Mit Globalbudget arbeiten Praxen bis zu 20 Prozent gratis

In der Schweiz wird über die Einführung eines Globalbudgets diskutiert. In Deutschland warnt hingegen der oberste Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: «Die Budgetierung muss weg, in all ihren Facetten!» Warum?

, 8. März 2019 um 19:00
image
  • globalbudget
  • spital
  • praxis
  • politik
  • ärzte
Das Globalbudget bleibt nicht nur eine Drohkulisse für das Schweizer Gesundheitswesen. Die Deckelung der Kosten scheint mit dem zweiten Paket des Bundesrates immer mehr Befürworter zu finden. Doch ein Blick nach Deutschland lohnt sich, um sich über die Konsequenzen im Klaren zu werden. Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, beschreibt mit klaren Worten, warum Deutschland das Prinzip der Budgetierung im Gesundheitswesen aufbrechen soll.
Die Bundesrepublik hatte das Globalbudget vor 25 Jahren eingeführt, als Antwort auf die starke Kostenentwicklung. Doch der Unmut der Ärzte über das budgetierte Gesundheitswesen wächst beständig, wie Gassen in einem Beitrag in der «Schweizerischen Ärztezeitung» ausführt. Das Kernproblem: das begrenzte Budget bei unbegrenztem Leistungsanspruch. Denn eine zentrale Frage sei bis heute nicht beantwortet: «Wie vertragen sich der nahezu unbegrenzte Leistungsanspruch der Versicherten und der weitestgehend ungesteuerte Zugang zur ambulanten Gesundheitsversorgung mit der Deckelung der Kosten dieser Versorgung?».

Praxen behandeln Patienten umsonst

Es ist laut Gassen augenfällig, dass sich die Politik scheut, ernsthaft und grundsätzlich darüber nachzudenken. Die Praxisgebühr von 10 Euro wurde aus politischen Gründen und wegen Fehlern in der Grundsystematik bereits wenige Jahre nach Einführung beendet. Auch sei kein politischer Akteur bislang auf das von den deutschen Kassenärzte vorgeschlagene Wahltarif-Modell eingegangen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen stellen sicher, dass die ambulante medizinische Versorgung reibungslos funktioniert
Gassen, Facharzt Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie, beschreibt im Beitrag, eine Folge der Budgetierung: Durch das Prinzip der freien Arztwahl und der uneingeschränkten Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen sehe sich Deutschland unverändert, einem permanenten Anstieg der Arzt-Patienten-Kontakte und der Behandlungsfälle ausgesetzt. Gleichzeitig würden die Leistungen nur im Rahmen des Budgetdeckels, also quotiert vergütet. «Das bedeutet im Klartext: Für 1 Euro auf der Abrechnung finden sich auf dem Konto nur 90 oder schlechtestenfalls 75 Cent wieder.»

Reduktion der Abgeltung vor allem für Fachärzte 

Der Anteil der nur anteilig vergüteten Arbeit sei ferner regional und nach Fachgruppen verschieden. In manchen Stadtstaaten beträgt die Quotierung – also die Reduktion der Abgeltung der Leistung – bei den Hausärzten 25 Prozent. Vor allem aber im fachärztlichen Bereich sind laut Gassen in allen Fächern hohe Quotierungen zu beobachten.
Selbst wenn das Budget eingehalten werde oder die darüber hinaus erbrachten Leistungen eben nicht oder nur geringfügig vergütet würden, drohten noch Wirtschaftlichkeitsprüfungen, schreibt der 56-Jährige . Und diese münden im schlechtesten Fall in die Rückforderung von bereits ausgezahltem Honorar – bis zu sechsstellige Summen.

«Staatlich verordnete Mehrarbeit»

Für die einzelne Praxis heisse dass: Jeder Arzt müsse in erster Linie die grundsätzliche Entscheidung treffen, sich entweder auf eine permanente Selbstüberprüfung der im bisherigen Quartal «verbrauchten» Budgets einzulassen oder die drohende Quotierung der Leistungen hinzunehmen. Es gebe Kollegen, die sich für den letzteren Weg entscheiden, so der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. «Viele aber registrieren genau, ab wann sie ihre Patienten rechnerisch für umsonst behandeln.»
Doch damit sei nicht genug: Die Politik fordere nun noch zusätzliche Leistungen, mit fünf Sprechstunden mehr pro Woche. So offenbare sich auch eine Überdehnung des Budgetprinzips. Dies sei für die Kassenärzte nicht mehr hinnehmbar. «Sie würde eine staatlich verordnete Mehrarbeit ohne Honorarausgleich bedeuten.» Deshalb will die Kassenärztlichen Bundesvereinigung das Prinzip der Budgetierung aufbrechen. «Die Budgetierung muss weg, in all ihren Facetten!», schreibt Andreas Gassen.

Globalbudget schreckt Nachwuchs ab

Während sich die Budgetierung zu einem spezifischen historischen Zeitpunkt kurzfristig bewährt habe, zeige heute das Instrument der Budgetierung eine kontraproduktive Wirkung, so das Fazit des Mediziners. Unter anderem, weil es den Nachwuchs von der Niederlassung abschrecke. «Es gehört deshalb zugunsten einer verantwortungsvollen Patientensteuerung, wie sie es in der Schweiz grösstenteils schon gibt, abgeschafft.»
Was also die Einführung von Globalbudget in der Schweiz tatsächlich für Konsequenzen haben wird, ist in der Schweiz noch lange nicht ausdiskutiert. Welche Leistungserbringer würden welche Budgets erhalten? Wie hoch soll etwa das Budget eines Radiologen sein? Und wie verhält es sich mit der Stärkung der Hausarztmedizin, wenn die Budgetierung junge Hausärzte verunsichert. Trotz allen Befürwortern bleibt für das Schweizer Gesundheitswesen zu hoffen, dass die Einführung von Globalbudgets nicht mehrheitsfähig ist.
Ärzte im «Gefangenendilemma»
Sehr anschaulich beschreibt Andreas Gassen das in der Spieltheorie vielfach genannte «Gefangenendilemma». In diesem Dilemma befinden sich die einzelnen Ärzte im System eines Kollektivbudgets:
  • Ich weiss, die Menge des Geldes reicht nicht für alle Leistungen, also bekomme ich nur einen Teil meiner Leistungen bezahlt.
  • Ich weiss, dass meine Kollegen das auch wissen. Würden wir beide nur – sagen wir – 95 Prozent der Leistungen erbringen, reicht das Geld für alle erbrachten Leistungen.
  • Ich weiss aber nicht, wie sich meine Kollegen verhalten. Ich weiss nur, dass derjenige, der mehr Leistungen erbringt, auch einen höheren Anteil des Geldes erhält.
Die Konsequenzen: Jeder erbringt, so viel er kann. So verhalten sich rationale Individuen in dieser Situation, obwohl nicht mehr Geld zur Verfügung steht. «Die Ärzte kannibalisieren sich in so einer Welt, der Kollege wird zum Gegner im Verteilungskampf um das Budget.»
Um dies zu vermeiden, gibt es Gassen zufolge innerhalb der Budgetwelt nur eine Lösung: Das kollektive Budget müsse zwingend in kleine handliche individuelle Budgets – letztlich bis auf Ebene der einzelnen Praxen («Regelleistungsvolumina») – zerlegt werden. Diese Aufgabe sei seit Einführung der Budgetierung in Deutschland nicht zufriedenstellend gelöst. Für die bei einem kollektiven Budget unumgänglichen Verteilungsdiskussionen um die Budgetanteile gebe es zudem auch keine korrekte Lösung, es gibt gemäss Gassen nur temporär akzeptable lösungsartige Zustände, also politisch akzeptierte Verteilungsergebnisse.
Artikel teilen

Loading

Comment

2 x pro Woche
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

oder

Mehr zum Thema

image

Das Potenzial der vernetzten Radiologie

Das traditionelle Spitalkonzept muss sich ändern, um den Anforderungen des sich wandelnden Gesundheitswesens gerecht zu werden. Ein Beispiel dafür ist das "Hub and Spoke"-Modell. Am Beispiel des Kantonsspitals Baden (KSB) zeigen wir, wie dieser Ansatz Synergien in der Vernetzung verbessern kann.

image

Spital Samedan prüft Zusammenschluss mit Kantonsspital Graubünden

Die Stiftung Gesundheitsversorgung Oberengadin untersucht zwei strategische Wege in eine nachhaltige Zukunft.

image

Kantonsspital Aarau: Mehr Betten im Neubau

Wegen einer «unverändert hohen Patientennachfrage» plant das KSA nun doch mehr Betten.

image
Gastbeitrag von Anton Widler

Physiotherapie: Eine Aktion gegen den Bewilligungs-Wildwuchs

Bei der Frage, ob bei den Gesundheitsberufen eine Berufsausübungs-Bewilligung nötig ist, gibt es grosse kantonale Abweichungen. Jetzt spielt die Physio-Branchen-Organisation SwissODP nicht mehr mit.

image

Hirslanden: Umbau an der Spitze – näher zu den Regionen

Hirslanden-Zürich-Direktor Marco Gugolz zieht als Regional Operations Executive in die Konzernleitung ein.

image

Was geschieht mit dem Spital Thusis?

Die Stiftung Gesundheit Mittelbünden sucht Wege aus der finanziellen Krise – beraten von PwC. Ein Entscheid soll im Herbst fallen.

Vom gleichen Autor

image

Arzthaftung: Bundesgericht weist Millionenklage einer Patientin ab

Bei einer Patientin traten nach einer Darmspiegelung unerwartet schwere Komplikationen auf. Das Bundesgericht stellt nun klar: Die Ärztin aus dem Kanton Aargau kann sich auf die «hypothetische Einwilligung» der Patientin berufen.

image

Studie zeigt geringen Einfluss von Wettbewerb auf chirurgische Ergebnisse

Neue Studie aus den USA wirft Fragen auf: Wettbewerb allein garantiert keine besseren Operationsergebnisse.

image

Warum im Medizinstudium viel Empathie verloren geht

Während der Ausbildung nimmt das Einfühlungsvermögen von angehenden Ärztinnen und Ärzten tendenziell ab: Das besagt eine neue Studie.