Immer mehr Spitäler in der Schweiz führen eine «Du-Kultur» ein

In gewissen Spitälern ist das offizielle Duzen Standard, während andere es den Mitarbeitenden überlassen. Seit Anfang Jahr sprechen sich auch im Gesundheitszentrum Fricktal alle Mitarbeitenden mit «Du» an.

, 17. Januar 2022, 06:48
image
  • spital
  • gesundheitszentrum fricktal
Immer mehr grosse Schweizer Unternehmen lassen das Siezen weg und ordnen das Duzis sanft von oben an. Zu nennen sind etwa die SBB, die Swisscom oder der Krankenversicherer Sanitas. Mit dem Start ins neue Jahr hat neu auch das Gesundheitszentrum Fricktal (GZF) eine «Du-Kultur» unter den Mitarbeitenden eingeführt. 
Es ist nicht das erste Spital mit einer offiziellen Regelung zum Duzen. Bereits seit zwei Jahren sind alle Mitarbeitenden im Kantonsspital Winterthur (KSW) über alle Hierarchiestufen hinweg per «Du»: Vom Spitaldirektor über die Pflegenden und die Ärzteschaft bis hin zu den Mitarbeitenden aller Verwaltungs- und Supportbereiche.
Der Entscheid fürs Duzen im Aargauer Spital GZF hat nicht allein die Geschäftsleitung gefällt, teilt das Gesundheitszentrum mit. Die Einführung des Duzis basiert auf einer Abstimmung, bei der rund 80 Prozent der Belegschaft mitmachte. Und wiederum knapp 80 Prozent davon sprach sich eindeutig für das «Du» aus, die anderen 20 Prozent hätten weiterhin das «Sie» bevorzugt.

Viele Spitäler handhaben es wie die Bündner

Andere Spitäler kennen diesbezüglich (noch) keine offizielle Regelung. Das Kantonsspital Graubünden (KSGR) etwa handhabt dies «wie überall in Graubünden unkompliziert». Es werde sehr schnell Duzis gemacht, teilt die Medienstelle auf Anfrage mit. Auch das Kantonsspital Baselland (KSBL), das Kantonsspital St. Gallen (KSSG) oder das Spital Bülach schreiben gegenüber Medinside, dass das Spital keine Regeln vorgebe. Es werde aber in vielen Bereichen unter den Mitarbeitenden informell eine «Du-Kultur» gelebt. In St. Gallen zum Beispiel ist insbesondere in der Pflege das «Du» weit verbreitet, wie das Spital schreibt.
Auch grosse Universitätsspitäler wie das Universitätsspital Zürich (USZ) kennen keine offizielle Regelung im Zusammenhang mit einer «Du-Kultur». Das USZ überlässt es seinen über 9'300 Mitarbeitenden, ob sie sich duzen oder siezen, schreibt die Kommunikationsabteilung. Aber auch am Unispital sei das Duzen unter den Mitarbeitenden sehr verbreitet und die «Du-Kultur» dürfte sich zunehmend durchsetzen. 
Wichtiger als «Du» oder «Sie» ist dem Unispital Zürich aber Vertrauen und Respekt zwischen den Mitarbeitenden sowie die Bereitschaft und die Möglichkeit, Fehler anzusprechen und Verbesserungen zu suchen.

In der Romandie läuft es etwas anders

Und wie handhaben es französischsprachige Spitäler? Das Kantonsspital Freiburg (HFR) etwa stellt Unterschiede zwischen deutschsprachigem und Französisch sprechendem Personal fest. Denn es gebe leichte Nuancen was das «Du» oder «tu» betreffe. 
Unter deutschsprachigen Mitarbeitenden werde eher geduzt. Im Französischen komme es zudem oft vor, dass man sich beim Vornamen anspreche, aber dennoch sieze. Eine offizielle Regelung kennt aber  auch das Freiburger Spital nicht.
Die «Du-Kultur», so das HFR weiter, habe auch mit der Berufsgruppe zu tun: Ärzte, aber auch Pflegepersonal praktizieren das Duzis eher spontaner und viel schneller als die Verwaltung oder andere Berufsgruppen. Ebenso eine Rolle für das «Du» oder «Sie» spiele am HFR die Hierarchie oder die Dauer der Firmenzugehörigkeit.

«Du-Kultur» soll auch dem Patienten zu Gute kommen

Für Spitaldirektorin Anneliese Seiler vom Gesundheitszentrum Fricktal, wo sich seit Anfang Jahr alle Mitarbeitenden mit «Du» ansprechen, vereinfacht das Duzis die Kommunikation. Die «Du-Kultur» baue Brücken auch über Teamstrukturen und Fachbereiche hinweg, sagt sie. «Die damit verbundene Nähe untereinander hilft der Zusammenarbeit ungemein», so die Spitaldirektorin weiter. 
Nicht nur die Mitarbeitenden würden davon profitieren, glauben die Verantwortlichen des Aargauer Gesundheitszentrums. Eine durchlässige, offene Kommunikation komme auch den Patienten und Bewohnern des Pflegeheims zu Gute. Patienten werden aber weiterhin mit «Sie» angesprochen, um ihre Privatsphäre zu schützen und eine professionelle Distanz zu wahren.
Urs Genewein, der Chefarzt für Traumatologie und Handchirurgie am GZF, ist überzeugt, dass das Miteinander und die Atmosphäre in einer Klinik ein relevanter Erfolgsfaktor sei, wenn es darum gehe, auch bei hohem Leistungsdruck eine gute Qualität in der Patientenbehandlung zu erreichen. «Das Du hilft uns, Hierarchien zu überwinden, sich nebeneinander zu stellen und sachlich Probleme oder Aufgaben anzugehen», sagt er. 

Das Duzis in Unternehmen hat aber nicht nur Vorteile

Doch für Karriereexperten ist die Frage nach dem Duzen oder Siezen nicht immer so klar zu beurteilen. Das «Sie» erzeuge zwar eine gewisse Distanz. Es stehe aber auch für gegenseitigen Respekt und Höflichkeit, schreibt das Portal «Karriere Bibel» in einem Beitrag. Die Frage nach dem «Du» oder «Sie» in Unternehmend scheidet die Geister auch emotional. Der Tenor ist gemäss Umfragen zudem nicht stets so eindeutig wie das Abstimmungsresultat am Gesundheitszentrum Fricktal.
Denn obwohl das Duzen bei immer mehr Unternehmen Standard darstellt und zur Firmenkultur gehört, nennt das Job- und Karriereportal nebst den Vorteilen auch einige Nachteile vom Duzen im Job.

Vorteile
  • Das Du schafft mehr Vertrautheit untereinander.
  • Die Hierarchien wirken flacher auf die Belegschaft.
  • Die Firmenkultur wird offener – insbesondere für neue Kollegen.
  • Das Gemeinschaftsgefühl und der Teamgeist werden gestärkt.
  • Förmliche Barrieren und Hemmschwellen fallen weg.
  • Insgesamt herrscht ein partnerschaftlicheres Klima.
Nachteile
  • Nicht selten führt es zu falscher Vertrautheit, die manche ausnutzen.
  • Vor allem Frauen stehen zu viel verbaler Nähe deshalb skeptisch gegenüber und betrachten es als Eindringen in die persönliche Komfortzone.
  • Die fehlende verbale Distanz kann den respektvollen Umgang erschweren und verbale Entgleisungen fördern.
  • So manche(r) wird dadurch verleitet, zu viel private Dinge am Arbeitsplatz auszuplaudern.
  • Und nicht zuletzt warnen Soziologen, dass ein Streit bei einem generellen DU leichter unter die Gürtellinie eskalieren kann und viel persönlicher wird als beim förmlichen SIE.
Quelle: Karriereportal Karrierebibel
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Dieses Spital darf nicht so gross werden wie geplant

Es ist zu teuer: Das neue Schaffhauser Kantonsspital muss um 50 Millionen Franken billiger werden. Das hat der Spitalrat beschlossen.

image

Protest in Lausanne: Angestellte des Unispitals wollen mehr Lohn

Rund 250 Mitarbeitende des Universitätsspitals Chuv und Gewerkschaftsvertreter protestieren vor dem Hauptgebäude für einen vollen Teuerungsausgleich.

image

Die HFR-Operationszentren haben einen neuen Chefarzt

Pavel Kricka leitet neu als Chefarzt die Operationszentren des Freiburger Spitals (HFR). Er ist Nachfolger von Rolf Wymann.

image

Kantonsspital Glarus muss neuen Pflegechef suchen

Markus Loosli verlässt das Kantonsspital Glarus – aus privaten Gründen, heisst es.

image

Konflikt zwischen Unispital und Personal wegen Long-Covid

Aufgrund von Long-Covid-Symptomen ist es Pflegekräften nicht mehr möglich, zur Arbeit ins Genfer Unispital zurückzukehren. Die Lösung soll nun offenbar die Entlassung sein.

image

Privatklinikbesitzer gilt als «nicht erfolgreich integriert»

Michel Reybier wird die Einbürgerung verweigert. Der 77-jährige Miteigentümer von Swiss Medical Network war zu schnell mit dem Auto unterwegs.

Vom gleichen Autor

image

Berner Arzt hat Aufklärungspflicht doch nicht verletzt

Im Fall einer Nasen-OP mit Komplikationen verneint das Bundesgericht eine Pflichtverletzung eines Berner HNO-Arztes. Die Vorinstanzen haben noch anders entschieden.

image

Warum hunderte Pflegekräfte derzeit «Rücktrittsschreiben» verfassen

Eigentlich möchten viele Pflegefachpersonen ihrem Beruf gar nicht den Rücken kehren. Doch das System zwingt sie dazu, wie eine aktuelle Kampagne in den USA exemplarisch zeigt.

image

Ärzte erhalten von Ärzten eine Sonderbehandlung

Ärzte als Patienten kriegen bestimmte Privilegien, die andere Patienten oder Patientinnen nicht erhalten würden. Dies sagt die grosse Mehrheit der in einer Studie befragten Ärzte.