Ärzte-Ratings: Sternchen besagen nichts über medizinische Qualität

Jetzt ist es quasi offiziell. Denn erstmals ging eine wissenschaftliche Studie der Frage nach: Sind Ärzte, die gute Patienten-Bewertungen erhalten, auch die besseren Mediziner?

, 19. Dezember 2016 um 07:49
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Es gibt mehr und mehr Ärzte-Ratings: Auch in der Schweiz haben die Patienten inzwischen diverse Websites zur Auswahl, auf denen sie nachschauen können, wie andere Patienten einen Arzt beurteilen. Eine Hauptkritik daran lautet, dass der entscheidende Punkt in diesen Sternchen-Beurteilungen viel zu kurz kommt – nämlich die eigentliche medizinische Qualität der Arbeit eines Arztes. Die wenigsten Patienten seien in der Lage, hier ein gutes Urteil abzugeben.
Jetzt gibt es einen wissenschaftlichen Test dazu. Ein Ärzteteam des Gesundheitskonzerns Kaiser Permanente sowie der Universitäten von Chicago und Massachusetts suchte nach Korrelationen zwischen den Online-Beurteilungen von Ärzten und einem anerkannten Qualitätsmasstab: der Mortalität ihrer Patienten. Eine Fragestellung, die nicht in allen Fachbereichen funktioniert – das Team unter Leitung des Chirurgen Kanu Okike konzentrierte sich also auf Herzchirurgen. 
Im Hintergrund steht, dass fünf grosse US-Bundesstaaten die risikoadjustierte Mortalität bei Herzchirurgen erheben und auch namentlich veröffentlichen. Die Studie glich nun diese Werte ab mit den Online-Beurteilungen derselben Ärzte, wobei insgesamt 614 Mediziner überprüft werden konnten.
Diese hatten im übrigen weitgehend gute Beurteilungen: Die Durchschnitts-Note auf den Online-Portalen lag bei 4,4 von insgesamt 5 Punkten beziehungsweise Sternen.

Egal, wie man es dreht…

Aber egal: Es gab einfach keine Korrelationen zwischen den Online-Ratings der Chirurgen und der risikoadjustierten Mortalität. Die Sterberate der Herzchirurgie-Patienten war in allen Noten-Kategorien gleich. Und umgekehrt fielen die Noten der Patienten bei den Chirurgen mit hoher Mortalität weder schlechter noch besser als wie bei ihren erfolgreicheren Kollegen.
Wenn man also davon ausgeht – wie weitherum anerkannt –, dass sich das Knowhow eines Herzchirurgen in der Mortalität seiner Patienten niederschlägt, so heisst dies umgekehrt: Die Patienten machen bei ihren Online-Benotungen kaum Aussagen über dieses Knowhow, sondern vielmehr über andere Faktoren.
So dass das US-Forscherteam seine Conclusion mit dem trockenen Satz beendet: «Patienten, die Online-Rating-Websites bei der Auswahl ihres Arztes nutzen, sollten sich bewusst sein, dass diese Ratings womöglich nicht die Qualität der Versorgung spiegeln, so wie sie durch anerkannte Massstäbe definiert wird.»
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