«Machen Sie mehr Herz und weniger Diabetes!»

Wie wirkt sich der ökonomische Druck konkret im Alltag aus? Das verrieten jetzt deutsche Ärzte in einer Studie. Die krassen Fälle sorgen für Aufsehen, die Ärzteschaft fordert nun erneut einen Umbau des DRG-Systems.

, 15. November 2017, 11:00
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Auch in der Schweiz werden viele Chefärzte an Fallzahlen gemessen und verspüren entsprechenden Druck, entweder rückblickend im Jahresgespräch oder vorausschauend in der Jahresplanung. Zumindest in kleinem Kreis erzählen die betroffenen Kaderärzte oder Klinikchefs dann beispielsweise, dass die Direktion für das kommende Jahr eine Steigerung bestimmter Eingriffe um x Prozent fordert.
Dahinter wiederum steht der Druck auf die Spitäler, Einnahmen zu generieren, die Auslastung im stationären Bereich zu halten, zusatzversicherte Patienten zu bekommen oder Mindestfallzahlen zu erfüllen.
Diese Problematik kennt bekanntlich auch das Nachbar- und DRG-Land Deutschland. Interessant wird deshalb eine kleine qualitative Studie, welche zwei Gesundheitsökonomen der Uni Bremen erarbeiteten: Karl-Heinz Wehkamp und Heinz Naegler befragten 61 Ärzte und Geschäftsführer von Kliniken zu ihrer Realität – also zum Verhältnis von Ökonomie und Medizin in den Spitälern von heute.


Die Aussage war dabei klar: Ärztliche Entscheidungen werden durch wirtschaftliche Überlegungen beeinflusst. Und manche medizinische Entscheidung würde ohne Kostendruck anders ausfallen.

«…die müssen weg bis Weihnachten!»

Interessant sind nun die ganz konkreten Ebenen, in denen sich der Vorrang der Ökonomie niederschlug. Grundsätzlich bedeutet dies erstens: Die Ärzte bieten eher gewinnbringende Behandlungen an als günstigere (und teils einfachere) Therapien. Zweitens werden Patienten stationär eingewiesen, obwohl dies medizinisch nicht notwendig ist. Und drittens werden teils Patienten aus rein wirtschaftlichen Motiven operiert, obwohl die Ärzte selber einen invasiven Eingriff nicht nötig finden.
Konkrete Fälle waren etwa:

  • In einem Krankenhaus drängte der Chef auf Kaiserschnitte, um die Bettenbelegung in der Neonatologie zu steigern.
  • In einem anderen Spital – so berichtete Karl-Heinz Wehkamp auf «Medscape» – kam der Geschäftsführer im Spätsommer auf die Ärzte zu und klagte, «dass wir noch 50 künstliche Hüften am Lager haben. Die müssen bis Weihnachten weg!»
  • Auf der Gegenseite berichteten die Forscher von Fällen, wo Patienten mit Beckenbruch nach Hause geschickt würden, weil die Spitalbehandlung nicht lukrativ genug sei.
  • In einem weiteren Krankenhaus schlug der Radiologe vor, bei allen Patienten ab einem bestimmten Alter die Hüften zu röntgen.
  • In noch einem Spital sei der leitende Kardiologe durch die anderen Stationen gegangen und habe gefordert, Patienten selbst bei geringsten Anlässen zur Herzkatheter-Untersuchung anzumelden.

 

Ganz offen bestätigte der Geschäftsführer des Klinikums Dortmund, Rudolf Mintrop, im «Berliner Kurier» den Eindruck: «Der Unternehmensberater sagt einem dann: ,Bitte machen Sie mehr Herz und weniger Diabetes‘ – zum Beispiel». 

«Ärzte sind keine Kaufleute»

Die deutsche Ärzteschaft nahm die Studie zum Anlass, Wind zu machen gegen die betriebswirtschaftliche Logik und die «Stückzahl-Mentalität» in den Spitälern: «Patienten sind keine Kunden und Ärzte keine Kaufleute», schrieb die Ärztekammer in einem Statement – und forderte eine fundamentale Revision des DRG-Systems. Der Verband der deutschen Spitäler – die DKG – wehrte sich andererseits mit dem Hinweis, dass die Daten der Studie wissenschaftlich kaum untermauert seien.
Was bedeutet dies für die Schweiz? Wohl dass es sich lohnen würde, den gleichen Fragen auch hier mit einer kleinen Umfrage nachzugehen. Interessanterweise stiessen die Bremer Forscher unter den Ärzten nicht etwa auf eine Omertà, nein: Die Mediziner hatten ein grosses Interesse, zu erzählen. «Wir hätten noch viel mehr Ärzte interviewen können. Die meisten hatten geradezu ein Bedürfnis darüber zu sprechen, um Öffentlichkeit und Politik wachzurütteln», sagte Karl-Heinz Wehkamp auf NDR
Es zeigte sich also, dass die Ärzte selber unter der Lage leiden – zumal sie sie oft sogar alleine bewältigen müssen. «Viele Geschäftsführer dürfen oder wollen bestimmte Dinge nicht wissen, die auf den Stationen passieren», sagte Karl-Heinz Wehkamp zu «Medscape». «Etwa wenn die Dauer einer künstlichen Beatmung verlängert wird, um eine höhere DRG auszulösen.» 
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