Medizintourismus morgen: Man reist dorthin, wo die Medikamente billig sind

Besuchen Sie die Pyramiden – und kriegen Sie gleich eine Kur gegen Hepatitis C: Die Regierung von Ägypten startet mir grossem Aufwand ein neues Tourismus-Projekt. Was, wenn dieses Modell Schule macht?

, 1. März 2017 um 07:07
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Wenn jemand mit der wirklich grossen Kelle werben will, dann holt er Lionel Messi. Und so ist es doch etwas verblüffend, für was der Fussballgott des FC Barcelona jetzt wirbt: für Hepatitis-C-Kuren.
Messi reiste vor wenigen Tagen nach Ägypten, um von dort ein attraktives Angebot zu bewerben: Kommt hierher, schaut Euch das Land, seine Sehenswürdigkeiten und Pyramiden an – und dazu bekommt ihr auch eine Sovaldi-Kur. So die Botschaft.

Preise ab 6'000 Franken

Es geht um ein Programm, welches die ägyptische Regierung unter dem Titel «Tour 'n’ Cure» lanciert hat. Wer infiziert ist,  kann sich ab rund 6'000 Franken eine Reise ins Land der Pharaonen plus die Befreiung vom Virus organisieren.
Bei einer Präsentation sagte ein Beteiligter zu einem lokalen Newsdienst, dass man mit dem Programm bis zu 120'000 Gäste aus Europa und Asien anzulocken hofft. Klar wird, dass dies nicht etwa eine Goodwill-Aktion ist, sondern eher den darbenden Tourismussektor beleben soll. Zuständig ist denn nicht etwa das Gesundheitsministerium, sondern der Tourism Board von Ägypten.

Auch für Schweizer Patienten?

Der Hintergrund ist klar: Eine Hepatitis-C-Standardtherapie kostet in westlichen Ländern mehrere zehntausend Franken pro Patient. Deshalb gibt es vielerorts eine Limitatio – die Therapie wird von den Krankenkassen beziehungsweise Staaten nur unter bestimmten Bedingungen finanziert. Wir kennen das ja aus der Schweiz.
Für viele Betroffenen bleibt also nur die Möglichkeit, zu warten und zu leiden – oder aber die Medikamente selber zu beziehen und zu bezahlen. Wie bekannt, reisten schon einzelne Schweizer Patienten nach Indien, um dort zu günstigen Medikamenten zu kommen.
Ob stattdessen ein Ausflug zu den Pharaonen auch für hiesige Patienten attraktiv sein könnte? Daniel Horowitz, der Präsident der Hepatitis C Vereinigung, ist skeptisch: «Die Patienten, die sich an uns wenden, wollen in erster Linie schnell geheilt werden und nicht unbedingt in ferne Länder reisen». Und mit dem «Buyers Club» FixHepC stehe doch eine preisgünstige und von Swissmedic abgesegnete Möglichkeit des Parallel-Imports zur Verfügung. 
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Hepatitis-C-Behandlung für 1'600 Dollar: Website des «Buyers Club» FixHepC.
Ob Nil-Reisen oder «Buyers Clubs», bei denen die Medikamente online versandt werden: Es ist beide Male dasselbe Phänomen. In der Ökonomensprache nennt man es Arbitrage: Wenn die Preise zwischen verschiedenen Gegenden zu hoch werden, entsteht ein professioneller Zwischen- und Nebenhandel, der die Differenz ausnützt.
Gut möglich, dass dieses Phänomen noch massive Folgen auf die Medikamentenpreise haben könnte – und wir jetzt mit Lionel Messi einfach eine neue Spitze der Entwicklung sehen.

Hepatitis-Hot-Spot Ägypten

Im Hintergrund steht auch, dass Ägypten ein Hot Spot des Hepatitis C ist: Wegen missratener Vorbeuge-Programme gegen Bilharziose in den Siebziger- und Achtzigerjahren sind heute über 10 Prozent der Bevölkerung mit dem Virus infiziert, und jedes Jahr stecken sich schätzungsweise 150'000 Menschen neu an. Eine frühzeitige Kur böte also unzweifelhaft Segen.
Der Pharmakonzern Gilead, bekannt durch die Hepatitis-Mittel Sovaldi und Harvoni, hat im Rahmen einer «Ausrottungs-Kampagne» mehreren Pharmaherstellern aus Indien die Lizenz erteilt, ein Sovaldi-Generikum für bestimmte Länder unter Lizenz herzustellen und den Preis selber zu bestimmen; Gilead erhält einfach 7 Prozent des Verkaufspreises als Lizenzgebühr.

Etwa 900 Franken für die lokale Bevölkerung

Die ägyptische Regierung erhält das Medikament also nicht von den Amerikanern direkt, sondern aus Indien – zu einem Preis von etwa 4 Dollar pro Pille. Den ägyptischen Patienten wird eine Therapie derzeit für etwa 900 Franken verkauft.
Wie weit dabei vorgesehen war, dass Tabletten in ein Tourismusangebot verwandelt werden, ist die andere Frage. Lionel Messi jedenfalls präsentiert seine Werbung durchaus auch als Hilfs-Aktion. Unter Hastags wie #stopthewait und auf seiner Facebook-Seite weist er selber darauf hin, dass Millionen Menschen leidend auf eine Hepatitis-C-Therapie warten.

«Entspannenden Aufenthalt im 5-Sterne-Hotel»

Allerdings stellt der Imagefilm von «Tour 'n’ Cure» unmissverständlich klar, dass sich dieses Angebot wirklich nicht an Menschen aus Ländern mit schlechter medizinischer Versorgung richtet, sondern an sehr vermögende Personen, die zwischen Designermöbeln leben.
Die Hepatitis-Therapie, heisst es denn auch auf der Website, sei eine Chance, «in den Tagen der Behandlung die Schönheit Ägyptens zu geniessen und historische Sehenswürdigkeiten zu besuchen, bei einem entspannenden Aufenthalt in einem 5-Sterne-Hotel».

Designer-Möbel:Lionel Messi im Werbefilm für Hepatitis-C-Reisen nach Ägypten


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