Beda Stadler: «Ich lag ziemlich genau richtig»

Der Immunologe Beda Stadler bleibt dabei: Man hätte einfach die Risiko-Patienten schützen und die anderen in Ruhe lassen sollen. Und später dann: Impfen.

, 9. März 2022 um 13:00
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Der Immunologe Beda Stadler hat zu Corona nie gewagte Prognosen aufgestellt, sondern immer nur gesagt, was am besten zu tun wäre. Damit ist er zwar bisweilen angeeckt. Doch er musste auch nie seine Aussagen relativieren oder zurücknehmen.
Er stellt im Interview mit Medinside lediglich lapidar fest: «Mit meinen Aussagen zu Corona lag ich ziemlich genau richtig.» Medinside wollte deshalb von ihm wissen, warum er nie in der Task-Force mitgemacht habe und weshalb er die Grippe nach wie vor viel schlimmer findet als Corona.
Herr Stadler, nach einer Hirnoperation vor gut einem Jahr lagen Sie drei Wochen im künstlichen Koma. Wie geht es Ihnen heute?
Ich fühle mich wieder gesund. Ich habe sogar ein Buch geschrieben, damit ich herausfinden konnte, ob etwas kaputt gegangen sei.
Und?
Ich habe nichts gefunden. Die einzige Veränderung, die ich feststellen kann, ist: Ich liebe das Leben noch mehr als vorher.
Schön. Sie haben wegen Ihres Spitalaufenthalts einen Teil der härtesten Corona-Welle gar nicht miterlebt. Trotzdem: Was ziehen Sie für eine Bilanz? War es schlimmer oder weniger schlimm als Sie am Anfang gedacht haben?
Vieles kam so, wie ich es gedacht habe: Es wurde weltweit gewaltig übertrieben. Zum Glück wurde es nie so schlimm wie in einer Grippe-Pandemie. Die Spanische Grippe hatte 100 Millionen Tote zur Folge.
Lagen Sie also mit Ihren Aussagen zu Corona richtig?
Ziemlich genau sogar. Ich habe zum Beispiel als erster gesagt, dass man die Unter-20-Jährigen in Ruhe lassen soll, weil sie alle immun sind. Heute lässt sich belegen, dass wir in der Schweiz eine viel grössere Grundimmunität haben als angenommen. Aber je älter wir sind, umso mehr fehlt sie uns. Deshalb hätten sich die älteren Leute zuerst schützen und dann impfen lassen sollen.
Und was war sonst noch richtig?
Das Virus zeigte in jedem Land die Schwächen des Gesundheitssystems auf: Epidemiologen haben mit selbstgestrickten Programmen 60’000 Tote prognostiziert. Und der Kapitalfehler war, dass man den Präsidenten des Nationalfonds (Anmerkung der Redaktion: Matthias Egger) zum Präsidenten der Taskforce machte. Von da an wagte sich kein junger Forscher mehr, der sich vom Nationalfonds noch Unterstützung erhoffen konnte, etwas zu sagen.
Was hätte man denn sagen sollen?
Dass man ganz einfach die Risiko-Patienten schützen und die anderen in Ruhe lassen soll. Und später dann: Impfen.
Und warum waren Sie nicht in der Task-Force und haben das vorgeschlagen?
Ich bin alt, übergewichtig und rauche, also ein Risiko-Patient. Hätte ich in der Task-Force mitmachen sollen und gleichzeitig predigen sollen, dass Risiko-Patienten am besten zu Hause bleiben und Kontakte meiden sollen?
Nein, besser nicht. Dann gibt es also nichts, was Sie damals gesagt haben und heute nicht mehr sagen würden?
Vielleicht gibt es etwas. Aber mir kommt gerade nichts in den Sinn. Ich habe übrigens auch nie gesagt, dass Corona so harmlos wie eine Grippe sei. Denn eine Grippe ist überhaupt nicht harmlos. Die Grippe bringt Kinder und Schwangere um. Corona nicht. Es gibt wohl nicht viele gesunde Menschen, die an Corona gestorben sind.
Wie viele Menschen sind denn an Corona gestorben?
Wir werden noch lange brauchen, um aufzuarbeiten, wer mit und wer an Corona gestorben ist. Auch bei der Spanischen Grippe starb ein grosser Teil nicht an der Grippe, sondern an Sekundärinfektionen wie Lungenentzündungen. Das Problem war damals, dass man keine Antibiotika hatte und die Patienten auch falsch behandelt wurden.
Falsch behandelt?
Ja, das war in der Corona-Pandemie übrigens auch in Italien der Fall. Das zeigt sich daran, dass die Sterblichkeit nur in gewissen Spitälern akut war.
Heute weiss man viel mehr über das Corona-Virus. Lässt sich dieses Wissen nun im weiteren Umgang mit dem Virus nutzen?
Nein. Jedes Virus ist ganz anders. Aber es gibt eine grosse Erkenntnis, über die man sich nicht so wagt zu reden.
Die wäre?
Man sollte alte Leute nicht zusammen in Alterszentren sperren – Silos sage ich diesen. Wir müssen ein dezentrales System haben und sie für sich alt werden lassen. Dann könnte sich ein Virus auch nicht so schnell ausbreiten, wie in den Monokulturen, die wir heute haben.
Und wie ist das jetzt wirklich mit den Masken: Waren sie unnütz für die Eindämmung des Virus oder nicht?
Es war ein grosser Fehler, dass man die Maske als gleich wirksam wie die Impfung propagiert hat. Nun sagt sich jeder: Die Impfung ist zu gefährlich, ich trage lieber eine Maske, die ist ja gleich wirksam. Eine Maske nützt extrem weniger als eine Impfung. Deshalb habe ich schon immer gesagt: Eine Maske sollen diejenigen tragen, die krank sind oder das Gefühl haben, krank zu sein. Das ist etwa in Japan eine Frage des Anstands. Denn Masken können die Viren aufhalten, wenn jemand hustet oder niest. Aber wenn jemand meint, er könne sich mit einer Maske vor den Viren schützen, wiegt er sich in falscher Sicherheit.
Ist es wahrscheinlich, dass uns nächsten Winter das nächste neue Virus droht?
Ja, denn Viren sind ärgerlich. Sie mutieren, weil sie sich so schnell wie möglich verbreiten wollen. Aber weil sie sich schnell verbreiten wollen, töten sie ihre Wirte nicht, sondern werden eher harmloser. Omikron ist bereits ein relativ harmloses Erkältungsvirus. So harmlos, dass wir es vor zehn Jahren wohl gar nicht wahrgenommen hätten. Kinder haben im Winter ja ständig eine «Schnudernase». Wir übertreiben derzeit halt auch ein bisschen bei den Symptomen, die wir wahrnehmen. Es wird also nächsten Winter bestimmt wieder virale Erkältungskrankheiten geben. Diese kriegen wir übrigens nicht wegen der Kälte, sondern deshalb, weil wir im Winter engeren Kontakt zueinander haben und Viren deshalb die grössere Chance haben, übertragen zu werden.

So sprach Beda Stadler vor zwei Jahren

Am 25. Februar 2020 informierte das Bundesamt für Gesundheit über den ersten Corona-Fall in der Schweiz. Einen Tag später sagte Beda Stadler im Interview mit Medinside, was er heute noch vertritt:
«Wer das Gefühl hat, krank zu sein, muss vor allem darauf achten, dass er seine Mitmenschen nicht ansteckt.»
Stadler schlug deshalb vor: Jeder, der sich krank fühlt, solle ohne Arztzeugnis zuhause bleiben dürfen.

Zur Person

Der Walliser Beda Stadler (71) ist Molekularbiologe und emeritierter Professor. Er war Direktor des Instituts für Immunologie der Universität Bern.
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