wurde eine entsprechende Studie publiziert
Danach vertraut eine Mehrheit der Befragten darauf, vom Hausarzt an die geeignete Institution überwiesen zu werden. Bereits 64 Prozent der Befragten trauen sich jedoch zu, dies selber am besten entscheiden zu können.
Auf der anderen Seite gestaltet sich die Suche nach vertrauenswürdigen, relevanten Krankheits- und Behandlungs-Informationen für 58 Prozent der Befragten schwierig.

«Eine einmalige Chance» – aber…

Die Verfasser der GfS-Studie kommen zum Schluss, dass die Ergebnisse auf eine generelle Emanzipierung von Patientinnen und Patienten hinweisen, welche immer souveräner selbst entscheiden wollen, was wer wie behandeln soll. «Der Wunsch der Bevölkerung nach mehr und transparenten Informationen der Spitäler und Kliniken bietet unserer Branche eine einmalige Chance diese Angebote weiter auszubauen und benutzerfreundlicher zu gestalten!», lässt sich Bernhard Wegmüller, Direktor von H+ zitieren.

Der Autor: Pascal Fraenkler ist Gesundheitsökonom und Initiant von Eesom, der grössten Patienteninformations-Plattform der Schweiz. In seiner Karriere war der studierte Betriebsökonom HWV unter anderem in den Geschäftsleitungen von PharmaSuisse und der RehaClinic.
Hier könnte gerade den Kliniken eine herausragende Rolle zukommen. Heute sind die etablierten Institutionen im Netz sozusagen inexistent. Wir erleben die paradoxe Situation, dass die Weisen, die zum Thema Anamnese, Diagnose, Behandlung und Therapie von einschneidenden Krankheiten fundamentale informative Beiträge leisten könnten, sich in stoischer Schweigsamkeit üben.
Dabei wären die Chancen enorm, die sich ein Gesundheitsanbieter durch ein gutes Web-Informationsangebot erschliessen könnte:

  • Jene Institution, die das Vakuum an verständlichen, laiengerechten und relevanten Informationen als Erster füllen kann, hat die einmalige Gelegenheit, sich gegenüber einem Millionenpublikum und vor allem gegenüber der Konkurrenz zu profilieren.
  • Die eigenen Kernkompetenzen in Sachen Behandlung könnten herausgestrichen werden.
  • Der Streuverlust im Internet ist sehr gering, denn in der Regel googelt der gesunde Mensch nicht nach Diagnosen.

Krankheit ist ein Tabuthema, mit dem man sich im gesunden Zustand nicht beschäftigen möchte. Dies geschieht erst dann, wenn man selber oder jemand aus dem persönlichen Umfeld davon betroffen ist. Nun ist es von zentraler Bedeutung, dass man bei Google auf den vorderen Plätzen aufgeführt wird, wenn nach einer spezifischen Diagnose – etwa nach dem Begriff «Zwerchfellbruch» – gesucht wird.

Autorität ist gut, hochwertige Inhalte sind besser

Dies ist jedoch laut von SEO-Experten in der Regel nicht ein Problem. Gerade die Websites von Kliniken verfügen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung über eine hohe «Autorität» im Internet. Diese Autorität allein jedoch reicht nicht aus, um auch gefunden zu werden ist. Es ist von zentraler Bedeutung, dass zusätzlich auch relevante und qualitativ hochwertige Inhalte geboten werden. 
Google arbeitet derzeit intensiv daran, den Such-Algorithmus in Bezug auf das Gesundheitswesen zu verbessern. Es gelingt immer besser, hochwertigen und relevanten Content zu erkennen und entsprechend höher zu gewichten.

Aufbau einer Beziehung

Relevante Informationen zu Krankheit und Behandlung sollten deshalb von Ärzten oder von hochqualifizierten Gesundheitsfachpersonen – etwa Ernährungsberatern, Pflegeexperten oder Therapeuten – verfasst werden, um auch künftig von Google als solche erkannt zu werden. Diese zu erstellen ist ein arbeitsintensiver Prozess, der wahrscheinlich die meisten Kliniken in Bezug auf die vorhandene Arbeitskapazität überfordern wird. Aber wir bei Eesom verfügen zum Beispiel bereits über 600 Diagnosetexte, die ausschliesslich von Ärzten verfasst wurden.
Wie es gehen könnte, zeigen die angesehensten Klinken in den USA: Als eigenständige Rubrik sind auf deren Web-Aufritten auch eine umfassende Menge an krankheits-relevanten Informationen eingebunden; Beispiele bietet etwa seit langem die weltbekannte Mayo Clinic. Das Besucheraufkommen kann man auch nutzen, um eine interaktive Beziehung zu den Patienten aufzubauen.

Einmal drin, jahrelang relevant

So bietet zum die Kliniken-Stiftung Kaiser Permanente qualitativ hochwertige Informationen rund um die verschiedenen Krankheitsbilder – darüber hinaus jedoch noch weitere spezifische Hilfs- und Betreuungsangebote zu den einzelnen Krankheiten.
Marketingexperten sind sich einig, dass das Internet im Vergleich zu Fernsehen, Zeitungen und Zeitschriften noch immer klar die kostengünstigste Alternative darstellt und auch in Sachen Reichweite den übrigen Medien weit überlegen ist: Die Tageszeitung wird ein einziges Mal gelesen. Hochwertige Gesundheitsinformationen im Internet bleiben während mehrerer Jahre relevant und werden jeden Tag erneut konsultiert.
Wie lange wird es wohl dauern, bis sich diese Erkenntnis auch bei uns durchsetzt?  
                                                                                                   Pascal Fraenkler

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