So wollen junge Ärzte das Gesundheitswesen ändern

In Deutschland attackieren junge Mediziner die veralteten Strukturen im Gesundheitssystem. Mit 10 Forderungen wollen sie es erneuern.

, 25. Oktober 2023 um 13:45
letzte Aktualisierung: 29. November 2023 um 06:37
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Mehrfachdokumentation: Symbolbild des Arztberufs  |  Medinside, erstellt mit AI Midjourney.
Mehr Digitalisierung, mehr Prävention und eine neue Geldverteilung im Gesundheitswesen: Mit solchen Forderungen will eine Arbeitsgruppe junger Ärztinnen und Ärzte des Hartmannbundes – das ist der Berufsverband der deutschen Ärzte – das jetzige System ändern.
«Wir können und wollen den Status quo nicht mehr akzeptieren und können uns diesen auch absehbar nicht mehr leisten», begründen sie die Veröffentlichung ihres Papiers.

«Raus aus der Komfortzone»

Die zehn Forderungen der Ärzte sollen Leitplanken für eine künftige Gesundheitsversorgung sein, wie sie sie sich die jungen Berufsleute vorstellen. «Wir müssen raus aus der Komfortzone, uns Neues zutrauen und dazu auch bereit für Veränderungen sein. Für Veränderung braucht es mehr als nur den Wunsch danach. Sie muss angegangen werden.»
Die Forderungen könnten auch interessant für das Schweizer Gesundheitswesen sein. Deshalb hier eine Zusammenfassung:
1. Gute Medizin darf nicht von finanziellen Zwängen abhängen
«Zurzeit hat die Ökonomie das Gesundheitssystem in zu vielen Bereichen fest im Griff. Wir sehen an vielen Stellen vor allem privatwirtschaftliche Bestrebungen diesen Umstand für sich zu nutzen und erfolgreich in diesem Markt zu agieren. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Akteure geht nicht zwangsläufig mit guter medizinischer Versorgung oder guten Arbeitsbedingungen einher.»
«Gewinnorientiertes Denken muss nicht per se dem medizinisch Notwendigen widersprechen. Es lenkt dieses aber zu oft, bestimmt die reale Versorgung und schränkt die Möglichkeiten ein, dem Berufsethos entsprechend Medizin machen zu können. Eine junge Generation lernt bereits Indikationen anhand derer Abrechnungsfähigkeit zu stellen.»
2. Mehr Daseinsvorsorge
«Im Fokus stehen seit Jahrzehnten Einsparungen und Reformen, die Kostensenkungen bringen sollen. Viel zu selten steht die tatsächliche Patientenversorgung im Fokus.»
«Gesundheit ist ein Wert an sich, der nicht permanent in Behandlungskosten kalkuliert werden sollte. Krankheit ist es, die Kosten verursacht. Den medizinischen Akteuren im Gesundheitswesen sollte mehr Vertrauen entgegengebracht werden. Sie müssen motiviert, statt immer schärferer ordnungspolitischer Kontrolle unterworfen zu werden.»
3. Die Medizin dient der ganzheitlichen Gesundheit
«Die Medizin heute ist zu häufig auf singuläre Probleme fixiert.»
«Es kann sogar Geld, vor allem aber Arztzeit, eingespart werden, wenn wir Prävention stärker in den Fokus stellen und dadurch verhindern, dass chronisch Erkrankte zu Akutfällen werden. Es braucht dringend Anreize hin zu mehr Vorsorge und Gesunderhaltung, statt den Fokus auf die Linderung von Beschwerden und Krankheiten zu setzen.»
4. Informierte Patienten
«Unnötig ungesunde Lebensweise bzw. die Folgen davon sind mittlerweile zum hauptsächlichen Betätigungsfeld aller Beschäftigten im Gesundheitswesen geworden. So verbringen wir einen Großteil unserer Arbeitszeit mit einer kleinen Minderheit der Patienten, die gleichzeitig die Hauptkosten verursachen. Nicht immer sind diese selbstverschuldet, aber in einem viel zu hohen Masse sind chronischen Krankheiten vermeidbar.»
«Patienten werden in Praxen und Krankenhäusern mit zu vielen Anliegen vorstellig, die keine Notfälle sind und daher auch keiner direkten Behandlung bedürfen. Trotzdem reduzieren sie damit die zur Verfügung stehende Arztzeit für diejenigen, die sie tatsächlich bedürfen. Wir unterstellen keine böse Absicht, sondern schlicht mangelndes Wissen. Dieses Wissen muss Patienten übersichtlich, in einfacher Sprache und unabhängig der sozialen Herkunft zugänglich gemacht werden, damit sie zum einen gesundheitsbewusste Entscheidungen für sich treffen können und zum anderen mit der Ressource Arztzeit verantwortlich umgehen können.»
5. Zeitgemässes Arbeiten
«Das Gesundheitswesen der Zukunft muss als Kernelement der Transformation digital und menschlich werden. Dieser unaufhaltsame Prozess des Einzugs von digitalen Anwendungen und von KI in die tägliche Versorgung braucht eine offene Ärzteschaft und strategisch denkende Entscheidende, um nicht dem freien Markt die Initiative zu überlassen und im schlimmsten Fall eine parallele Versorgung neben der im Gesundheitswesen zuzulassen.»
6. Die Kunst des ärztlichen Handelns und Denkens bewahren
«In den letzten Jahrzehnten kamen bereits viele technische Innovationen hinzu, welche die ärztliche Untersuchung vermeintlich vernachlässigbar machten. Bei den jungen Ärztinnen und Ärzten sind daher schon heute deutliche Defizite im Erkennen von Auskultationsbefunden, Palpationsbefunden oder auch der allgemeinen körperlichen Untersuchung erkennbar - schlicht, weil diese Fähigkeiten unzureichend gelehrt wurden und im klinischen Alltag - auch aus juristischen Gründen - ihren Stellenwert eingebüsst haben.»
«Die Ärzteschaft sollte auf diese grundlegenden Fähigkeiten einen besonderen Fokus in der Aus- und Weiterbildung legen.»
7. Entlastung vom Arbeitsdruck
«Wir fordern eine klar strukturierte, funktionsfähige Entlastung, die Raum für Weiterbildung und gute Versorgung schafft. Das kann unter anderem durch Umverteilung, Umstrukturierungen und klügere Einsetzung des vorhandenen Personals ermöglicht werden.»
8. Attraktivere Arbeitsplätze
«Die Arbeitsplätze müssen insgesamt deutlich attraktiver werden. Sie sind zu selten zeitgemäss. Wo Arbeitszeitmodelle angepasst werden können, ist das eine absolute Notwendigkeit, um auch zukünftig Personal zu gewinnen.»
9. Weniger Büroarbeit
«Ärzte und Ärztinnen wenden so viel Zeit für Mehrfachdokumentation auf, dass der Dokumentationsaufwand zunehmend die Zeit des Patientenkontaktes überschreitet. Durch eine adäquate Digitalisierung, einen reduzierten Dokumentationsdruck und dafür vorgesehenes Personal, kann wieder Zeit für Arzt-Patienten-Interaktion gewonnen werden.»
10. Interprofessionellen Teams
«Krankenhäuser und Praxen müssen Raum schaffen für interprofessionelle Zusammenarbeit. Nur so können Fehler vermieden und Patienten optimal behandelt werden. Ausserdem braucht es auch hier digitale Lösungen, damit auch bei Wegfall einer Besprechung alle nötigen Patienteninformationen allen zugänglich sind»
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