Buyers Clubs: Wenn die Patienten teure Medikamente selber auftreiben

Internationaler Medikamentenpreis-Vergleich 2.0? Es könnte weniger riskant und unseriös sein, Medikamente günstig in Indien zu bestellen.

, 9. November 2016 um 08:02
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Soll man, darf man die teuren Hepatitis-C-Medikamente an alle Infizierten abgeben? Soll die Grundversicherung das bezahlen? Dies entwickelt sich bekanntlich zur Testfrage für die Schweiz – etwa darüber, ob und wie sehr mit den superteuren Medikamenten eine Zweiklassen-Medizin droht.
Zweiklassen-Medizin, das bedeutet auch: Einzelne Patienten, welche Mittel wie beispielsweise Harvoni oder Sovaldi nicht bewilligt bekommen, treiben sie selber im Ausland auf. Erst vorgestern warnten diverse Fachärzte-Gesellschaften in einem offenen Brief zur Hepatitis-C-Frage: «Die Zahl der Patienten, die selber aus Verzweiflung Generika aus Indien importieren, nimmt zu.» Und weiter: «Diese Praxis ist risikoreich und nicht mit unseren Qualitätsstandards zu vereinbaren.» 

Erfahrungen aus Australien, Osteuropa, Asien

Wirklich? Wenige Stunden später veröffentlichte die Agentur «Reuters» in London einen Bericht über die «Buyers Clubs» im Medikamenten-Bereich: «Buyers clubs for cheaper drugs help fight hepatitis and HIV».  Thematisiert wurde ein hierzulande noch kaum beachtetes Phänomen: Im Internet bilden sich Organisationen, die helfen, superteure Medikamente in anderen Ländern aufzutreiben, manchmal original, meistens als Generika. Wenn ein Hepatitis-C-Kombipräparat in Indien für 1'500 Franken beschafft werden kann, ist das bei Schweizer Standardpreisen um 50'000 Franken eine durchaus verlockende Alternative.
Die neue Erkenntnis nun: Womöglich ist dies nicht mal so riskant. Am internationalen HIV-Kongress in Glasgow wurden soeben zwei Untersuchungen zum Thema vorgestellt: Sie massen die Wirkung und Folgen von Antiviral-Therapien, welche von den Patienten durch «Buyers Clubs» in Australien, in Osteuropa und in Südostasien aufgetrieben worden waren.
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Website des FixHepC Buyers Club aus Australien
Fazit: Die Sache tönt vielleicht gefährlicher als sie ist. Insgesamt verglich Andrew Hill vom St. Stephen’s AIDS Trust in London die Ergebnisse von knapp 850 Patienten, welche ihre Antiviral-Medikamente online aufgetrieben hatten. Heraus kam, dass 95 Prozent der erfassten Virusträger am Ende der Therapie geheilt waren; eine Quote, die also der normalen Therapie durch Originalmedikamente entspricht. (ein Überblick der Präsentationen in Glasgow plus Quellenangaben findet sich hier).
Zu ebenso hohen Werten war ein australischer Arzt schon letztes Frühjahr gekommen – bei einer Beobachtung von 139 Patienten, welche Hepatitis-CMedikamente über einen australischen «Buyers Club» aufgetrieben hatten. Allerdings: Dieser Arzt, James Freeman, betreibt mit dem «FixHepC» Club selber solch eine Organisation.

Ein Hebel für die Gesamtkosten?

Wie weit sich hier langfristig ein Hebel entwickelt, um die Medikamentenkosten in Hochpreis-Ländern anzugleichen, das ist jetzt eine Kernfrage – und völlig unklar. Denn im Grundsatz bleibt es dabei: Medikamente dürfen nur unter gewissen Bedingungen zum Eigenbedarf über Grenzen geschickt werden. In der Schweiz kann man legal gerade mal eine Monatsration importieren, und Ärzten selber ist die Einfuhr untersagt.
The «Buyers clubs» nützen nun erstens aus, dass die Medikamentenhersteller ihre Patente für die Herstellung von Generika öffnen, mit denen die Menschen in ärmeren Länder beliefert werden können. Oft werden die Arzneien durch indische Unternehmen hergestellt, teils auch in China. Der zweite Aspekt: Die Buyers-Clubs-Seiten wirken primär als Vermittler: Sie weisen den Weg zu seriösen Online-Apotheken, welche wiederum Zugriff auf solide Generika-Hersteller haben.  
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