«Das Risiko, zu Suchtmitteln zu greifen, ist gestiegen»

Pflegende auf den IPS und im Notfall sind laut Sucht Schweiz suchtgefährdet. Roswitha Koch vom SBK spricht über das Tabu-Thema und erklärt, weshalb der Verband mit zunehmenden Kündigungen rechnet.

, 11. Februar 2021 um 09:40
image

Frau Koch, Sucht am Arbeitsplatz hat es immer schon gegeben. Die Covid-19-Pandemie stellt jedoch vor neue Herausforderungen. Laut Sucht Schweiz gehören Pflegende auf Intensivstationen oder das Personal in Ambulanzen zu einer neuen Risikogruppe. Was sagen Sie dazu?

Ich habe selbst auf einer Intensivstation gearbeitet. Die Pflegebereiche auf der Intensivstation und im Notfall waren und sind noch immer sehr anspruchsvoll. Dass Mitarbeiter Gefahr laufen, sich zum Beispiel mit Alkohol zu entspannen, ist schon länger ein Thema im Gesundheitswesen. Die Pandemie hat uns jedoch vor zusätzliche Herausforderungen gestellt: Die Belastung im Gesundheitswesen, insbesondere für das medizinische und pflegerische Personal, ist höher als je zuvor. Es ist deshalb nachvollziehbar, dass es bei einer hohen psychischen Belastung zu solchen Reaktionen kommen kann. Wir sind froh, dass sich die Situation hinsichtlich der Fallzahlen wenigstens aktuell etwas entspannt hat.

Ist beim SBK etwas von einer zunehmenden Suchtproblematik zu spüren?

Mir ist nichts bekannt und ich habe auch keine Zahlen dazu. Allerdings gibt es zahlreiche Studien darüber, dass die Belastung im Gesundheitswesen in bestimmten Bereichen, wie auf der IPS oder im Notfall, derzeit noch l höher ist als sonst schon.

Kann man die Sucht-Problematik überhaupt auf die Pflegenden im Gesundheitswesen reduzieren?

Das kann man nicht – Sucht kennt keine Grenzen zwischen den Berufsgattungen im Gesundheitswesen. Sicher ist, dass wir uns während der Pandemie in einer Ausnahmesituation befinden, die allerdings bereits ein Jahr andauert. Wie gesagt, die Belastung ist noch höher als sonst und somit steigt auch das Risiko, zu Suchtmitteln zu greifen. Allerdings urteilen wir nicht. In schwierigen Situationen bieten wir unseren 25‘000 Mitgliedern Hilfestellung an.

Gibt es eine Anlaufstelle für Suchtfragen?

Eine suchtspezifische Anlaufstelle gibt es beim SBK nicht. Wir beraten unsere Mitglieder zu ihrer allgemeinen Arbeitssituation und arbeiten eng mit dem Schweizerischen Berufsverband für Angewandte Psychologie SBAP zusammen. Unsere Mitglieder erhalten dort eine kostenfreie Beratung. Es gibt jedoch auch Arbeitgeber, die ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern während der Pandemie Angebote zur psychologischen Beratung unterbreiten.

Was macht der Verband derzeit, um seine Mitglieder aufzufangen?

Derzeit wird die Pflegeinitiative im Parlament beraten. Wir warten ab, ob es zur Abstimmung kommt oder nicht. Ein wichtiges Element der Initiative ist die bedarfsgerechte Personalausstattung – sprich: genug Personal pro Patienten. Damit würde die Belastung für das Personal massiv reduziert. Wir müssen das Problem an der Wurzel packen. Das Gesundheitspersonal kann nicht über Jahre hinweg derart hochtourig arbeiten.

Das medizinische Personal ist derzeit erschöpft und unglücklich. Erwarten Sie Massenkündigungen?

Wir befürchten, dass die Anzahl Kündigungen zunehmen wird. Derzeit sind sie im normalen Bereich. Uns ist aber bekannt, dass in Schweden zum Beispiel monatlich rund 500 Pflegende ihre Stelle kündigen. Gestern habe ich von einem Bekannten in Kanada erfahren, dass dort 4000 Pflegekräfte aus dem Beruf ausgestiegen sind. Das sind besorgniserregende Zahlen. Es ist gut möglich, dass wir ein ähnliches Szenario in der Schweiz erleben. Zudem wird es schwierig, junge Menschen für diesen Beruf zu gewinnen.

Zur Person:

Roswitha Koch (57) ist Leiterin Bereich Pflegeentwicklung und Internationales beim SBK. Die diplomierte Pflegefachfrau HF und diplomierte Expertin Intensivpflege NDS HF verfügt über einen Master in Master Public Health MPH sowie einen MAS in European Integration.

Stellungnahme des VSAO

Marcel Marti, Leiter Politik und Kommunikation sowie stellvertretender Geschäftsführer Verband Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen (VSAO), nimmt auf Anfrage von Medinside wie folgt Stellung:
«Dem VSAO ist bislang nicht bekannt, dass sich allfällige Suchtprobleme von Mitgliedern im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie (oder auch anderweitig) in jüngster Zeit verschärft haben. Es gibt dazu keine Anfragen oder sonstige Hinweise, weshalb wir auch nicht mit Zahlen dienen können. Der VSAO ist aber für alle Anliegen seiner Mitglieder offen und würde Betroffene bei entsprechenden Fragen/Problemen im Rahmen seiner Möglichkeiten beraten und unterstützen sowie an spezielle Fachstellen verweisen.»
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Spital Samedan prüft Zusammenschluss mit Kantonsspital Graubünden

Die Stiftung Gesundheitsversorgung Oberengadin untersucht zwei strategische Wege in eine nachhaltige Zukunft.

image

Pflegemonitoring: Die Lage der Pflege auf einen Klick

Ein neues Tool macht die wichtigsten Daten zum Pflegeberuf greifbar – interaktiv und ganz einfach.

image

Kantonsspital Aarau: Mehr Betten im Neubau

Wegen einer «unverändert hohen Patientennachfrage» plant das KSA nun doch mehr Betten.

image

Hirslanden: Umbau an der Spitze – näher zu den Regionen

Hirslanden-Zürich-Direktor Marco Gugolz zieht als Regional Operations Executive in die Konzernleitung ein.

image

Was geschieht mit dem Spital Thusis?

Die Stiftung Gesundheit Mittelbünden sucht Wege aus der finanziellen Krise – beraten von PwC. Ein Entscheid soll im Herbst fallen.

image

CSEB: «Herausfordernd, aber zufriedenstellend»

Trotz roten Zahlen und leicht rückläufigen Patientenzahlen gibt sich das Center da sandà Engiadina Bassa optimistisch.

Vom gleichen Autor

image

Kinderspital verschärft seinen Ton in Sachen Rad-WM

Das Kinderspital ist grundsätzlich verhandlungsbereit. Gibt es keine Änderungen will der Stiftungsratspräsident den Rekurs weiterziehen. Damit droht der Rad-WM das Aus.

image

Das WEF rechnet mit Umwälzungen in einem Viertel aller Jobs

Innerhalb von fünf Jahren sollen 69 Millionen neue Jobs in den Bereichen Gesundheit, Medien oder Bildung entstehen – aber 83 Millionen sollen verschwinden.

image

Das Kantonsspital Obwalden soll eine Tochter der Luks Gruppe werden

Das Kantonsspital Obwalden und die Luks Gruppe streben einen Spitalverbund an. Mit einer Absichtserklärung wurden die Rahmenbedingungen für eine künftige Verbundlösung geschaffen.