75 Prozent der Querschnittgelähmten leiden unter chronischen, neuropathischen Schmerzen. Was harmlos klinge, sei für Betroffene «brutale Realität», schreibt die Hochschule Luzern. Konkret: Trotz Lähmung können die Patienten noch lange Zeit nach einem Unfall unerträgliche Schmerzen in betroffenen Extremitäten haben. Ausgelöst werden sie durch eine Verwirrung des Gehirns.
Diese Schmerzen seien schwierig zu beeinflussen, sagt André Ljutow, Chefarzt am Zentrum für Schmerzmedizin (ZMS) in Nottwil. Für die Behandlung der Schmerzen gäbe es von Medikamenten bis Physio- und Ergotherapie verschiedene Ansätze – doch in vielen Fällen würden sie alle nicht weiterhelfen. Nun haben das ZMS und die Hochschule Luzern die neue, gemeinsam entwickelte Therapiemöglichkeit «Virtual Walking» im ZMS aufgebaut.
Und so funktioniert es
Ein Patient sitzt vor einer Leinwand; die Beine sind mit einem grünem Stoff abgedeckt (siehe Bild oben). Während er sich durch den Wald gehen sieht, stimuliert der umgebaute Elektrorollstuhl für das Becken die Gehbewegung. Eine Kamera in der Leinwand nimmt seinen Oberkörper auf. Der sogenannte Greenscreen und die grüne Beinbedeckung ermöglichen es, die Aufnahme des Oberkörpers zu extrahieren und mittels einer Software mit dem vorproduzierten Video von zwei gesunden, gehenden Beinen und der Waldszene zusammenzufügen.
Dadurch erhält der Patient für zehn Minuten den Eindruck, dass er normal gehen kann. Das Gehirn soll so die Möglichkeit erhalten, sich auf die neue Situation einzustellen.
Fehlalarm im Hirn
Die Veränderung, die durch die Lähmung entsteht, ist nicht nur für die Psyche ein Schock, sondern auch für das Gehirn. Die erlebten und die gefühlten Körpergrenzen stimmen von einem Moment auf den anderen nicht mehr überein; die Beine sind für die Augen zwar sichtbar, doch sie reagieren nicht auf Reize.
«Die Informationen aus dem Nervensystem sind widersprüchlich. Das Gehirn kann diesen Konflikt nicht so schnell lösen und reagiert wie ein abgestürzter Computer mit einer Fehlermeldung: Der Alarm äussert sich als Schmerz», so André Ljutow. Der Anblick des eigenen Körpers von aussen, der so wie früher auf eigenen Beinen geht, soll das Gehirn von diesem Widerspruch entlasten und die sogenannten Deafferenzierungsschmerzen (chronische, unerträgliche Schmerzen) lindern.
Resultate sind positiv
Die Idee vom virtuellen Gehen ist nicht neu. Sie wurde bereits 2007 wissenschaftlich publiziert. Nach rund vier Jahren Arbeit am Konzept «Virtual Walking» können Patienten das neue Therapiesystem erstmals am ZMS testen – bis jetzt mit positiven Resultaten, so die Hochschule Luzern. Das Zentrum für Schmerzmedizin arbeitet indes an weiteren Behandlungstechniken für ähnliche Krankheitsbilder aus, wie Schlaganfälle, Verletzungen mit Nervendurchtrennungen oder Entzündungen von Nerven.
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