Arzneimittel: Vom Engpass in die Kostenfalle

Es mag oft zufällig wirken, wenn ein bestimmtes Medikament fehlt. Aber die Folgen haben System. Der Musterfall eines Herzmittels zeigt, wie am Ende die teuerste Lösung übrig bleibt.

Ein Kommentar von Enea Martinelli, 27. Februar 2025 um 23:00
letzte Aktualisierung: 30. Dezember 2025 um 16:03
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Frühestens ab März wieder erhältlich. Oder ab Mai: Aldactone-Tablette.
Beim Herzinsuffizienz-Mittel Spironolacton – respektive Aldactone von Pfizer – gibt es seit einigen Wochen einen Lieferengpass, der alle Packungsgrössen betrifft. Mit diesem Beispiel lässt sich eine lehrreiche kleine Milchbüchleinrechnung machen:
In der Schweiz gibt es rund 200'000 Patientinnen und Patienten mit Herzinsuffizienz.
Nehmen wir an, dass 100'000 davon mit Spironolacton eingestellt sind. Mit einer durchschnittlichen Dosis von 50 mg gäbe das Tagestherapiekosten von circa 32 Rappen (Publikumspreis).
Würde man jetzt aufgrund des Mangels alle auf Eplerenon umstellen so betrügen die Tagestherapiekosten 1 ein Franken.
100'000 x 365 x 0,68 ergeben rund 25 Millionen Franken Mehrkosten.
  • Der Autor: Enea Martinelli ist Chefapotheker bei der Spitäler FMI AG und Vizepräsident von Pharmasuisse.
Einmal umgestellte Patientinnen und Patienten kehren nicht so schnell zurück (es ist mir klar, dass es nicht möglich ist, alle umzustellen).
Diese Umstellungen tragen dann dazu bei, dass der nach rein kommerziellen Aspekten getroffene Entscheid, das alte Produkt nicht mehr im Markt zu halten, noch schneller gefällt wird.
Und: Es ist heute einfacher umzustellen, als sich den Anwürfen gewisser Versicherer auszusetzen, weil man ein Spironolacton-Präparat importiert hat – trotz des Risikos der Ablehnung. Damit sind lange nicht alle Versicherer gemeint, aber wenige, die besonders penetrant vorgehen. Diese bringen dann das Argument vor, dass man zuerst die Alternativen in der Schweiz ausschöpfen müsse.
All das ist weder logisch noch kosteneffizient, aber offenbar für gewisse Kassen dennoch angenehmer.
«Fun Fact»: Spironolacton gibt es in der Schweiz nur als Originalpräparat Aldactone, weil der Markt – respektive die Gewinnaussichten – zu klein sind.
Eplerenon gibt es von diversen Generika-Anbietern, weil das Preisniveau (noch) höher ist.
Mit der Umstellung erhöhen wir die Generika-Quote, was zeigt, dass auch dieser Wert eigentlich «rubbish» ist.
Immerhin: Ab Mitte März 2025 sollten gewisse Packungsgrössen/Stärken von Aldactone wieder verfügbar sein.
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