Hygiene schlägt Tradition: Das Ende des klassischen Arztkittels

Einer der grössten deutschen Spitalkonzerne entschied, dass seine Mediziner konsequent in kurzen Ärmeln arbeiten sollen. Die Reaktionen lassen ahnen: Das war nur ein Anfang.

, 8. Februar 2016, 14:37
image
  • arbeitswelt
  • spital
  • asklepios
Das nennt man einen effektvollen Auftritt: Letzte Woche gab die Asklepios-Gruppe in Deutschland bekannt, dass sie in ihren rund 150 Spitälern und Reha-Kliniken den berühmten Arztkittel abschafft: Ab April wird das gesamte Personal des drittgrössten Gesundheitskonzerns von Deutschland umgekleidet, und für die Mediziner ist dabei ein kurzärmliges Leibchen, auch «Kasack» genannt, vorgesehen.
Mit dieser Meldung verschaffte sich Asklepios eine grössere Präsenz in der Öffentlichkeit als durch alle wissenschaftlichen, medizinischen oder organisatorischen Bekanntmachungen der Vormonate zusammen. Von Schleswig-Holstein bis hierzulande, von «Bild» bis FAZ wurde der Kleider-Entscheid thematisiert. Die Reaktionen waren – zusammengefasst – vorsichtig positiv, wobei einzelne (wie etwa die «Bild»-Zeitung) erkannten, dass durch diesen Schritt Ärzte und Krankenpfleger ähnlicher werden, «zumindest äusserlich».

«Wenn das tatsächlich so unhygienisch ist…»

Auch in den Social Media wiesen diverse Diskutanten darauf hin, dass dieser Entscheid am Ende vielleicht ein bisschen dazu beitragen könnte, die Hierarchien abzuflachen.
Die deutsche «Ärztezeitung» lancierte bei ihrem Publikum eine Umfrage – und heraus kam, dass nur gut 25 Prozent der Befragten die Tradition verteidigen: So gross war der Anteil jener, die befanden, dass der Kittel erhalten werden solle (Antwortmöglichkeit: «Ja, der Kittel gehört zum Arzt wie das Stethoskop»). Ebenso viele, nämlich gut 26 Prozent, befanden kategorisch, dass der Kittel ausgedient habe – und die restlichen 47 Prozent machten ihr Kreuz bei der Aussage: «Wenn der Kittel tatsächlich so unhygienisch ist, wie Studien es nahelegen, sollten Ärzte auf ihn verzichten».

Das Modell 'Eppendorfer' mit Silberknöpfen

Hygienedruck schlägt Tradition: Dies eine erste Zwischenbilanz. Asklepsios-Konzernchef Kai Hankeln stellte allerdings fest, dass bei den Ärzten viel Überzeugungsarbeit nötig war. «Das ist ein beachtlicher kommunikativer Aufwand», sagte Hankeln gegenüber der DPA. Jüngeren Medizinern falle der Abschied vom traditionellen Kittel leichter, bei Älteren gebe es eine gewisse Hürde, «die sie überspringen müssen.» Dabei sei sogar der Placebo-Effekt als nützliche Nebenwirkung angeführt worden. Mancher Ordinarius hänge eben noch sehr an seinem Modell ‚Eppendorfer’ mit Silberknöpfen.
Ausgangspunkt des Entscheids war interessanterweise eine Patientenumfrage, die im September konzernweit durchgeführt worden war: Danach fürchten sich 65 Prozent der Befragten davor, sich im Spital mit einem multiresistenten Keim anzustecken.

Hierarchie-Indikator auf der Station

Im übrigen, so die Mitteilung aus der Asklepios-Zentrale, folge man Empfehlungen des deutschen Robert Koch-Instituts und der Weltgesundheitsorganisation WHO.
Nun sind, wie man auch hierzulande weiss, kurze Ärmel in den OPs, in den Ambulatorien und Notfallstationen längst gängig: Letztlich geht es darum, den Patientenkontakt über die langen Kittelärmel zu vermeiden. Doch auf den Gängen der Stationen gehört der langärmlige Schoss immer noch zum üblichen Anblick, gewohnt auch für die Patienten.
Die erwähnten Reaktionen lassen ahnen, dass diese Zeiten bald vorbei sein könnten. Und die Sache dreht offenbar weiter. Inzwischen haben diverse deutsche Krankenhäuser angemeldet, dass sie den Arztkittel ebenfalls überprüfen wollen, etwa das Albertinen-Diakoniewerk, das Agaplesion Diakonieklinikum oder das Marienkrankenhaus in Hamburg.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Freiburger Spital muss Operationen verschieben

Das Freiburger Spital HFR sieht keine andere Lösung mehr: Weil alle Betten ausgelastet sind, verschiebt es nicht dringende Eingriffe.

image

Die Rega scheitert im Wallis an Air Zermatt und Air Glacier

Der Kampf der Rettungs-Unternehmen um den Walliser Luftraum ist entschieden: Die Rega erhält keinen Auftrag.

image

Nun macht auch Team der Uroclinic in Wetzikon mit

Die Urologieabteilungen des Zürcher Unispitals und des GZO Spitals Wetzikon nehmen einen dritten Partner auf: Die Uroclinic Wetzikon.

image

Dieses Foto aus dem Zürcher Kinderspital holt einen Preis

Ein Bild der Fotografin Barbora Prekopová vom Kinderspital Zürich erhält die Auszeichnung als «bestes PR-Foto des Jahres 2022».

image

José Oberholzer auf dem Sprung in die Schweiz?

Der Chirurg José Oberholzer soll angeblich die Funktion als neuer Klinikdirektor der prestigeträchtigen Transplantations-Chirurgie am Zürcher Unispital übernehmen.

image

Nationalfonds unterstützt St.Galler Forschung zu «Long Covid»

Natalia Pikor vom Kantonspital St.Gallen erhält vom Nationalfonds Fördergelder in Millionenhöhe. Es ist nicht das einzige geförderte Forschungsprojekt.

Vom gleichen Autor

image

Brust-Zentrum Zürich geht an belgische Investment-Holding

Kennen Sie Affidea? Der Healthcare-Konzern expandiert rasant. Jetzt auch in der Deutschschweiz. Mit 320 Zentren in 15 Ländern beschäftigt er über 7000 Ärzte.

image

Wer will bei den Helios-Kliniken einsteigen?

Der deutsche Healthcare-Konzern Fresenius sucht offenbar Interessenten für den Privatspital-Riesen Helios.

image

Deutschland: Investment-Firmen schlucken hunderte Arztpraxen

Medizin wird zur Spielwiese für internationale Fonds-Gesellschaften. Ärzte fürchten, dass sie zu Zulieferern degradiert werden.