Raus aus dem Bett! Und Schluss mit dem Nachthemd!

Spitalpatienten liegen zu viel, sie sind zu passiv: Von England aus greift eine Sensibilisierungs-Kampagne aus, die Schluss machen will mit der Nachthemden-Kultur.

, 8. Mai 2017 um 07:36
image
  • pflege
  • patientenzufriedenheit
  • spital
Ausgangspunkt war das Universitätsspital von Nottingham, aber mittlerweile haben sich mehrere Krankenhaus-Gruppen des englischen NHS-Systems der Aktion angeschlossen: Mit der Kampagne «End PJ Paralysis» sollen die Patienten der Akutspitäler zu mehr Aktivität veranlasst werden.
Das heisst konkret: Wenn immer möglich sollen die Patienten normal gekleidet sein – keine Nachthemden oder Pyjamas, also «PJ». Und sie sollen aufstehen, herumgehen, aktiv sein, etwas tun oder zumindest sitzen statt liegen – Schluss mit der Paralyse.

Kleine Aktivität, raschere Entlassung

Es sei eine ganz einfache Idee mit grossem Patientennutzen, sagte die stellvertretende Pflegechefin des Universitätsspitals der «Nottingham Post»: «Wir wissen, dass wenn die Patienten in ihren Pyjamas oder Nachthemden bleiben, haben sie höhere Infektionsrisiken, sie verlieren Fitness und Kraft, und ihr Aufenthalt verlängert sich.»
Die Pflegeteams ermutigen also die Patienten zu Aktivitäten und insbesondere dazu, Alltagskleidung zu tragen. «Selbst diese einfache Aktivtität kann eine grosse Wirkung entfalten, und es bereitet sie auf eine Entlassung vor», sagte die Betriebschefin des Queen Elisabeth Hospital in Birmingham einer örtlichen Radiostation. 

Bettlägerigkeit gleich Muskelschwund

Und wie es bei solchen Aktionen ist: Nun soll sich die Sache weltweit verbreiten. Die NHS-Pflegefachleute haben eine Social-Media-Kampagne lanciert, so dass unter dem Hashtag #endPJparalysis auch andere Spitäler und Institutionen erfasst werden sollen. Mittlerweile haben sich auch schon Institutionen aus Neuseeland und Australien angeschlossen.
Die Idee ist ja nicht ganz neu. Dass die Bettruhe an sich zum Gesundheitsproblem werden kann, wurde in der Forschung schon seit Jahrzehnten beschrieben – wie ein Artikel im BMJ jetzt wieder darlegte. In der Geriatrie ist bekannt, dass schon wenige Tage der Bettlägerigkeit genügen, um die Muskelkraft signifikant zu senken. 


Nun sollte man andererseits meinen, das Problem entschärfe sich auch dadurch, dass heute weniger stationäre Behandlungen nötig sind und die Aufenthaltszeiten kürzer werden. Aber hier bringt die #endPJparalysis-Aktion einen anderen Aspekt ans Licht: Mit dem Personalmangel einerseits und dem höheren Durchschnittsalter der Patienten andererseits steige die Neigung, die Menschen letztlich wieder länger im Bett liegen. Dies eine Analyse der Initianten in England.

An der Aufenthaltsdauer liegt es nicht

Denn natürlich waren die bekannten beziehungsweise drohenden Engpässe des englischen NHS-Systems eine tiefere Ursache hinter der Aktion. «Heutzutage sind Bett-Aufenthalte mit grösserer Wahrscheinlichkeit ein ungewolltes Nebenprodukt verschiedener Zwänge auf ein dezimiertes Pflegepersonal», kommentierte ein Geriater im BMJ.
Dennoch: Das Thema geht auch andere an. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der stationären Patienten liegt in den englischen Spitälern bei 6,9 Tagen; sie ist also jetzt schon signifikant tiefer als in Deutschland oder Frankreich – und auch als in der Schweiz, wo der Wert bekanntlich bei gut 8 Tagen liegt.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image
Gastbeitrag von Ronald Alder

Kürzere Arbeitszeiten sind auch nicht die Lösung

Die Politik sieht das Gesundheitswesen unterm Kostenröhrenblick, die Gewerkschaften haben den Arbeitszeitenröhrenblick. Und so werden die wahren Probleme übersehen.

image

Hochspezialisierte Medizin: Warnschuss aus dem Thurgau

Die Kantonsregierung prüft den Austritt aus der Interkantonalen HSM-Vereinbarung. Und sie vermeldet den Unmut weiterer Kantone.

image

Klinik Hirslanden: Philippe Diserens neu im Management

Der Gesundheitsökonom übernimmt die Leitung des Performance Management.

image

Behandlungsrekord am Kantonsspital Baden

Mehr stationäre Patienten, eine Zunahme der ambulanten Konsultationen, weniger Notfälle – und mehr Benefits für die Angestellten.

image

KSGL: «Wir wollen üsärs Spital retten!»

Die Personalkommission des KSGL stellt sich hinter ihr Spital und kritisiert das Vorgehen des SBK.

image

Gewalt im Spital: Es betrifft nicht nur den Notfall

Und die Lage ist am Wochenende keineswegs besonders kritisch. Eine grosse Datenauswertung in den USA setzt neue Akzente.

Vom gleichen Autor

image

Kantone haben die Hausaufgaben gemacht - aber es fehlt an der Finanzierung

Palliative Care löst nicht alle Probleme im Gesundheitswesen: … Palliative Care kann jedoch ein Hebel sein.

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.