Gewalt gegen Spitalpersonal: «An manchen Tagen ist es zum Heulen»

Die Genfer Unikliniken HUG sehen sich zu deutlichen Schritten gezwungen, um der Aggression gegen Mitarbeiter Herr zu werden. Aber ist das ein Trend? Auch in der Deutschschweiz? Das Bild ist zwiespältig.

, 15. September 2016, 08:00
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Es wird immer schlimmer, und jetzt reicht’s: Dies die Botschaft, welche die Direktion der Genfer Universitätsspitäler HUG vor wenigen Tagen aussandte. Spitaldirektor Betrand Levrat präsentierte ein Massnahmenpaket, mit dem die Aggression von Patienten und Angehörigen gegenüber den Angestellten gedämpft werden soll. Und er legte Zahlen vor.
Danach wurden 99 Angestellte des Unispitals in den letzten drei Jahren Opfer von gewalttätigen Angriffen, Drohungen mit Waffen oder schwerer verbaler Aggression. Und eindeutig sei die Zahl der Fälle angestiegen. Registrierte die HUG-Direktion im Jahr 2013 noch 20 solcher Übergriffe, waren es letztes Jahr schon 32. Und im laufenden Jahr 2016 notierte man alleine im ersten Halbjahr 23 Gewalts-Fälle. 
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«Sie sind nicht hier, um schlecht behandelt zu werden. Wir auch nicht»: Solche Plakate hängen nun in den HUG.
Dabei wurden 60 Prozent als gravierende Vorfälle eingestuft, bei denen der Sicherheitsdienst eingreifen musste – nach Faustschlägen, Tritten, Bissen und Strangulationen. Oder auch nach üblen sexuellen Belästigungen.
Der Schritt der Genfer stellt sogleich die Frage in den Raum: Ist das ein allgemeiner Trend? Wird es immer schlimmer – auch landesweit? 
In den Kommentarspalten von Online-Medien erhielten die Genfer jedenfalls Zustimmung, auch von Betroffenen, auch mit Erfahrungsberichten aus der Deutschschweiz:

  • «Ich arbeite selber seit über 25 Jahren in der Pflege, und leider erlebe ich immer häufiger verbale wie körperliche Attacken gegenüber uns oder den Ärzten. Dies nicht einmal von "anderen Kulturen“, sondern auch von "typischen" Schweizern. Die Hemmschwelle sinkt immer weiter, sei dies durch psychische Ausnahmezustände, Stress und/oder Drogen».
  • «Hab ich selbst bei mir im Spital auch schon erleben dürfen. Ein Angehöriger ist handgreiflich geworden und bekam danach Hausverbot. Am nächsten Tag kam er wieder, wir haben ihm gesagt, er hat Hausverbot und dann hat er sein Messer gezückt.»
  • «An manchen Tagen ist es zum Heulen, und doch ist es jedem egal» (FaGe, «20 Minuten»)

Ein trübes Bild. Kein Wunder, haben Unispitäler wie jene von Basel und Zürich einen fixen Sicherheitsdienst für die Notfallstationen. Andere Spitäler haben dort zumindest einen Knopf zur raschen Alarmierung von Sicherheitskräften. Und in vielen Spitälern sind inzwischen Richtlinien (Beispiel: USB) oder Schulungen (Beispiel: USZ) für den Umgang mit Gewalt von Patienten und Angehörigen selbstverständlich geworden.

Ein Problem der Städte

Unbestritten ist dabei, dass vor allem die Notfallstationen betroffen sind von Ausrastereien. Allerdings: Eine Verschärfung der Lage registrierte man in den Berufsverbänden von Ärzten und Pflegepersonal in den letzten Jahren nicht. Übergriffe, wie sie nun in Genf angegangen werden, seien bis heute primär ein Problem der städtischen Zentren, sagt Gudrun Tognella; als Vorstandsmitglied der Interessengemeinschaft Notfallpflege SIN hat sie einen Überblick über die Stimmung in verschiedenen Gegenden. 
«Dass es häufiger zu Angriffen mit Waffen kommt, lässt sich kaum erhärten. Aber wahrscheinlich ist, dass die Mitarbeiter auf den Notfallstationen heute verbal mehr über sich ergehen lassen müssen als in früheren Jahren.»

Das Problem wird noch diskret gehandhabt

Und so kann es zwar gut sein, dass sich die Lage am Genfer Unispital HUG verschärft hat – denkbar ist aber auch, dass das Spitalpersonal sensibilisierter ist: Diese Vermutung äussert Olivier Fricker. Er ist Notfallpflege-Fachmann am Kantonsspital Winterthur und zugleich zertifizierter Deeskalationstrainer ProDeMa. Das Problem dabei: Zahlen gibt es nicht, es fehlt eine schweizweite, systematische und einheitliche statistische Erfassung von Patienten-Übergriffen. Und insgesamt wird das Thema in der Schweiz doch vergleichsweise diskret gehandhabt.
Die meisten Spitalunternehmen, so Olivier Fricker, liessen es mit einem Kurs fürs Personal bewenden – und diese Kurse seien dann auch oft ziemlich theorielastig. Der Spezialist verweist aufs Beispiel Deutschland, wo mittlerweile 1'200 Deeskalations-Trainer nach dem Modell des Instituts für Professionelles Deeskalationsmanagement ProDeMa in den Spitälern tätig sind. Dort implementieren sie ein mehrstufiges Deeeskalations-Management – beginnend damit, Aggressionen vorzubeugen beziehungsweise diese schon in den Ansätzen zu vermeiden. Weiterführend im Üben einer Technik in verbaler Deeskalation. Und endend mit einer Nachbetreuung nach einem Vorfall.

Die Eskalation kommt aus der Situation

«Die Eskalation ist ja oft in der Situation angelegt, der vermeintliche „Aggressor“ befindet sich in einer inneren Not, die er zu Beginn nicht artikulieren kann», sagt Pflege- und Deeskalation-Fachmann Fricker. Das könne etwa darin bestehen, dass ein schmerzgeplagter Patient in Notaufnahme kein Verständnis für eine zeitlich aufwändige Datenerfassung hat.
Als Beispiel nennt er ein Spital, das umstellte: Hier wurde mit einem professionellen Triagesystem, dem sofortigen Beginn der Schmerztherapie und einer von Anfang an festen Bezugsperson die Situation im Vorfeld entschärft. Und siehe da: Die Zahl der kritischen Fälle sank danach.
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