Spitäler: Höhere Todesraten bei älteren Ärzten

Neue Daten zur Debatte um die Mindestfallzahlen: Die «Lifetime experience» könnte weniger wichtig sein als gedacht – die jährlichen Behandlungen eines Arztes wären aber umso bedeutender.

, 19. Mai 2017, 07:20
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Patienten, die von älteren Ärzten behandelt werden, haben höhere Mortalitätsraten. Diese durchaus brisante Aussage entstammt einer grossen Datenauswertung von Harvard-Forschern. Allerdings gibt es eine entscheidende Einschränkung: Bei Ärzten, die grosse Patientenzahlen betreuen, spielt der erwähnte Zusammenhang nicht.
Die Studie über Parallelen zwischen «physician age and outcomes» wurde soeben im BMJ veröffentlicht. Auf den ersten Blick wirkt die Statistik irritierend. Sie besagt: Auf 77 Patienten, welche von Ärzten im Alter über 60 behandelt werden, gäbe es einen Todesfall weniger, wenn die Patienten von einem Arzt unter 40 betreut würden.

Mortalität, Wiedereintritte, Kosten

Konkret erfasste ein Team um Harvard-Mediziner Yusuke Tsugawa die Daten von rund 740’000 älteren Spitalpatienten. Dabei fokussierten die Wissenschaftler auf die Mortalität und die Wiedereintritte innert 30 Tagen, ferner auf die Kosten. Auf der anderen Seite verglichen sie das Alter der jeweils behandelnden Spitalärzte – knapp 19’000 an der Zahl.
Deren Durchschnittsalter lag bei 41, wobei sich Tsugawa et al. auf angestellte Spitalärzte konzentrierten, ferner auf Belegärzte, die schwergewichtig in Krankenhäuser tätig waren. 


«Die Patientencharakteristiken waren in allen Altersgruppen gleich», halten die Autoren sicherheitshalber fest. Nach Einberechnung anderer möglicher Faktoren auf Patienten-, Arzt- oder Spitalseite erreichte die 30-Tage-Mortalität:

  • bei den jüngeren Ärzten unter 41: 10,8 Prozent;
  • bei Ärzten zwischen 40 und 49: 11,1 Prozent;
  • bei Ärzten zwischen 50 und 59: 11,3 Prozent;
  • bei Ärzten über 60: 12,1 Prozent.

Zugleich unterteilten die Harvard-Mediziner die Ärzte noch in drei Gruppen: Einerseits jene, die jährlich weniger als 90 Spitalpatienten betreuten; andererseits jene, die bis 200 Patienten betreuten; und schliesslich jene, die 201 und mehr Patienten betreuten.
Nun verschwanden all die Alters-Differenzen auf Patientenseite. Das heisst: Unter den Medizinern mit einem hohen «Volumen» gab es keine Beziehung von Alter und Mortalität.

«…should be regarded as exploratory»

Dies würde also andeuten, dass der Aspekt der «Lifetime experience» vielleicht weniger von Bedeutung ist als dies in den laufenden Debatten um Mindestfallzahlen oft angeführt wird; auf der anderen Seite jedoch wären die jährlichen Fallzahlen pro Operateur ein entschieden wichtiges Qualitätskriterium.
Doch dies sind ohnehin nur Tendenzen. Das BMJ teilt in einem Communiqué zur Publikation selber mit, dass die Ergebnisse nicht übergewichtet werden sollten: «they should be regarded as exploratory».
In der Tat – dass keine allzu hurtigen Zusammenhänge hergestellt werden sollten, dies deutet auch ein weiteres Ergebnis der Studie an: Bei den Wiedereintritten innert 30 Tagen (also auch den Rückfällen) liessen sich keine Zusammenhänge mit dem Alter des Arztes feststellen.
Die Kosten wiederum fielen bei älteren Mediziner etwas höher aus.
Zum Thema ein Dokumentarfilm: «Making Rounds» |  USA 2015, 66 Minuten
Dieser Film ist ein Lob der Anamnese: Er beobachtet die Kardiologen Valentin Fuster und Herschel Sklaroff, beide über 70, bei ihrer Arbeit – und wie sie der nächsten Generation ihre wichtigste Erkenntnis ans Herz legen. Nämlich dass der Besuch am Bett des Patienten über alles entscheidet.
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