«Der Weg aus dem Teufelskreis beginnt bei sich selbst»

Das Lausanner Universitätsspital CHUV hat eine Osteopathie-Sprechstunde. Im Interview schildert Chantal Berna Renella, wie diese Methode in der klinischen Praxis den Patienten hilft, aus Schmerzspiralen auszubrechen.

, 18. November 2025 um 05:47
letzte Aktualisierung: 12. Dezember 2025 um 15:55
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Chantal Berna Renella, Leiterin des CEMIC, Maud Gachet, Praktikantin, und Cécile Tenot, leitende Osteopathin | Bild: CHUV
Frau Prof. Berna Renella, was hat Sie persönlich davon überzeugt, dass die Osteopathie am CHUV einen Platz haben sollte?
Die Osteopathie ist ein komplementärer körperlicher Ansatz, der für verschiedene chronische Schmerzen validiert wurde. Durch die Integration in das Zentrum für integrative und komplementäre Medizin des CHUV können wir eng mit einer Osteopathin zusammenarbeiten, die an der Fachhochschule HES-SO Freiburg lehrt. Inspirierend waren auch Beispiele für die erfolgreiche Integration der Osteopathie in anderen Spitälern, etwa im Zentrum für Integrative Medizin des Kantonsspitals St. Gallen.

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Chantal Berna Renella, MD PhD, ist Fachärztin für Innere Medizin und Leitende Ärztin am Centre hospitalier universitaire vaudois (CHUV). Dort leitet sie das Centre de médecine intégrative et complémentaire (CEMIC). Sie lehrt auch an der Universität Lausanne.
Chantal Berna Renella wurde in psychosomatischer Medizin, Hypnose und interventioneller Schmerztherapie ausgebildet und widmet sich der integrativen Behandlung chronischer Krankheiten und der Erforschung der Mechanismen der Komplementärmedizin bei der Schmerzbehandlung.
Was möchten Sie mit der Sprechstunde vermitteln?
Die Osteopathie bietet eine bewährte Körpertherapie bei vielen Arten von chronischen Schmerzen. Unsere Sprechstunde eröffnet CHUV-Patienten mit einer komplexen Krankengeschichte die Chance, diese Methode in Verbindung mit anderen Behandlungen zu nutzen.
Sie arbeiten mit Menschen, die manchmal schon seit Jahren mit Schmerzen leben. Was beeindruckt Sie am meisten an der Art und Weise, wie sie mit dem Schmerz umgehen?
Chronische Schmerzen, die gegen «einfache» Behandlungen resistent sind, führen zu Teufelskreisen, die sich selber nähren. Es erfordert tiefgreifende Einsichten und Veränderungen, um sie zu durchbrechen. Das braucht viel Energie, Willenskraft und Mut. Ich bin immer wieder beeindruckt von der inneren Stärke meiner Patienten, die diese Arbeit der Schmerzbewältigung leisten. Das sind wahre Alltagshelden.
«Es geht darum, die Energie wiederzufinden, sich selbst zu hinterfragen und einen Weg aus dem Teufelskreis zu entdecken.»
In einem Interview mit dem internen Magazin des CHUV haben Sie die Rolle der Berührung bei der «Schmerzvalidierung» angesprochen. Was ändert sich Ihrer Meinung nach dadurch in der Pflegebeziehung?
Berührung kann viele Funktionen haben: Sie macht spürbar, validiert, verbindet, beruhigt, verankert – und sie stärkt und bereichert so die Pflegebeziehung. Der Einsatz von Berührungen in der therapeutischen Beziehung erfordert jedoch viel Feingefühl, Respekt und Zuwendung. Denn Berührungen können auch das Echo früherer schwieriger Interaktionen hervorrufen. Es erfordert spezielle Ansätze, um eine schrittweise Entspannung zu erreichen.
Sie haben davon gesprochen, «der Situation neuen Schwung zu verleihen». Was bedeutet es, jemandem neuen Elan zu geben, der unter Schmerzen lebt?
Menschen, die mit Schmerzen leben, sind täglich oder sogar ständig mit schwierigen Empfindungen konfrontiert. Viele Menschen mit einer Krankheit verlieren die Hoffnung oder verfallen in repetitive Verhaltensmuster, die scheinbar lösungsorientiert sind, aber nicht zu positiven Veränderungen führen. Es geht also darum, die Energie wiederzufinden, sich selbst zu hinterfragen und einen Weg aus dem Teufelskreis zu entdecken.
Gibt es eine Begegnung oder eine Situation, die für Sie den Sinn dieser Sprechstunde verkörpert?
Ein Beispiel: Wir besprechen in einem interdisziplinären Kolloquium eine Patientin mit komplexen Schmerzen, bei denen viele Therapien versagt haben. Unsere Osteopathin erwähnt den möglichen Beitrag einer seltenen Gefässerkrankung, bei der osteopathische Manipulationen zu einer Verbesserung beitragen können. Die Osteopathie wird somit dem multimodalen Behandlungsplan beigefügt, welcher der Patientin vorgeschlagen wird.
Spüren Sie manchmal Widerstand seitens der Ärztekollegen? Oder Neugier?
Nach unserem Brief, mit dem wir über die Eröffnung dieser Sprechstunde informierten, verspürten wir eher die Neugier oder Begeisterung von zahlreichen Kollegen. Ich erhielt auch persönliche Berichte aus dem Pflegepersonal des CHUV, die schilderten, wie Osteopathie in bestimmten Schmerzsituationen geholfen hatte, sei es nach einer Operation oder sei es im Bereich des Muskel-Skelett-Systems.
«Wir ergänzen uns gegenseitig! In allen unseren Beratungen nehmen wir uns bewusst das Privileg der Zeit, des Zuhörens und des Kontakts.»
Die Osteopathie erfordert Zeit, Zuwendung und Kontakt. Wie lässt sich dieser Ansatz mit den Anforderungen eines Spitals vereinbaren?
Einerseits rettet unsere schnelle und technologische Medizin Leben, andererseits kann sie auch tiefe und schmerzhafte Narben hinterlassen. Unser Zentrum wurde vom CHUV gegründet, um Therapien anzubieten, die Symptome während oder nach einem komplexen Krankheitsverlauf lindern können. Wir ergänzen uns gegenseitig! In allen unseren Beratungen nehmen wir uns bewusst das Privileg der Zeit, des Zuhörens und des Kontakts. Dies sind therapeutische Schlüsselelemente, um Menschen zu begleiten, die Zeit- oder Zuwendungs-Mangel, Isolation oder andere manchmal tief verletzende Elemente der Akutpflege erlebt haben.
Der gesetzliche Rahmen und die Kostenübernahme durch die Versicherungen sind für komplementäre Ansätze noch immer begrenzt. Wie erleben Sie diese Realität zwischen medizinischer Anerkennung und administrativen Auflagen?
Im Idealfall hätten wir nur das Anliegen, unsere Patienten bestmöglich mit wirksamen und kostengünstigen Therapien zu behandeln. Der Zugang zu komplementären Therapien ist eine Herausforderung. Im Vergleich zu Nachbarländern haben wir jedoch das Glück, dass bestimmte komplementäre Therapien von der Grundversicherung übernommen werden, etwa die Akupunktur, die von einem ausgebildeten Arzt durchgeführt wird. Und wir verfügen über eine grosse Anzahl von Therapeuten mit einer ausgezeichneten Ausbildung.
  • Regionalspital setzt auf Alternativmedizin. Die Établissements hospitaliers du Nord vaudois eröffnen ein Zentrum für integrative Medizin – mit Angeboten wie Hypnose und Homöopathie.
  • «Kritiker der Komplementärmedizin haben eine zu einseitige Sicht». SP-Ständerätin Franziska Roth kritisiert im Interview die Haltung von Gegnern der Komplementärmedizin. Sie verkennen den Wert der ärztlichen Expertise.

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