«Patient beschimpft mich»

Als Dank für ihre Hilfe müssen sich Ärzte und Pflegende mitunter beschimpfen oder sogar schlagen lassen. Doch rabiate Patienten sind im Klinikalltag noch immer ein Tabu. Ein österreichisches Spital zeigt, wie mit Gewalt am Krankenbett offensiv umzugehen ist.

, 17. November 2015 um 12:00
image
  • spital
  • pflege
Gewalttägige Übergriffe und Belästigungen durch Patienten gehören in den Spitälern immer noch zu den Dunkelziffern. Zu selten reden die Helfer in ihren weissen Kitteln über pöbelnde, drohende oder schlagende Patienten. Diese verhalten sich zuweilen nicht nur aus Krankheitsgründen aggressiv, sondern auch aufgrund psychologischer Probleme oder unter Einfuss von Medikamenten.
Das Krankenhaus St. Josef im österreichischen Braunau macht vor, wie sich das Spitalpersonal aus dem Würgegriff der Patienten befreien kann. Belästigungen werden dort systematisch erfasst, und zwar auf so genannten «Formblättern zur Dokumentation von herabwürdigendem Verhalten». 
Die Zeitung Der Standard hat einige Muster daraus veröffentlicht: 

  • «Patient schlägt mit der Faust gegen meinen Hals»
  • «Patient uriniert absichtlich vor die Tür des Dienstzimmers»
  • «Patientin beschimpft mich als "faule Sau", weil ich keinen Apfeltee habe»
  • «Patient schlägt gezielt in den Genitalbereich»
  • «Frau Sch. fragte mich, ob ich am Penis auch Tattoos hätte»
  • «Patient greift mir beim Waschen wiederholt auf die Brust»

141 Fälle sind allein im ersten Halbjahr 2015 in Braunau dokumentiert worden, welche aber nicht einfach zu den Akten gelegt werden. Als eines der ersten Krankenhäuser geht das Spital mit dem Thema Gewalt am Krankenbett sehr offensiv um. 

Personal muss sich nicht alles gefallen lassen

«In vielen Fällen werden diese teils massiven Übergriffe stillschweigend hingenommen», sagt Sylvia Aigner, stellvertretende Pflegedirektorin am Krankenhaus St. Josef, gegenüber dem Standard. Grund dafür sei, dass die Toleranzgrenze bei den dienenden Berufen meist sehr hoch sei. 
Mit einem so genannten Deeskalationsmanagement versucht die Spitalleitung nun, die Mitarbeiter zu schützen. Ziel sei es, ein Umdenken zu erreichen, dass sich das Personal nicht alles gefallen lassen müsse. 
Dazu dient einerseits das erwähnte Formblatt, mit dem Übergriffe unkompliziert gemeldet und dokumentiert werden können. Anderseits tritt ein «Nofallplan» in Kraft. Dabei gibt es ein Gespräch zwischen Vorgesetzten und Betroffenen und auch mit den Patienten. 

Die meisten Patienten entschuldigen sich

Interessanterweise zeigen sich diese meistens einsichtig. Gut 90 Prozent entschuldigen sich in Braunau für ihre Übergriffe. Bei massiven, meist sexuellen Übergriffen wird den Mitarbeitenden geraten, die Polizei einzuschalten. 
Auch die Prävention soll verbessert werden. Im Training mit Deeskalationsexperten lernen Ärzte und Pfleger, Konfliktsituationen rechtzeitig zu erkennen und zu entschärfen.
Eine vor fünf Jahren durchgeführte europäische Studie zeigte auf, dass 78 Prozent der Mitarbeitenden in Gesundheitseinrichtungen schon einmal verbal attackiert oder beschimpft wurden. 44 Prozent der Befragten gaben an, sie seien während der Ausübung ihres Berufs mit tätlichen Angriffen konfrontiert gewesen. 
(Bild: Flickr CC)
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Spital Samedan prüft Zusammenschluss mit Kantonsspital Graubünden

Die Stiftung Gesundheitsversorgung Oberengadin untersucht zwei strategische Wege in eine nachhaltige Zukunft.

image

Pflegemonitoring: Die Lage der Pflege auf einen Klick

Ein neues Tool macht die wichtigsten Daten zum Pflegeberuf greifbar – interaktiv und ganz einfach.

image

Kantonsspital Aarau: Mehr Betten im Neubau

Wegen einer «unverändert hohen Patientennachfrage» plant das KSA nun doch mehr Betten.

image

Hirslanden: Umbau an der Spitze – näher zu den Regionen

Hirslanden-Zürich-Direktor Marco Gugolz zieht als Regional Operations Executive in die Konzernleitung ein.

image

Was geschieht mit dem Spital Thusis?

Die Stiftung Gesundheit Mittelbünden sucht Wege aus der finanziellen Krise – beraten von PwC. Ein Entscheid soll im Herbst fallen.

image

CSEB: «Herausfordernd, aber zufriedenstellend»

Trotz roten Zahlen und leicht rückläufigen Patientenzahlen gibt sich das Center da sandà Engiadina Bassa optimistisch.

Vom gleichen Autor

image

Pflege: Zu wenig Zeit für Patienten, zu viele Überstunden

Eine Umfrage des Pflegeberufsverbands SBK legt Schwachpunkte im Pflegealltag offen, die auch Risiken für die Patientensicherheit bergen.

image

Spital Frutigen: Personeller Aderlass in der Gynäkologie

Gleich zwei leitende Gynäkologen verlassen nach kurzer Zeit das Spital.

image

Spitalfinanzierung erhält gute Noten

Der Bundesrat zieht eine positive Bilanz der neuen Spitalfinanzierung. «Ein paar Schwachstellen» hat er dennoch ausgemacht.