Josef Widler: «So viel kann man den Spezialisten nicht wegnehmen»

Der Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft AGZ ging in einem Interview auf zwei Kernfragen der Tarmed-Debatte ein: Warum soll es nicht möglich sein, den Tarif kostenneutral zu revidieren? Und: Ist es nicht illusorisch, wenn Hausärzte heute auf mehr Geld hoffen?

, 9. November 2016, 14:36
image
  • praxis
  • tarmed
Ein neuer Ärztetarif, der kostenneutral ist – das geht nicht: Dies eine Kernaussage des Interviews, das Josef Widler heute im «Tages-Anzeiger» veröffentlicht hat. Der Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft wendet sich darin gegen die inhärenten Vorwurf, dass die Ärzte zu geldgierig seien – sowie hauptschuldig an den Kostensteigerungen im Gesundheitswesen: «Das Ärztebashing muss endlich ein Ende haben.»
Beim Tarmed-Dossier rechnet Widler vor, dass es viel zuwenig Spezialisten gibt, um die Hausärzte und Psychiater «dorthin zu bringen, wo sie hingehörten». Man könne den Spezialisten nicht so viel wegnehmen. 

  • Zum ganzen Interview: «Das Ärztebashing muss endlich ein Ende haben», in: «Tages-Anzeiger», 9. November 2016.

Die Grundversorger mussten in den letzten Jahren einen massiv tieferen Taxpunktwert hinnehmen – die Spezialärzte verdienten indessen zunehmend mehr, insbesondere durch Effizienzsteigerungen. Zwar seien sich die Spezialisten bewusst, «dass sie Fett lassen müssen», so Widler: «Aber es reicht eben nicht. Deshalb sind wir gegen den neuen Tarif aufgestanden.»
Was zum Ausgangspunkt zurückführt, dass die Kostenneutralität zwar eine Bedingung von Alain Berset an den neuen Tarif ist – aber für Widler eben unmöglich.

Unternehmerlohn versus Oberarztlohn

Warum? Genügt der heutige Medianlohn eines Allgemeinmediziners von 200'000 Franken nicht? So dann die Gegenfrage im Interview.
Nein, argumentiert Widler, der im Hauptamt Hausarzt in Zürich-Altstetten ist: Denn dies sei lediglich ein Unternehmerlohn. «Er ist nicht zu vergleichen mit dem Lohn eines angestellten Arztes wie einem Oberarztlohn.» 
Und weiter: «Wenn nämlich der selbstständige Arzt ein halbes Jahr krank ist, bekommt er zwar den Lohnausfall durch seine Versicherung bezahlt. Doch wenn er wieder zu arbeiten beginnt, hat er kein Einkommen mehr – weil seine Patienten in der Zwischenzeit den Arzt gewechselt haben.»

Fingerzeig auf Spitalambulatorien

Und so kommt eine weitere, selten offen ausgesprochene Kernfrage der Tarmed-Debatte auf: «Ist es nicht illusorisch, zu glauben, dass die Praxisärzte künftig mehr Geld bekommen werden als heute?» Antwort des AGZ-Präsidenten: «Ich glaube nicht. Man hat heute immerhin schon eingesehen, dass die grosse Steigerung der Kosten nicht bei uns, sondern in den Spitalambulatorien stattfindet.»
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

So sieht eine Kinderpraxis mit Design-Preis aus

Eine Solothurner Arztpraxis hat den renommierten Designpreis «Red-Dot-Award» erhalten. Medinside zeigt, wie die preisgekrönte Gestaltung aussieht.

image

Drei Fragen an...die FMH-Präsidentin Yvonne Gilli

Yvonne Gilli möchte sich ihre ärztliche Freiheit nicht mit noch mehr Gesetzen einschränken lassen. Als FMH-Präsidentin könne sie Gegensteuer geben, hofft sie.

image

Dieser Arzt leitet die derzeit grösste mobile Notfallstation

Eine so grosse mobile Notfall-Praxis gab es in der Schweiz noch nie: Sie steht im Pfadilager im Goms und wird von einem versierten Veranstaltungs-Arzt geleitet.

image

Die Doktorhuus-Gruppe hat nun einen ärztlichen Leiter

Die Hausarzt-Gruppe Doktorhuus ernennt einen ärztlichen Leiter: Es ist der Bätterkinder Hausarzt Rolf Zundel. Er hat bereits Erfahrung mit Praxis-Gruppen.

image

Spitalbetreiber eröffnet eine weitere Arztpraxis

In Stein im Kanton Aargau wird das Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) eine zusätzliche hausärztliche Praxis betreiben. Derzeit läuft die Rekrutierung von Mitarbeitenden für die ambulante Praxis.

image

Praxisangestellte arbeiten am Limit

Die Patienten drängen auf Termine und lassen oft ihre Wut an ihnen aus: Deshalb haben immer mehr Medizinische Praxisangestellte genug und steigen aus.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.